Interview mit TRAUMA – Regisseur Lucio A. Rojas

Trauma. Lucio A. Rojas

Wenn du als Filmemacher aus Chile einen Film drehst, der nicht nur in vielen Ländern vertrieben wird, sondern auch kontrovers diskutiert wird, hast du irgendetwas richtig gemacht.
Zwar ist Lucio A. Rojas schon einige Jahre im Business, aber erst mit dem harten TRAUMA, das -nomen est omen- das kollektive Trauma seines Heimatlandes angeht, wurde ihm eine breite Aufmerksam zuteil.

Wir unterhielten uns mit Lucio über Zensur, seine Heimat, Diktator Pinochet und Vergleiche zu A SERBIAN FILM.


T&K: Trauma ist mehr als ein typischer Rape & Revenge – Film. Wie kamst du auf die Idee für den Film?

Lucio A. Rojas: Ich musste mir nichts ausdenken. Als Chilenen sind wir uns bewusst, was wir während der brutalen Diktatur von General Pinochet über 17 Jahre lang erlebten.
Wir kennen alle die Gräueltaten und Missbräuche, die sich während einer der sadistischsten, brutalsten und grausamsten Diktaturen in der Geschichte ereigneten. Zehntausende wurden gefoltert, Tausende verschwanden und am schlimmsten, die Schuldigen kamen straffrei davon.

Dazu kommt, dass wir in einem Land bzw. einem Kontinent leben, wo sexueller Missbrauch an Frauen ein tägliches Ereignis ist und wir versinken in einer sehr aggressiven, gewalttätigen Gesellschaft, die seine Nachbarn jeden Tag weniger respektiert. Darum ist alles in Lateinamerika schäbig, schmutzig und man wächst in eine sozial schwierige Umgebung hinein. Gewalt ist Teil unserer Existenz und wir versuchen sie möglichst ehrlich für unser Kino einzufangen.
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T&K: Du hast Augusto Pinochet und die dunkle Zeit, durch die dein Land unter ihm gehen musste, bereits erwähnt.
Während Pinochet in Eurpa nicht komplett unbekannt ist, sind viele Leute hier nicht wirklich mit der chilenischen Geschichte vertraut. Was kannst du uns über diese Zeit noch berichten?

 Lucio A. Rojas: Es ist die dunkelste Ära unserer Geschichte. Es war eine Diktatur, die am 11. September 1973 begann und bis 1990 dauerte. Ich würde behaupten, dass wir noch immer in einer Diktatur leben und im Augenblick werden wir von der Verfassung von 1980 regiert, der Arbeit von Pinochet und seiner politischen Handlanger.
Dieser Diktator kam aus der chilenischen rechten Ecke und wurde durch das Militär meines Landes unterstützt, das sich in unserer Geschichte immer der Ermordung von Zivilisten und Unschuldiger widmete.

Zehntausende wurden mit den brutalsten und widerlichsten Techniken gefoltert, die man sich vorstellen kann. Tausende Menschen, die vermisst und vermutlich nie gefunden werden. Das verarmte Land. Alle Firmen wurden privatisiert, was das schlimmste ist, das unserem Land passieren konnte. Und 45 Jahre nach dem Putsch hat sich das Land immer noch nicht erholt, vor allem dank vieler Unterstützer des Diktators und einem ultrarechten Flügel, der kraftvoll zurückkommt.

 T&K: Der Film enthält nicht nur Pinochet – Referenzen, sein Name wird sogar erwähnt. Wie viel dieser Geschichte beruht auf Tatsachen?

Lucio A. Rojas: Alles beruht auf Tatsachen. Das härteste daran ist, dass der Sadismus und die Brutalität, die wir auf dem Bildschirm zeigen, sogar noch hinter dem zurückbleibt, was sich in Chile ereignete. Dutzende Männer, die ein Opfer vergewaltigen. Hunde wurden darauf trainiert Frauen zu vergewaltigen. Verwandte wurden gezwungen ihre Familie vor den Augen anderer Familienmitglieder zu vergewaltigen. Alle Arten von Missbrauch, die sich im Film ereignen, passierten in diesen Jahren.
Daher ist das was wir im Film erzählen, nur ein kleiner Teil davon und ich versichere dir, dass es abgeschwächt wurde, damit wir das was in Chile und vielen anderen lateinamerikanischen Ländern während der Diktaturen geschah, überhaupt zeigen können.
Das ist der traurigste und entmutigendste Teil des Films.

T&K: Die Leute vergleichen TRAUMA mit A SERBIAN FILM. Kannst du nachvollziehen, warum? Und hast du dich selbst in irgendeiner Weise durch A SERBIAN FILM beeinflusst gefühlt?

