Das Ding mit der Moral

Moral ist gut, Moral ist wichtig… wenn sie nicht bei so vielen ein zweischneidiges Schwert wäre. Lässt sich auf das ganze Leben projizieren aber hier geht’s ja um die Filmszene, also bleiben wir auch bei dieser.

Das ist ein Thema, welches mich bei meinen Aktivitäten in diversen Filmgruppen immer wieder zT amüsiert aber manchmal auch wütend macht. Aber auch im real life trifft man immer wieder, auch als Kinogänger, auf diese nicht ausreichend reflektierte und dauerempörte Unterspezies der Filmkonsumenten.

Ein herrliches Beispiel dafür, war einer meiner letzten Kinobesuche. Wir waren in THE HOUSE THAT JACK BUILT, vom guten alten Lars von Trier. Als halbwegs informierter Mensch, weiß man, dass hier grenzwertiges zu erwarten ist. In diesem Film geschah dann dennoch das, was ich, als Verachter gewisser Clickbait-Seiten, immer wieder belächelt habe, wenn es als Schlagzeile genutzt wurde. Besucher verließen, während der Vorstellung, den Saal.

Was war da passiert? Nun ja, es wurde auf ein circa 5-6 Jahre altes Kind geschossen. Nichts, was man täglich sehen möchte aber es ist halt nur ein Film und der Regisseur ist mehr als bekannt, für genau solche shocking moments. Und auch im Internet liest man es wieder „da wird ein Kind umgebracht, wer sowas guckt, ist krank!“ etc. Wir kennen die Litaneien zur Genüge.

Die Frage, die sich mir auch hier direkt wieder stellte, war: Verweigern diese Menschen dann auch Filme wie ES, FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE, NIGHTMARE, BRAINDEAD ? In all diesen Filmen wird Gewalt an Kindern ausgeübt. Warum gibt es hier keinen Aufschrei? Warum werden solche Filme dann wiederum gefeiert? Bemessen solche Menschen etwa am Alter eines Menschen, wie schlimm für sie sein gewaltsamer Tod auf der Leinwand ist?

Frei nach dem Motto: Ganz schlimm ist es, wenn ein Säugling in einem Film stirbt, besser ist es, wenn das Kind so 6-8 Jahre alt ist, aber so richtig geil wird es erst, wenn die abgemurkste Person das 16. Lebensjahr überschritten hat! – Da beginnt man sich zu fragen, wer hier ein gestörtes Verhältnis zur Realität hat und wessen Einstellung zu Filmtoden nicht so ganz gesund ist.

Aber THE HOUSE THAT JACK BUILT bot auch noch eine weitere Szene, die mir zeigte, wie verkappt auch mein moralisches Konstrukt ist. Ich hatte mit der Tötungsszene an dem Kind keinerlei Probleme aber dann sollte es einem Entenküken an den Kragen gehen. Was soll ich sagen. Ich habe nicht hinsehen können.

Warum das so ist, könnte ich sicherlich fachärztlich klären lassen aber ich schiebe es einfach mal dem Misanthropen in mir in die Schuhe und erörtere das evtl. zu einem späteren Zeitpunkt genauer.

Wir sind alle nicht frei von diesen kleinen Fehlfunktionen und es gibt noch viele Beispiele. Wer kennt zB nicht das immer wieder aufkeimende Drama, sobald irgendjemand im Internet A SERBIAN FILM nennt?! Jedes mal kommen die emotional gefangenen Helikopter-Eltern angeflogen und flippen gänzlich aus. Es wird beleidigt und geschimpft. Bisweilen wird einem sogar die Lebensberechtigung abgesprochen. Aber waren das nicht diejenigen, die vorhin noch bei einem Beitrag zu JEEPERS CREEPERS euphorisch ihre Liebe zu diesem Werk bekundeten? Einem Werk, dessen Regisseur ein verurteilter Kinderschänder ist.

Wenn die moralischen Grenzen so verschwommen sind, dass man Fiktion schwerer wiegen lässt, als die Realität, spätestens dann sollte man sich doch dringend mal mit sich selbst beschäftigen. Denn wenn man nicht das nötige Maß an Selbstreflektion besitzt, um diesen Aspekt auf die Kette zu bekommen, dann hat man auch nicht das Recht, seinen erzürnten Zeigefinger auf diejenigen zu richten, die in der Lage sind, einen Film als das zu sehen und zu bewerten, was er nun mal ist. Ein Film, reine Fiktion!

Denkt mal drüber nach.

‚Peace out‘

 

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