Interview mit Regisseur Brian O’Malley (LET US PREY)

Zum Heimkinostart von LET US PREY haben wir uns mit dessen Regisseur Brian O’Malley unterhalten und Brian entpuppte sich als echte Plaudertasche, der sichtlich Spaß daran hat über seinen Film zu sprechen.
Nehmt euch also etwas Zeit, wer aber einen satten Einblick in den Film haben will, sollte sich unser Frage-Antwort-Spiel nicht entgehen lassen.

Thrill & Kill: Brian, LET US PREY ist dein erster Spielfilm. Daher wusste man nicht wirklich, was man erwarten durfte. Kannst du uns etwas darüber erzählen, wie du zum Regisseur dieses Films wurdest?

Brian O’Malley: Ich habe seit 2001 Werbespots mit der Irischen Produktionsfirma Red Rage Films gedreht. Bis heute über 200. 2004 habe ich den Genre-Kurzfilm SCREWBACK (zu sehen auf Vimeo) geschrieben und auch Regie geführt. Dort spielte Liam Cunningham mit. Das war als Kostprobe für einen Spielfilm namens SISK gedacht, an dem ich mitschrieb. Der war eine Shakespeare-artige Familientragödie vor dem Hintergrund eines zeitgenössischen Gangsterthrillers. Er erzählt die Geschichte eines sterbenden Ex-Gangsters, der nach 30 Jahren im Exil nach Irland zurückkehrt um für seine Sünden zu büßen. Das Skript gewann den Hartley Merrill International Screenwriting Preis in Cannes 2005 und wurde von einer der führenden Produktionsfirmen Irlands aufgegriffen. Wir hatten wiederum Liam Cunningham für die Hauptrolle vorgesehen, außerdem einige andere große internationale Namen.
2009 sorgte die Finanzkrise dafür, dass die Finanzierung des Films zusammenbrach und ich stand ohne Projekt da. Es ist ein schwerer, dunkler und tief emotionaler Thriller und ich hoffe noch immer ihn eines Tages zu drehen.

Zu der Zeit hatte einer meiner Irischen TV Werbespot Produzenten eine tolle Kurzgeschichte über ein kleines Mädchen in Burma geschrieben, deren Familie von der Militärjunta massakriert wurde, was sie dazu zwang über den Salween River nach Thailand zu entkommen. Das basiert auf wahren Begebenheiten und er wollte daraus einen Kurzfilm machen. Ich schrieb das Drehbuch und mit Unterstützung des Irish Film Boards filmten wir 2010 in Thailand. Der Film heißt CROSSING SALWEEN und kann ebenfalls auf Vimeo gesehen werden.

Kurz darauf kontaktierte mich John McDonnell von Fantastic Films und fragte ob ich LET US PREY drehen wolle.
Er verlangte einen Regisseur, der das Genre versteht und einen starken visuellen Sinn mitbringt und da wir oft für Werbespots zusammengearbeitet hatten, kannte er meine Arbeitseinstellung. John und die anderen beiden Produzenten Brendan McCarthy und Eddie Dick dachten ebenfalls, dass ich der richtige für den Job sei. Obwohl ich nie zuvor einen Spielfilm gedreht hatte, boten sie mir den Film an. Das fand ich super.

T&K: Das Drehbuch stammt von David Cairns und Fiona Watson. Inwieweit hast du dich an ihre Vorgabe gehalten und welche eigenen Ideen hast du eingebracht.

Brian O’Malley: Ich mochte das Buch und die Charaktere, aber die Produzenten, haben von Anfang an klar gemacht, dass ich die Freiheit habe, die Geschichte in eine Richtung zu schieben, die mir mehr liegt. Sie wollten keinen 0815-Regisseur, sie wollten jemanden, der der Story seinen Stempel aufdrückt.

Das Skript war sehr stark, mit tollen Charakteren, aber ich wollte mehr Bedrohung und Dunkelheit fühlen. Mehr wie ein Film Noir, platziert in einer ganz normalen Kleinstadt. Ich wollte es unheimlich und unaufdringlich in der ersten Hälfte, damit die zweite Hälfte umso überraschender wird. Also arbeitete ich mit den Autoren und wir formten die Geschichte in etwas, was sich wie „meins“ anfühlte. Ich war Co-Autor bei SISK und meinen zwei Kurzfilmen, daher war es wichtig, einen Film zu drehen, den ich nicht geschrieben hatte, damit es eine Reflektion meiner Gefühle als Regisseur wurde. Ich denke, das gelingt im Rahmen eines verrückten, blutigen und brutalen Horrorthrillers!

