Classic-Review: DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN (1968)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 9.0

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9.7/10 (3)

Darsteller: Duane Jones, Judith O'Dea, Karl Hardmann
Regie: George A. Romero, John A. Russo
Drehbuch: George A. Romero
Länge: 96 min
Freigabe: 16
Land:
Genre:
Veröffentlichung: 1968

Denkt man an den Klassiker der Zombiefilms schlechthin, werden die meisten wahrscheinlich automatisch an DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN von Kultregisseur George A. Romero denken (auch, aber nicht nur aufgrund zahlreicher Sequels und Neuverfilmungen).

Möchte man Zombies im weitesten Sinne als wiederbelebte Tote definieren, fällt bereits die ersten FRANKENSTEIN-Verfilmung aus dem Jahr 1910 in diese Kategorie. Die ersten klassischen Zombies dagegen kamen ab den 1930er Jahren, unter anderem im Vorreiterfilm THE WHITE ZOMBIE (1932) vor. Zu dieser Zeit waren Zombiefilme vor allem durch westliche Vorstellungen des Voodoo-Kultes geprägt.

Mit dieser Tradition brach der 1968 veröffentlichte Low-Budget Film, der als Privatprojekt entstanden war. Ist zunächst vollkommen unklar, woher die lebenden Toten kommen, stellt sich im Laufe des Films heraus, dass es wahrscheinlich auf einer außerirdischen Strahlung basiert, die von einer Weltraumsonde mit auf die Erde gebracht wurde. Mehr Erklärung wird zu diesem Phänomen nicht geliefert. Es gibt, anders als in bisherigen Zombiefilmen, hier keinen menschlichen Meister, dem sie gehorchen, oder der sie von den Toten hat auferstehen lassen. Mit diesem Film wurde somit der Grundstein gelegt, für den Zombiefilm, wie wir ihn heute kennen, in denen die wandelnden Toten eine eigenständige Kraft, unabhängig von menschlichem Wirken oder dessen Willen darstellen.

Interessant ist in diesem Film auch die generelle Erzählstruktur. Beginnt er noch mit dem Geschwisterpaar Barbra und Johnny, wird dieser noch in den ersten fünf Minuten des Films auf einem Friedhof von dem ersten auftretenden Zombie umgebracht. Somit beginnt der Spannungsbogen gleich auf einem sehr hohen Niveau, welches sich noch steigert, als Barbra panisch flieht und sich in einem Haus zu verstecken sucht. Dort trifft sie, wie sich bald herausstellt, den eigentlichen Hauptprotagonisten, den Afroamerikaner Ben und bald darauf noch das Pärchen Tom und Judy, sowie das Ehepaar Harry und Ellen Cooper, mitsamt Tochter Karen, die bewusstlos im Keller liegt. Während Ben nicht nur die Hauptrolle im Film, sondern auch das Kommando im Haus übernimmt, verschwindet Barbra nach einem Nervenzusammenbruch in der narrativen Bedeutungslosigkeit.

Der Großteil des Films findet von nun an in dem Szenario statt, welches wir seit der Nacht der lebenden Toten als geradezu klassisch empfinden: in einem verbarrikadierten Haus, welches von Horden von Untoten belagert wird. Über das Radio erfahren wir im Laufe der Zeit, dass es sich um eine landesweite Katastrophe zu handeln scheint.

Einen Großteil des Films nimmt dabei der Streit zwischen Ben und Harry ein, da letzterer nicht akzeptieren will, dass Ben das Kommando gibt und von da an jede seiner Entscheidungen in Frage stellt oder offen boykottiert. Dieser Streit findet gegen Ende das Film seinen Höhepunkt, als Harry beim Versuch Ben loszuwerden selbst von diesem verwundet und anschließend von seiner, mittlerweile zum Zombie gewordenen Tochter im Keller getötet wird. Dieser Streit zeigt die interessante Doppelstruktur des Films. Zum einen die Bedrohung von außen durch die Zombies, zum anderen die Bedrohung von innen, durch die Mitmenschen. Es mag wenig überraschen, dass man dieses narrative Konstrukt in den meisten Zombiefilmen und -serien der folgenden Jahrzehnte wiederfindet.

Außerdem mag nicht zu viel hinein interpretiert sein, wenn man dahinter eine sozialkritische Botschaft sieht. Die USA der 60er Jahre befanden sich sowohl durch ihre Außenwelt (z.B. die Sowjetunion), wie auch in ihrem Inneren (z.B. die Anti-Vietnam Demonstrationen) in einem permanenten Krisenstatus. Das der Hauptprotagonisten als einziger Afroamerikaner das Kommando in dem Haus übernimmt, mag zu jener Zeit, als die Bürgerrechtsbewegung noch in vollem Gange war und selbst die offizielle Rassentrennung erst vier Jahre zuvor abgeschafft wurde, eine starke Message an den Zuschauer gewesen sein. Diese wird noch verstärkt, indem sein Antagonist, der stereotype, weiße Spießbürger aus der Mittelschicht, Harry Cooper, sich nicht nur durch Hinterhältigkeit, sondern ebenso durch Inkompetenz auszeichnet.

Mit dem Finale des Films wird ein weiteres Zeichen in diese Richtung gesetzt. Nachdem Ben es gelungen war, als einziger den finalen Ansturm der Zombies zu überleben, wird er von weißen Mitgliedern einer Bürgerwehr erschossen, die ihn für einen Zombie halten.

Neben diesen Elementen lassen sich auch zahlreiche weitere finden welche zukünftige Filme dieser Art prägen sollten. Dazu gehört unter anderem, dass Zombies nur durch einen Kopfschuss zu töten sind. Auch Nahaufnahmen vom Verzehr menschlichen Fleisches durch die Untoten, besonders in einer solch graphischen Darstellung, dürfte das damals noch eher unbedarfte Publikum (und die Zensur) ebenso geschockt haben, wie es später stilprägend für das Subgenre des Zombiefilms wurde.

Als interessantes Detail mag angemerkt sein, dass im Laufe der Jahrzehnte Zombies weiter an Intelligenz eingebüßt zu haben scheinen. Zeichnen sie sich schon in der NACHT DER LEBENDEN TOTEN nicht gerade durch besondere Agilität und strategisches Vorgehen aus, sind sie immerhin in der Lage Werkzeuge zu benutzen. Denkt man dagegen an ihre Kollegen aus THE WALKING DEAD ist man schon erstaunt, wenn sie es meistern, eine Treppe zu benutzen.

Um zu einem Fazit zu kommen: sowohl die damals drastische Gewaltdarstellung, wie auch narrative Elemente und eine hintergründige Sozialkritik sollte für die kommenden Generationen von Zombiefilmen von prägendem Einfluss sein. Und wenn man über die teilweise etwas überzogen wirkende, aber natürlich der Zeit geschuldete, Darstellung mancher Schauspieler hinwegsehen kann, hat man mit der NACHT DER LEBENDEN TOTEN nicht nur einen stilprägenden Klassiker vor sich, sondern auch einen Film, der einem heute noch das Gruseln lehren kann.

P.S. Zudem kann man sich dabei durchaus einreden, etwas für seine Bildung zu tun. Immerhin wurde der Film von der Bibliothek des US-Kongresses in das Nationale Film Register („culturally, historically, or aesthetically significant“), sowie in die Filmsammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen.

 

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