Buch-Review: EVIL

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Redaktion: 10.0

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6.2/10 (19)

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Als EVIL erstmals auf Deutsch erschien, dürften viele Käufer weniger durch den hier unbekannten Autor Jack Ketchum, als vielmehr durch das Vorwort von Stephen King, dessen Name in großen Lettern auf dem Cover prangte, auf das Buch aufmerksam geworden sein.
Wer King kennt, kennt auch dessen Humor und so nimmt man die Grausamkeiten, die er in den ersten Seiten schildert, nicht wirklich ernst bzw. rechnet mit den üblichen Horror-Brutalitäten, die der Star-Autor in seinen eigenen Büchern verwendet…und liegt falsch.

Dabei beginnt EVIL fast wie eine Geschichte, wie man sie von Stephen King kennt.
Es scheint eine idyllische Nachbarschaft zu sein, in der David in den 50er-Jahren aufwächst. Es ist Sommer, seine Freunde wohnen nebenan und plötzlich tritt die hübsche 15-jährige Meg in sein Leben, die nach einem Autounfall, bei dem ihre Eltern ums Leben kamen, zusammen mit ihrer Schwester bei Tante Ruth unterkommt.
Ruth ist eine alleinerziehende Mutter dreier Söhne und bei den Kindern in der Nachbarschaft beliebt.
Doch sie ist mit den beiden zusätzlichen Kindern überfordert und lässt über Jahre aufgestaute Frustration an ihrer Situation an den beiden Mädchen aus. Zunächst mit Beschimpfungen und Schikane, dann mit Schlägen. Als Meg sich an einen Polizisten wendet und Hilfe sucht, eskaliert die Situation.

Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden von dem inzwischen erwachsenen David, der selbst keineswegs als strahlender Held dargestellt wird, sondern als ambivalente Figur, die einerseits insgeheim in Meg verliebt ist, anderseits von den Ereignissen überwältigt ist und als Zeuge zwar nicht aktiv an der Gewalt gegen Meg teilnimmt, aber auch zu wenig dagegen unternimmt.

Jack Ketchum tut in EVIL das, was er am besten kann und inzwischen zu einer Art Markenzeichen in seinen Büchern geworden ist: Er zeigt wie es dazu kam.
Wenn wir davon hören, dass ein junges Mädchen von mehreren Menschen grausam gefoltert wurde, ist das unglaublich. Ketchum schafft es dieses Verbrechen durch tiefe Charakter nachvollziehbar zu machen, ohne in Klischees zu verfallen oder die Gewalt gutzuheißen. Er gibt Einblick in die Abwärtsspirale der Misshandlungen, lässt uns jeden Schritt verstehen, bevor er die nächste Windung noch enger zieht.
Dass die Handlung kurz nach dem zweiten Weltkrieg ansetzt, zu einer Zeit, als man sich um Kommunisten und die atomare Bedrohung sorgte, aber nicht um die Schattenseiten seiner Nachbarn, kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass das behandelte Thema an Aktualität nichts verloren hat.

Anders als Stephen King, der gerne in seine Erzählungen abschweift, hat Ketchum einen eher nüchternen Schreibstil, der skalpellscharf auf den Punkt kommt und unnötige Schnörkel vermeidet.
Monster, Vampire oder Werwölfe sucht man vergebens, nicht einmal ein maskierter Machetenmörder deutet darauf hin, dass man es hier mit Fiktion zu tun hat.
Das Buch bietet keine nennenswerten Wendungen oder Überraschungen, dafür aber eine seltene Intensität.

Es gibt eigentlich nur zwei Wege EVIL zu lesen: An einem Stück, um es schnell hinter sich zu bringen oder mit vielen Pausen um das Gelesene in ertragbare Stückchen zu unterteilen.
Die vereinzelte Kritik, dass Ketchum zu voyeuristisch vorging, ist kaum haltbar. Jeder, der als Leser Zeuge der Verbrechen in Ruths Keller wird, möchte dort so schnell wie möglich entfliehen.
Ich kenne niemanden, der EVIL für ein schlechtes Buch hält, aber auch niemand, der es gerne las.

Es ist das verstörendste Werk, das mir je unterkam, eine Sezierung eines unfassbaren Verbrechens, das auch dann noch schwer zu verdauen ist, wenn man die letzte Seite gelesen hat, denn das perfide an dieser Geschichte ist, dass sie auf einem realen Fall basiert.

10 Punkte!

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