Die Originalstory ist ziemlich intakt. Ich habe die Originalidee nicht zerstört, auch nicht deutlich abgewandelt. Aber ich fügte die Eröffnungsszene mit „Six“, der aus dem Meer kommt, hinzu, um das Gefühl zu erzeugen, dass hier etwas von einer anderen Welt auf die Erde gekotzt wird. Die Krähen und das leere Dorf mit Zwischenschnitten von Six, der durch die Landschaft läuft war etwas das ich kreierte um das Publikum in einen Ort zu schicken der seltsam und unvorhersehbar war. Ich wollte es auch elementar, daher eröffnen wir mit Wasser, überqueren die Erde und enden mit Feuer. Six‘ Charakter fühlt sich an wie eine Naturkraft und seine Ankunft und Abschied sollten das reflektieren. Durch Wasser und Erde geboren, durch Feuer eingesogen.
Davon abgesehen änderte ich den Charakter von Six, damit er weniger wie ein Rockstar erschien, wie er anfangs geschrieben wurde. Ich wollte ihn ruhiger und zurückhaltend, damit ihm das Publikum genauer zuhört. Ich dachte, dass er laut und aufdringlich weniger bedrohlich wäre. Sobald wir Liam hatten, wusste ich, dass er diesen Sinn für Bedrohung auch ohne Dialog erschaffen könnte, daher haben wir das zurückgestutzt um ihm mehr Raum zum Atmen zu geben.

Ich sah seine Figur als Mix aus Louis Cypher (ANGEL HEART) und Snake Plissken (DIE KLAPPERSCHLANGE). Jemand der eine bestimmende übernatürliche Kraft vertritt, aber mit einem Weltschmerz von einer Person, die die Welt zynisch betrachtet.

T&K: Ich denke, dass der Cast, angeführt von by Pollyanna McIntosh und Liam Cunningham, sehr stark ist.
Wir hatten ein Interview mit Pollyanna McIntosh als THE WOMAN erschien und sie sagte, dass sie das Horror-Genre noch lernt. Wo siehst du sie heute? Was unterscheidet sie von der durchschnittlichen Scream Queen?

Brian O’Malley: Ich sah Pollyanna das erste Mal in einem britischen Comedy-Drama namens BOB SERVANT: INDEPENDENT. Ich denke, das war gut so, denn ich habe sie nicht sofort im Bereich Horror abgelegt. Ich sah in ihr eine starke Drama-Schauspielerin. Dann sah ich THE WOMAN und bemerkte wie derbe sie sein kann. Die Qualität einer dramatischen Schauspielerin, aber ebenso einer harten Präsenz bedeuteten, dass sie mir die Extreme geben konnte, die ich von ihrer Figur erwartete.
Daher sehe ich Pollyanna nicht als Scream Queen. Ich sehe eine tolle Schauspielerin mit einem großartigen Gespür für Integrität. Sie ist sehr hübsch und hat eine starke physische Präsenz, was dazu führen kann, dass man sie für einen starken Actionhelden halt. Das kann wahr sein, aber sie ist eine sehr sanfte und einfühlsame Person und ich denke dass es diese Eigenschaften sind, die mich anzogen. Sie tut ihre Pflicht, obwohl sie die sich entwickelnden Ereignisse sehr schwierig findet. Sie ist nicht der Terminator, sie leidet und wird verletzt und das kleine Mädchen, das sie einmal war, ist dort unter der Oberfläche. Aber sie ist unsere Heldin und sie lebt noch einen weiteren Tag. Pollyanna ist meine Ripley.

T&K: Liam Cunningham spielt ebenfalls einen interessanten Typen, der leicht übertrieben oder lächerlich hätte erscheinen können, aber Six ist ein finsterer Charakter, der schwer zu durchschauen ist und während wir eine Idee erhalten, was er ist, wird es nie 100% klar. Also, wer oder was ist Six.

Brian O’Malley: OK, ich werde Davon ausgehen, dass alle Leser den Film sehen, bevor sie das hier lesen. Achtung SPOILER!!

Liam ist der Tod. Er ist der Teufel und heute Nacht ist er gekommen, um die Seelen der Verdammten zu sammeln.
Als Kind im katholischen Irland war ich durch den Teufel immer verwirrt. Uns wurde gesagt, dass er böse sei, doch er nahm ja nur die Seelen der Sünder. Aber wenn du kein Sünder bist und nichts falsch gemacht hast, was ist dann das Problem? Das ist, wie ich Six‘ Figur im Film sehe. Er kann ein Guter sein, solange du nichts angestellt hast.
Aber er ist auch alt und sehr müde. Er wandelte über die Erde seit Ewigkeiten und als wir ihn treffen, ist es ein Job für ihn geworden. Wie Snake Plissken in DIE KLAPPERSCHLANGE, muss er seine Arbeit tun, aber das bedeutet nicht, dass es ihm Spaß macht. Er ist auch einsam und will seine Zeit mit jemanden teilen. Vor vielen Jahren, vielleicht 10 oder 15 traf er ein Kind, während er die Seele eine Pädophilen nahm. Und Jahre später, heute, ist die Nacht, wo er sich der Erwachsenen zeigt, die sie inzwischen ist. Alles dreht sich um Rachel. Die ganze Nacht ist ein Ständchen für sie.

