100 Years Of Terror VS. Thrill & Kill: THE WALKING DEAD

Als ich vor einiger Zeit einen Artikel zur aktuellen Lage bei THE WALKING DEAD verfassen wollte, schien es mir unfair einem am Boden liegenden in die Rippen zu treten und suchte in der eigenen Redaktion jemanden, der sich heute noch für die Serie aussprechen wollte. Niemand wollte. Bezeichnend.
Etwa zur gleichen Zeit kam eine Anfrage von den Kollegen von 100 Years Of Terror, ob wir nicht Lust hätten in einer Artikelreihe jeweils die gegensätzliche Meinung zu vertreten und schon war eine Idee geboren.
Hier ist also unsere Einschätzung zu THE WALKING DEAD. Dass es auch andere Meinungen gibt, könnt ihr direkt hier bei 100 Years Of Terror nachlesen. Dort gibt es tatsächlich noch einen Fan von Rick, Beißern und Lucille.

Als THE WALKING DEAD 2010 national und international startete, hatten die zugehörigen Comics bereits einen gewissen Kultstatus und hinter den Kulissen der Serie zog mit Frank Darabont (DIE VERURTEILTEN) einer der besten Geschichtenerzähler seiner Zunft die Strippen.
Was sollte da schief gehen?
Zunächst gar nichts. Die Serie mauserte sich rasch zu einer der größten Shows der Welt und ich war Fan der ersten Stunde. Die 6 Folgen der ersten Staffel hatte tolle, harte Effekte, aber auch eine Story, herzbrechende Tragödien und Drama und schnell verbreitete sich die Kunde, dass man THE WALKING DEAD sehen muss.
Heute wirkt das so absurd, wie sich auf einem Foto aus den 80ern zu sehen (hübscher Vokuhila).

Fast Forward nach 2018: Pro Staffel laufen 16 Folgen, insgesamt inzwischen mehr als 100; Frank Darabont, der nach der ersten Staffel gefeuert wurde, verklagte den Sender AMC auf 280 Millionen Dollar, Comic-Schöpfer Robert Kirkman  klagte ebenfalls und die Drehbücher werden abwechselnd von betrunkenen Grundschülern und den hirntoten Beißern selbst geschrieben.

Man kann darüber streiten, ob die immer noch durchschnittlich rund 7 Millionen Zuschauer (alleine in den USA) pro Episode ein Erfolg sind oder die Abwärtskurve, die sich seit Staffel 5 (damals mit rund doppelt so vielen Zuschauern) fortsetzt, nicht die deutlichere Sprache spricht.

Aber auch wenn nur noch jeder zweite einschaltet, ich schaue immer noch? Warum?
So richtig weiß ich das nicht, aber andere lassen sich gerne den Arsch versohlen, ich quäle mich einmal wöchentlich durch eine Episode TWD, sehe zu wie Rick, der mieseste Anführer seit Donald Trump mit verheulten Augen eine dumme Entscheidung nach der anderen trifft und Negan Monologe hält, die so unfassbar lange sind, dass Menschen dabei verhungern, bevor er sie erschlagen kann.

Negan: Packend wie ein Gespräch mit den Zeugen Jehovas

Ich würde gerne die Meinung derer teilen, die die Serie noch immer so dufte finden wie damals und jede Kritik damit abschmettern, dass es sich ja nicht um eine Zombie-, sondern eine Drama-Serie handelt. Drama klingt zwar besser als Soap, es schmeichelt auch dem eigenen Ego mehr, aber setzen Dramen nicht auf nachvollziehbare Figuren und Ereignisse?
Dass diese müden Beißer, die mal irgendwann die Erde überrannten ungefährlicher sind als die letzte Grippewelle….egal. Das akzeptiere ich. Was ich aber nicht glauben will ist, dass 20 Leute mit automatischen Waffen auf kurze Distanz auf Negan ballern und der ohne Kratzer davonkommt. Kein Wunder, dass man in den USA automatische Waffen für ungefährlich hält.

