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Posted 5. März 2017 by Mick in Kolumne
 
 

Kolumne: Der Film, den ich nie wieder sehen werde

Wir alle haben diesen Film.
Diesen einen Horrorfilm, der uns die Kindheit ruinierte. Uns nächtelang wachhielt, Alpträume bereitete und an unseren Gehirnwindungen nagte.
Offen gestanden, gab es in meiner Kindheit einige dieser Filme. Ich war zu jung, als ich das erste Mal THE FOG sah und immer noch zu jung als ich das erste Mal von einem Typen namens Freddy hörte.

Es gibt aber diesen einen Film, der mich nachhaltig beschäftigte.
Ich will heute nostalgisch werden und auf einen Film zurückblicken, der bei den meisten nicht sofort aufpoppt, wenn sie an das Wort Filmklassiker denken, von dem ich aber weiß, dass er auch anderen Horrorfans Angst bereitete (hier und hier).

Um es nicht noch spannender zu machen, die Rede ist von FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE und ich will euch meine Geschichte dazu erzählen.
Ich nehme euch dazu mit in meine Jugend, an einen verregneten Novembertag im Jahr 1989. Die Berliner Mauer war gerade gefallen und auf Platz 1 der Kinocharts war FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE, ein Film nach einer Romanvorlage eines gewissen Stephen King.
Ich war ein Heranwachsender, der die Romane von King noch nicht für sich entdeckt hatte, aber schon den einen oder anderen Horrorfilm gesehen hatte, obwohl ich dafür zu jung war.

Das galt natürlich auch diesen Film, den ich aufgrund seiner Altersfreigabe ab 18 theoretisch erst ein halbes Jahrzehnt später hätte sehen dürfen, aber wer auf dem Land aufwächst, weiß wie man auch im falschen Alter eine Flasche Schnaps oder ein Kinoticket bekommt.
Ich kann mich erinnern, dass das Kino gut besucht war und ich mit meinen Freunden sehr weit vorne sitzen musste, also nah an der Leinwand, was jeden Eindruck noch verschärfte.

Ich will euch nicht mit Inhalten zum Film langweilen, falls ihr FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE nicht gesehen habt, holt es nach, auch auf die Gefahr hin, dass ihr ihn unter heutigen Publikumsansprüchen nicht mehr zu schätzen wisst, weil er keine Jumpscares im Minutentakt aufweisen kann.

Was FDK aber bietet ist eine vernichtende Atmosphäre, die sich auf dem omnipräsenten Thema Tod aufbaut, der sich hier gekonnt von allen Seiten anschleicht. Der Tierfriedhof hinter dem Haus, die tote Frau des Nachbarn, der bei einem Autounfall getötete Student, die überfahrene Katze, der „andere“ Friedhof, das tote Kind und….Zelda, die an Multipler Sklerose erkrankte Schwester von Rachel, die im Film die Mutter der Familie ist.

Zelda ist zunächst nur ein Rückblick, eine Kindheitserinnerung von Rachel, die sie eines Nachts mit ihrem Mann teilt, so wie ich meine Erinnerungen gerade mit euch teile.
Zelda wurde aufgrund ihrer fortgeschrittenen Krankheit (im Buch ist es übrigens spinale Meningitis) von ihren Eltern in einem Hinterzimmer gehalten, wo sie der Verfall in den Wahnsinn trieb und sie starb qualvoll, während Rachel alleine mit ihr war.

ZELDA…als ich sie das erste Mal sah, empfand ich sie als unangenehm real, aber es war nicht nur ihr Äußeres. Es war ihre Stimme, ihr Wesen, das meinem jungen Ich zusetzte und mich wünschen ließ nicht gar so nahe an der verdammten Leinwand zu sitzen.

Trotzdem verließ ich das Kino mit dem Gedanken schon härteres gesehen zu haben und meinte das auch so. Andere Filme haben einen höheren Bodycount, mehr Blut, mehr wandelnde Leichen, mehr von allem, aber sie werfen keinen zweijährigen vor einen Holzlaster. Und vor allem taucht Zelda nicht in ihnen auf.
Es sollte eine Weile dauern, bis sich mein Unwohlsein, das ich verspürte, verdeutlichte, aber Zelda hatte es geschafft sich in meiner Psyche zu verhaken und dort blieb sie lange Zeit.

Nein, ich musste nicht in psychologische Behandlung, aber wenn ich Alpträume hatte, tauchte sie häufig darin auf, auch noch Jahre später.

Heute weiß ich, dass Zelda von einem Mann gespielt wurde und ich hatte letztes Jahr die Gelegenheit mit Miko Hughes (dem Darsteller des kleinen Cage Creed) zu sprechen, der Zelda ebenfalls angsteinflößend fand, nachdem er alt genug war, seinen eigenen Film zu sehen.
Aber ich habe bis heute nie wieder FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE gesehen. Ich habe das Buch gelesen, ich habe Teil 2 gesehen und die Arbeit bei Thrillandkill.com bringt es mit sich, dass mir hier und da auch ein Foto von Zelda begegnet, aber ich habe nie wieder den ganzen Film gesehen.

Anfangs war der Grund dafür meine Angst. Ich kann mich erinnern, dass einige meiner Freunde FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE sehen wollten, nachdem er auf Video veröffentlicht worden war und ich mich unter einer fadenscheinigen Ausrede davonstahl (und das, obwohl eine junge Dame dabei war, die ich seinerzeit sehr mochte).

Ich glaube, dass mir FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE bzw. Zelda auch heute noch Angst machen würden, zumindest ein bisschen Gänsehaut, aber der Grund, warum ich den Film nicht wieder sehen will, ist inzwischen ein anderer:

Mit zunehmendem Alter werden die Monster unter den Betten weniger. Zuerst glaubt man nicht an den Weihnachtsmann, dann stellt man fest, dass die Geräusche aus dem Elternschlafzimmer zwar verstörend, aber nicht bedrohlich sind und schließlich hat man mehr Angst vorm Finanzamt als vor Freddy Krüger.
Ich will aber meine Angst vor Zelda, die Teil meiner Kindheit ist und wie nichts anderes für meine Liebe zum Horror steht, nicht verlieren. Ich will mir nicht FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ansehen und sagen: „Ja, ganz nett“. Ich will nicht feststellen, dass die Masken nicht so gut sind, wie ich sie in Erinnerung hatte (den Fehler habe ich mit DÄMONEN gemacht), sondern in dem Glauben weiterleben, dass es ein Hinterzimmer gibt, in dem diese verrückte in ihren eigenen Exkrementen und ihrem eigenen Wahnsinn dahinvegetiert und darauf wartet, mir in meinen Alpträumen aufzulauern.

Was ist mit euch? Gibt es einen Film, um den ihr einen Bogen macht, obwohl ihr ihn gut findet?

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