Classic-Review: FRANKENSTEIN (1931)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 9.5

Please rate this

9/10 (1)

Darsteller: Boris Karloff, Mae Clarke, Colin Clive
Regie: James Whale
Drehbuch: John L. Balderston
Länge: 70 min
Land:
Genre:
Veröffentlichung: 1931
FSK: ab 16

Zusammen mit DRACULA gehört FRANKENSTEIN wohl zu den am häufigsten verfilmten und bearbeiteten Geschichten des Horrorgenres. Basierend auf Mary Shelleys Roman FRANKENSTEIN ODER DER MODERNE PROMETHEUS kam 1931 diese Verfilmung in die Kinos und wurde zum stilprägenden Ereignis, dessen Auswirkungen sich nicht nur in zahlreichen weiteren FRANKENSTEIN-Verfilmungen (insgesamt über 100!), sondern auch im gesamten Horrorgenre niederschlugen. Die Geschichte ist dabei so bekannt, so oft verfilmt und parodiert worden, dass selbst Menschen den groben Verlauf des Plots kennen, welche den Film niemals gesehen haben – weswegen hier auch auf eine Zusammenfassung verzichtet wird.

Das erstaunlichste an dem Film ist dabei vor allem seine Aktualität, welche nach bald 90 Jahren nicht geringer, sondern im Gegenteil eher noch größer und drängender wirkt – und das auch noch auf verschiedenen Ebenen. Die offensichtlichste Bedeutungsebene zeigt sich in der kritischen Behandlung der Frage, wie weit die Wissenschaft gehen darf und wo ihre moralischen Grenzen sind, beziehungsweise wo sie sein sollten. Schien 1931 die künstliche Erschaffung von Leben noch weit entfernt und dürfte vor allem symbolisch auf den blinden Fortschrittsglauben der Gesellschaft bezogen gewesen sein, so wirkt das in der heutigen Zeit dank Gentechnik schon viel realistischer, was sich mittlerweile auch in zahlreichen anderen Horrorfilmen niedergeschlagen hat (obwohl in der Realität man wohl nicht mehr unbedingt auf ein Gewitter angewiesen sein dürfte). Spätestens seit dem Klonschaf Dolly ist die Debatte um die künstliche Erschaffung von Leben, beziehungsweise das Klonen eine gesamtgesellschaftliche Debatte. Doch während diskutiert wird, verschiebt die Wissenschaft die Grenze des Machbaren immer weiter, wie man vor Kurzem sehen durfte, als ein chinesischer Wissenschaftler bekannt gab, das Genmaterial zweier Neugeborener so manipuliert zu haben, dass sie gegen HIV immun seien. Ob man dies gut findet oder die moralischen Bedenken überwiegen, darüber lässt sich streiten. Aber das ein solcher Streit notwendig ist, zeigt uns bereits FRANKENSTEIN, in welchem die fatalen Folgen eines wissenschaftlichen Experiments im Zentrum stehen.

Der moderne Prometheus, so nannte Mary Shelley ihre Figur des Dr. Frankenstein. Der Göttersohn Prometheus brachte in der griechischen Mythologie das Feuer von den Göttern zu den Menschen und wurde dafür von Zeus mit einer immerwährenden Tortur gestraft. So nimmt auch, geprägt durch eine christliche Gesellschaft, Dr. Frankenstein die Macht über das Leben von Gott und wendet sie als Mensch an, um nun seinerseits, von seiner eigenen Schöpfung gestraft zu werden. Es fällt leicht, diese Symbolik auf manche Entwicklungen der heutigen Zeit und Gesellschaft zu übertragen. Und genauso leicht würde es fallen, eine Liste von Horrorfilmen zu erstellen, in denen eine Schöpfung außer Kontrolle gerät und sich gegen ihren Schöpfer wendet.