Rückblickend waren die Zeichen schon lange da. Wie öde und inkohärent THE WALKING DEAD sein kann, deutete sich mit Staffel 2 an, als man weniger Story als im Jahr zuvor in deutlich mehr Folgen aufteilte, Fragen nachging ob jemand während einer Zombieapokalypse eine Waffe tragen sollte, das (immer noch aktuelle) meine-Gruppe-deine-Gruppe-Spiel spielte und sich ansonsten gepflegt auf der Farm langweilte.

Natürlich hatte die Serie auch danach noch viele Momente, aber irgendwann begannen sich die Dinge auch zu wiederholen (bringt doch noch mal den Fleischanzug), echte Dramatik kam nur auf wenn eine der Hauptfiguren das Zeitliche segnete  und die Charaktere blieben unterentwickelt oder waren sprunghafter als ein manisch-depressiver Flummi.

Nichts hält für immer, selbst die besten Geschichten nutzen sich ab, aber wenn man eine solche Erfolgsstory wie THE WALKING DEAD am Laufen hat, ist alles was man tun muss, es nicht völlig zu versauen. Inzwischen wirkt die Serie aber derart führer- und kopflos, als müssten die stinkreichen Verantwortlichen jeden Penny umdrehen oder aber sie  sind so überheblich, sich nicht von den immer kritischeren Stimmen beeindrucken zu lassen.
Man rechnet jede Minute damit, dass Olaf Ittenbach als neuer Showrunner vorgestellt wird. Der schreibt auch keine guten Drehbücher, macht‘s aber trotzdem, ist billig und könnte mal eine kleine Mittelalter-Geschichte mit preiswerten Pappdämonen einbauen.
Hohe Ansprüche dürften diejenigen, die jetzt noch Spaß an dem Mumpitz haben, den THE WALKING DEAD Woche für Woche serviert, ohnehin nicht besitzen.

Selbst Ricks Aussehen spiegelt den Zustand von THE WALKING DEAD wider. Oben: Staffel 1 Unten: Staffel 7

Liebe Produzenten, macht mal was Verrücktes. Lasst Glenn unter einer Mülltonne vorkriechen, unter der er (mal wieder) lag. Lasst Morgan vom Ultrapazifisten, der selbst während eines Angriffs des Gegners keiner Fliege was zu Leide tun wollte und eines Tages ohne Vorwarnung zum besenstielschwingenden Berserker wurde, eine weitere unplausible Kehrtwende vollziehen. Und bitte bitte, gebt uns mehr an den Haaren herbeigezogene WTF-Romantik wie zwischen Rick und Michonne, dem einzigen Paar der Geschichte bei dem die Chemie weniger stimmt als zwischen Merkel und Seehofer.
Aber was immer ihr tut, stellt sicher, dass ihr in JEDER Folge eine neue Gruppe Überlebender einführt, die sich in einer vermeintlich menschenleeren Welt auf engstem Raum ansiedelt. Nur so ist es gewährleistet, dass man die Hauptfiguren nur einmal pro Staffel zu Gesicht bekommt.

Reden wir offen,  eure Fanbase ist in etwa so gut gelaunt, wie die Mitglieder der Saviours. Vielleicht hat nicht jeder die Courage euch sofort den Rücken zu kehren, denn BERLIN – TAG UND NACHT oder UNDERCOVER BOSS sind auch nicht besser, aber es kann doch nicht euer Anspruch sein darauf zu vertrauen, dass die Leute zu faul zum Umschalten sind.
Und während Negans Anhängerschaft vermutlich zum dauerhaften Problem wird, ist alles was ihr tun müsstet, ein paar vernünftige Autoren einzustellen, die die Figuren weniger unsinnige Dinge tun lassen.

Ganz ehrlich, es tut mir leid die Serie am Boden zu sehen, denn ich mochte sie mal gerne.

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