 Lucio A. Rojas: Ja, die Vergleiche zwischen TRAUMA und A SERBIAN FILM sind da. Kein Wunder, den unser Film ist sicher der brutalste und extremste in den letzten Jahren. Vielleicht der extremste nach A SERBIAN FILM. Aber wichtiger als in ein Extrem zu verfallen, war es uns wichtig einen guten Film zu erschaffen.
Der Vergleich liegt auch darin, dass beide Filme ihre Inspiration aus den politischen Situtionen des jeweiligen Landes zogen, die seine Einwohner sozial und politisch prägten.
Ich respektiere die Arbeit von A SERBIAN FILM und obwohl es keine cinematographischen oder erzählerischen  Einfluß gab, war er eine Inspiration einen wagemutigen, tapferen Film zu erschaffen, ohne an die Mainstream – Kreise zu denken oder politisch korrekt sein zu wollen.

Wir haben einfach den Film gemacht, den wir glaubten drehen zu müssen, auch mit dem Risiko, dass wir Probleme mit dem Vertrieb oder auf dem Markt bekommen. Aber dafür gibt es viele andere Filme. Titel wie A SERBIAN FILM oder TRAUMA tun, was Kunst manchmal tut. Sie nehmen ihre Zuschauer in die Pflicht sich mit etwas auseinanderzusetzen oder provoziert zu fühlen.
Das alleine ist ein Alleinstellungsmerkmal solcher Filme.

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T&K: Man muss offiziell 18 Jahre alt sein, um TRAUMA in Deutschland sehen zu dürfen. Trotzdem ist der Film dann um 13 Minuten geschnitten. Was denkst du darüber?

Lucio A. Rojas: Ja, es ist eine Schande, dass die Version, die jetzt erhältlich ist, so viele Minuten kürzer ist. Ich bin ein Verteidiger des freien Ausdrucks jeder Art, vor allem in künstlerischer Gestalt und mag, wenn der Inhalt von Arbeiten dem Konsumenten so nahegebracht wird, wie er ist. Dann müssen diese entscheiden, ob sie es sehen möchten oder nicht.
Aber es gibt Gesetze und die müssen wir befolgen. Was uns aber am meisten an den 13 fehlenden Minuten stört, ist, dass es Dinge gibt, die dann nicht mehr verständlich sind, denn in dieser Schnittfassung ist die erste Szene nicht komplett, die fundamental für das Verständnis des Films ist.

Ich glaube auch, dass 13 fehlende Minuten das meiste sind, was man in mehr als 14 Jahren aus einem Film geschnitten hat. (Hier liegt Lucio allerdings falsch. Filme wie HOSPITAL oder THE BAD MAN können diese Zahl noch toppen —Anm. der Redaktion.)
Ich hoffe, dass der Vertrieb in einiger Zeit die volle Version auf den Markt bringt.

T&K: TRAUMA war wie eben gesagt sehr brutal. Wirst du versuchen das mit deinem nächsten Film noch zu toppen? Oder wirst du in eine andere Richtung gehen?

Lucio A. Rojas: Um ehrlich zu sein, TRAUM noch überflügeln zu wollen, wäre schwer. Und ich bin nicht sicher, ob es sinnvoll wäre, denn ich hätte eine Menge Probleme meinen Film zu vermarkten.
Die nächsten Projekte gehen in eine andere Richtung. Gerade drehen wir einen Kurzfilm namens CONTAGION (Co-Autorin ist Ximena del Solar, die eine der Frauen aus TRAUMA spielt), das Teil der internationalen Horror-Anthologie ILL ist und auch Beiträge aus Italien und Deutschland enthält.

Am Ende des Jahres werde ich einen Film namens FASCINARE drehen. Während es nicht der gewalttätigste, extremste ist oder die Brutalität von TRAUMA hat, denke ich, dass er trotzdem kontrovers aufgenommen wird, denn er handelt von einem Pädophilen, der sein Leben lang gegen das Monster in ihm ankämpft.

Ich bin ausführender Produzent eines wundervollen Projektes namens 28, das eine Anthologie aus fünf Horrorkurzfilmen von verschiedenen Regisseuren ist, geschrieben und erdacht von Sandra Arriagada.

Außerdem schreiben wir ein sehr ambitioniertes Projekt namens LAMIAE, ein Horror- und Fantasyfilm, der im August 2020 in Chile und Argentinien gedreht wird.
Es ist ein Co-Produktion Mexikos, Frankreichs, Chiles und Argentiniens. Es ist ein ambitioniertes, großes Projekt, das vermutlich einen langwierigen Postproduktionsprozess durchlaufen muss und Ende 2021 oder Anfang 2022 fertig sein wird, mal sehen.
Obwohl diese Filme nicht so brutal wie TRAUMA sein werden, sind wir uns bewusst, dass ich ein Team anführe, dass die riskantesten und interessantesten chilenischen Genrefilme auf den Markt bringt.

 

PS: nächste Woche haben wir noch ein verwandtes Interview mit Hauptdarstellerin Ximena del Solar

For those who would like the interview in English, CLICK HERE

 

 

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