T&K: Ich bin ein großer Fan von LET US PREY, aber es gibt eine Sache, über die ich mir lange nicht klar war. Es scheint als wäre zu viel nicht zusammenhängende Gewalt in der gleichen Stadt am gleichen Tag. Es scheint als wäre das entweder ein komischer Zufall oder Six lässt die Leute das tun. Kannst du uns mehr dazu sagen?

Brian O’Malley: SPOILER!
Das ist kein Zufall, das ist so gedacht. Six ist der Teufel und er hat heute Nacht als die Nacht ausgesucht um die Seelen der Verdammten zu ernten. Seine Anwesenheit dort sorgt dafür, dass sie ihre wahre Natur zeigen und einer nach dem anderen zeigt, dass sie ihren Platz in der Hölle verdient haben. Außer Rachel, die ihre Chance erhält, ihn zu begleiten.

Du kannst dir also vorstellen, dass dies seine Arbeit ist. Er bereist die Welt um Seelen mit sich zur Hölle zu nehmen. Nun ja, es ist einfacher mehr Seelen am gleichen Ort einzusammeln. Er ist ein Marionettenspieler und hat seine Fäden so gezogen, dass jeder heute Nacht am gleichen Ort ist. Aber denk daran, sein Fokus liegt auf Rachel. Sie ist der Grund warum er da ist. Sie ist der Grund warum das geschieht, ihre erste Nacht in ihrem Job.
Es ist wie in einem Western. Der Fremde kommt in die Stadt und die Hölle bricht los. Aber nichts ist Zufall.

T&K: Du bist aus Irland und während von dort nicht allzu viele Horrorfilme kommen, erinnere ich mich an einige schöne jüngere Beiträge wie GRABBERS oder STITCHES (inzwischen würde ich auch THE CANAL dazuzählen – Anm. des Verfassers). Gibt es eine ordentliche Szene von Filmemachern? Und wie viel Unterstützung gibt es vom Irish Film Board?

Brian O’Malley: Es gibt eine sehr solide Filmszene in Irland und wir erhielten tollen Support durch das Irish Film Board, LET US PREY wurde vom IFB gefördert, aber auch durch Creative Scotland.
Genre-Kino ist in Irland nicht so üblich. Wir machen Horror, was sehr populär ist, aber Science Fiction und Actionthriller sind rar, beinahe nichtexistent. Ich liebe das Genre, weswegen mir der Film angeboten wurde und ich hoffe mehr davon zu machen, aber wir müssen den Durchbruch in Irland schaffen und Genrekino erzeugen, das ein großes Publikum erreicht. Es gab sicher einige große Filme, wie LOCKOUT und LAST DAYS ON MARS, aber das ist nicht Standard. Das gilt vermutlich für viele Gebiete, denn man versucht gegen Hollywood anzutreten. Das reine Genrekino ist in Irland noch relativ neu, aber das ändert sich. Es gibt Platz für alles.

T&K: Worum wirds in deinem nächsten Film gehen?

Brian O’Malley: Ich habe das Drehbuch für meinen nächsten Film fertiggestellt. THE LOST STATION. Das wird eine Geistergeschichte über einen Track Walker (jemand, der die Schienen einer Bahnstrecke untersucht) in der Londoner U-Bahn, der ein dunkles Geheimnis und eine abscheuliche, bösartige Kraft entfesselt. Es wird eine sehr unheimliche, blutlose Horrorgeschichte, die den Londoner Untergrund als Charakter nutzt. Ich dachte immer, dass die beste Szene in AMERICAN WERWOLF die Szene im Untergrund ist und das war etwas, das ich mehr erforschen wollte. Leute von überall auf der Welt waren schon mal im Londoner Untergrund, daher ist das ein Setting, das viele Leute kennen. Und die Idee, dass etwas unerklärliches und abschreckendes in den Gängen und Tunneln ist, kann man leicht nachvollziehen, wenn man schon mal alleine nachts an einer leeren Haltestelle stand.

Wer das Interview auf Englisch lesen will <<Klickt hier>>

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