Die Macher: Gaspar Noé

 

Es gibt wenige, aber es gibt sie, die Ausnahme-Regisseure. Gaspar Noé ist einer von ihnen. Er hat nicht viele Filme gedreht aber die, die er gedreht hat, sind, jeder für sich, kleine Meisterwerke. Man kann ihm keinen genauen Stil zuschreiben, auch kein genaues Genre, all seine Filme sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können. Eines ist aber keiner von ihnen, langweilig. Das was Noé ausmacht, ist sein Mut, seine Experimentierfreudigkeit und die Tatsache, dass ihm egal zu sein scheint, was die Masse von seinen Werken hält. Er zeigt die Dinge so unverblümt, wie er sie sieht, ist kein Mann für Schönschreiberei. Seine Filme sind eher die Faust ins Gesicht. Er ist definitiv einer der ganz Großen unserer Zeit und ein Garant für frische und einmalige Filmerlebnisse.

Persönliches:

Gaspar Noé ist ein argentinischer Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann.

Er wurde am 27. Dezember 1963 in Buenos Aires geboren und lebte dort und in NY. Mit 12 Jahren zog er dann nach Frankreich, wo er später Philosophie und Filmwissenschaften am Ecole Louis Lumière studierte.

Bis 1985 arbeitete er als Regieassistent.

CARNE

1985 folgt auch sein Regiedebüt, 1991 dann das erste Werk, welches internationales Aufsehen erregte, CARNE. Ein 40-minütiges Werk über einen misanthropischen Pariser Pferdeschlachter, der all seinen Hass in dem Moment ausleben kann, in dem ein Mann seine autistische Tochter angreift. Da er aber die falsche Person beschuldigt und verstümmelt, wird er am Ende zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. CARNE bekam, aufgrund seines verstörenden Charakters internationale Aufmerksamkeit und wurde von der Kritik hoch gelobt und u.a. auch in Cannes, bei den Filmfestspielen, ausgezeichnet.

MENSCHENFEIND

Mit der finanziellen Unterstützung einer französischen Modeschöpferin, erscheint 1998 der Film, der ihm endgültig den Durchbruch beschert und der von seinen Fans, zu Recht, gefeiert wird, MENSCHENFEIND, welcher die Fortsetzung seines Werkes Carne ist. Wieder geht es um den hasserfüllten Metzger und seine schwierige Beziehung zu seinem Umfeld und seiner autistischen Tochter. Der Film zeichnet sich vor allem durch seine sehr trockene, stumpfe Erzählweise aus und einer ungewöhnlich harten Darstellung der Sex- und Tötungsszenen. Letztere polarisieren auch bei Kritikern sehr. Dennoch räumt Noé mit Menschenfeind in Cannes ab und gewinnt mehrere Preise.

IRREVERSIBLE

2002 ist das Jahr, in dem Noé´s zweiter, großer Erfolg auf die Leinwand kommt. IRREVERSIBLE.

In diesem Werk geht es um drei Freunde, die schöne Alex, ihr Freund Marcus und Pierre, die zusammen auf einer Party feiern. Alex und Marcus geraten im Laufe des Abends in einen Streit und so verlässt Alex die Party alleine. In einer Unterführung wird Alex von einem unbekannten Mann äußerst brutal vergewaltigt und dabei so schwer verletzt, dass sie ins Koma fällt. Marcus und Pierre versuchen auf eigene Faust den Täter zu finden.

Hatte Menschenfeind schon, aufgrund seiner intensiven Gewalt- und Sexszenen, das Publikum eher verstört, setzt IRREVERSIBLE hier noch eine Schippe drauf. Gleich zu Beginn wird dem Zuschauer, bei diesen rückwärts laufenden Film, eine extrem gewaltsame Tötungsszene um die Ohren gehauen, die seiner Zeit 200, der 2400 Premierengäste, aus dem Kinosaal trieb. Dazu kommt dann im letzten Drittel noch eine unglaublich explizite, 10-minütige Vergewaltigungsszene, bei der man auch als geübter Fan intensiven Kinos, Nerven braucht, um sie durchzustehen. Das nächste Besondere an diesem Film sind seine Kamerafahrten, zum einen, weil viele von ihnen sehr anspruchsvoll und auch völlig schnittlos sind und zum anderen aufgrund ihrer Intensität. Mit Verlauf der Story und der Klärung der Vorkommnisse, wird auch die zu Beginn sehr hektische Kamera im Laufe des Films immer ruhiger.

Eine weitere Besonderheit bei IRREVERSIBLE ist, dass Noé für diesen Film ein nur 3-seitiges Skript hatte und die Darsteller sehr viel improvisieren mussten.

IRREVERSIBLE wurde zwar als Skandalfilm propagiert aber erhielt, wie auch MENSCHENFEIND, mehrere Auszeichnungen. Die Newsweek verlieh dem Film den Titel „most walked-out-of movie of the year“

ENTER THE VOID

2009 erschien, nach langer, aufwändiger Produktion in Japan, ENTER THE VOID, ein Film über die letzten Minuten des Gelegenheitsdealers Oskar und seine Erfahrungen nach dem Tod. Ein Film, wie ein wilder Drogentrip, bei dem man jede Sekunde volle Aufmerksamkeit benötigt, um dieser Reise folgen zu können.

LOVE

2015 kam sein Film LOVE in die Kinos. In diesem Film geht es um die sehr intensive und außergewöhnliche Liebesbeziehung eines Paares. Als Stilmittel verwendet Noé hier sehr explizite pornographische Einlagen. Ihm wurde vorgeworfen, es krampfhaft nur auf Skandale abzusehen. Gegen diesen Vorwurf wehrte er sich vehement. In einem Interview, im Jahr 2018, sagte er: „Ein Eklat ist per se nutzlos.“ Es gehe ihm vielmehr darum, das Leben mit all seinen Härten darzustellen. Er sei als Jugendlicher sozialisiert worden mit Filmen von Fassbinder, Pasolini, Scorsese und Cronenberg, die das Dasein in all seinen Facetten schonungslos in ihren Filmen beschrieben hätten. Das tue das kommerzielle Kino heute weniger: „Ich habe das Gefühl, dass meine Filme heute skandalöser wirken, als sie es in den Siebziger- oder Achtzigerjahren getan hätten.“

CLIMAX

Ende 2018 kam Noé´s bisher letzter Film in die Kinos. CLIMAX. Ein Film über eine völlig eskalierende Party unter Tänzern. Getragen wird der Film über seine ganze Länge, durch einen ständig wummernden Clubsound. Besonders sind hier wieder einmal die sehr Langen Schnitte und die Kamerawinkel. Der gesamte Film findet zwar in einem Gebäude statt, liefert aber so viele Schauplätze, dass einem bei diesem „Rausch“ fast schwindelig wird. Zudem ist er gespickt mit diversen Sex- und Gewaltszenen und diversen Tabubrüchen. All das steigert sich im Laufe des Films ins unermessliche und gipfelt in einem Alptraum.

Und wir dürfen wieder gespannt sein, denn noch in diesem Jahr wird Gaspar Noé seine neues Werk LUX AETERNA in Cannes vorstellen.

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