Eine weitere hochaktuelle Ebene eröffnet sich beim Blick auf das von Dr. Frankenstein geschaffene Leben selbst. Es ist bezeichnend, dass wir von Frankensteins Monster sprechen, obwohl in Buch und Film die Frage offen steht, ob es tatsächlich ein Monster ist, oder wir es nur als solches wahrnehmen. So gibt es im Film von 1931 genügend Andeutungen, dass die Gewalttätigkeit des Monsters vielleicht nicht auf seiner immanenten Bösartigkeit gründet, sondern auf seiner Unfähigkeit, diese ihm fremde Welt zu verstehen. In einer Szene findet man das Monster mit einem kleinen Mädchen am Fluss spielen, wie sie gemeinsam, auf kindlich-naive Weise, Blütenblätter in einen Fluss werfen und sie beim davon treiben beobachten. Nachdem alle Blätter verbraucht sind, wirft das Monster das Mädchen hinterher, anscheinend in der irrigen Annahme, es würde nun ebenso an der Oberfläche treiben. Als er merkt, dass das Mädchen ertrunken ist, ergreift er entsetzt die Flucht. Bezeichnend für den Geist der (damaligen) Zeit ist, dass eben diese Szene in der Uraufführung nicht aufgeführt wurde, wodurch die Beschreibung als Monster den Zuschauern leichter gefallen sein dürfte, als uns. Besonders gegen Ende des Films stellt sich dem heutigen Publikum die Frage, ob die wahren Monster nicht die wütenden Dorfbewohner sind, welche aus Angst vor dem Fremden Frankensteins Geschöpf verbrennen. Mag man die Reaktion der vielleicht etwas hinterwäldlerischen Dorfbewohner belächeln, sollte man dennoch daran denken, dass sich mit Voranschreiten von Gentechnik, Künstlicher Intelligenz und anderen wissenschaftlichen Fortschritten auch uns die Frage stellen könnte, wie mit künstlich geschaffenem Leben umgegangen werden soll – nur dann nicht mehr abstrakt im Film, sondern in der kalten Realität.

Eher der Zeit geschuldet dürfte sein, dass die Gewalttätigkeit des Geschöpfs auch auf das ihm eingepflanzte Gehirn eines Toten zurückgeführt wird. Da dieses einem verurteilten Mörder gehörte, ist es doch vollkommen klar, dass Frankensteins Monster ebenfalls in dieselbe Kerbe schlagen wird. In einer Zeit, als es noch Wissenschaftler gab, die glaubten über die Form eines menschlichen Schädels auf dessen Intelligenz und Charakter schließen zu können, erschien es glaubhaft genug, dass körperliche Eigenschaften das Handeln formten. Zumindest sind diese Zeiten ein wenig vorbei.

Unabhängig dieser gesellschaftlichen Symbolik ist FRANKENSTEIN ein Meilenstein des Horrorfilms, der das Genre für immer prägen sollte. Das beginnt bei der Szenerie, bestehend aus zerfallenden Gemäuern und Ruinen, welche eine düstere Atmosphäre des Zerfalls schaffen. Dazu gehört die Rolle des Wetters, mit dem Gewitter zum dramaturgischen Höhepunkt der Erweckung von Frankensteins Monster, aber auch der idyllische Sonnenschein in freier Natur, als es das kleine Mädchen ertränkt, sowie das nächtliche Finale, wenn das Geschöpf verbrannt wird.

Es erstreckt sich aber ebenso über die Konstellation der wichtigsten Protagonisten, allen voran dem Prototyp des verrückten Wissenschaftlers, der bei seinen Experimenten jede Grenze zu überschreiten sucht und sich von Moralvorstellungen seiner Mitmenschen nicht behindern lässt. Darunter lässt sich ebenfalls die gut aussehende Frau und moralische Bedenkenträgerin subsumieren, die sich Sorgen um den Professor macht, aber natürlich erfolglos in ihrem Bestreben ist, ihn von seinem grenzenlosen Ehrgeiz abzubringen.

Ebenso stellt FRANKENSTEIN einer der ersten Horrorfilme dar – wenn nicht gar den ersten – in welchem der Horror von Wissenschaftlern geschaffen wird und nicht durch anti-aufklärerische Strömungen des Okkulten oder durch, als fremd/exotisch dargestellter, Voodoo-Zauberer und vermeintlicher Wilder.

Als größter Wermutstropfen bleibt der Fluch der meisten Klassiker dieser Größenordnung und dieses Einflusses zu nennen: man kennt den Verlauf des Films, auch ohne ihn ein einziges Mal gesehen zu haben. Doch verschafft der Film einem auf diese Weise die Möglichkeit, sich mehr auf die tiefgehenden Aspekte und Möglichkeiten des klugen Horrors zu konzentrieren. Und wenn man es dann noch schafft, sich von der etwas sehr theatralischen (und natürlich der damaligen Zeit geschuldeten) Darstellung der Schauspieler nicht irritieren zu lassen, kommt man in den Genuss eines der ganz großen Klassiker des Genres.

Facebook Comments