Classic-Review: HOSTEL (2005)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 8.0

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8.5/10 (2)

Darsteller: Jay Hernández, Derek Richardson, Barbara Nedeljáková
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth
Länge: 90 min
Land:
Genre:
Veröffentlichung: 2005
FSK: ab 18

Kann ein gerade einmal 14 Jahre alter Film bereits in die Rubrik der Klassiker aufgenommen werden? Offensichtlich sind wir dieser Meinung, sonst würde es diesen Artikel nicht geben. Aber wieso diese Entscheidung und warum HOSTEL? Wer nicht zu den ganz jungen Semestern unserer Leser gehört, kann sich wahrscheinlich noch sehr gut an die Kontroverse über diesen Film erinnern. Natürlich erhitzten die meisten unserer hier vorgestellten Klassiker die Gemüter bei ihrem Erscheinen. Doch ist es deutlich schwerer ein Publikum im Jahr 2005 zu schocken, als im Jahr 1960 – damals wäre beinahe die Spülung einer Toilette in PSYCHO zum Opfer der Zensur geworden. Was hat also damals den Film so besonders gemacht und wie war seine weitere Wirkung auf das Genre?

Allen dürfte bekannt sein, wofür HOSTEL steht: Nahaufnahmen von brutalen Foltern. Natürlich gab es bereits davor in zahllosen Filmen Folterszenen, manchmal expliziter, manchmal implizierter. Das eigentlich Besondere ist jedoch, dass Folter in diesem Film das zentrale Element und Thema ist. In der slowakischen Hauptstadt Bratislava gerät eine Gruppe junger US-amerikanischer Rucksacktouristen in die Fänge einer geheim operierenden Firma, welche reichen Geschäftsleuten für ein entsprechendes Honorar einen Raum mitsamt Opfer überlässt, das sie zu Tode foltern können. Dabei kommt von Bohrmaschinen bis zu Bunsenbrennern eine große Auswahl an Instrumenten zum Einsatz, deren Wirkungen auf den menschlichen Körper und die Seele der Opfer wir nur zu deutlich zu sehen bekommen – und damit auch zum Nachempfinden. Und das in einer Genauigkeit und Realitätsnähe, wie sie bis dato noch nicht gezeigt wurden. So wurde unter anderem bei vielen Szenen auf Schweinefleisch zurückgegriffen, um die Effekte möglichst realistisch darzustellen.

Neben diesem explizit voyeuristischen Charakter – welcher neben Ekel auch durchaus Schuldgefühle beim Zuschauer auslöst – ist der perfide Trick des Films, uns mit zutiefst unsympathischen Folteropfern zu konfrontieren. So werden uns die Hauptcharaktere in der ersten Hälfte des Films als das typische Klischeebild rüpelhafter, notgeiler amerikanischer Rucksacktouristen vorgestellt, die nur die Slowakei besuchen, um die schwache Währung für Partys, Trinken und Mädchen zu nutzen. Und da man weiß, dass es sich ja nur um einen Film handelt, gelangt man unbeabsichtigt schnell in die Lage zu denken, irgendwie würden diese Typen es auch verdienen. Das Problem ist nur, dass die anschließenden Szenen so gewaltsam sind und das Leiden dieser Unsympathen so offensichtlich und grausam ist, dass man bald mit ihnen leidet und sich für die frühere Schadenfreude zu schämen beginnt. Selbst im Film verdient niemand solche Qualen.

Natürlich nimmt dieser Film, wie so viele Horrorfilme, auch einige sozialkritische Elemente an. Wie zumeist eine offensichtliche Kapitalismuskritik: reiche Männer morden zum Spaß, weil sie es sich leisten können. Dieser Aspekt wird noch gestärkt durch das spätere Auftreten einer Gang aus gewalttätigen Kindern, von offensichtlicher Armut in die Kriminalität getrieben. Auch das Stadtbild Bratislavas sieht eher wie ein post-Bürgerkriegsland aus – generell ist Bratislava nicht gerade glücklich mit dem Film gewesen und musste im Nachgang zu diesem substantielle Einbußen im Tourismussektor in Kauf nehmen. Hinzu kommt die kulturkritische Komponente: US-Rucksacktouristen, die in stereotyp ignoranter Weise sich in keiner Weise für das Land interessieren, welches sie bereisen, sondern dessen Armut nur zum eigenen Konsum ausnutzen. Doch fragt man sich irgendwann, ob diese Elemente nur eingebaut wurden, um eine moralische Legitimation für diese Form des „torture porns“ zu schaffen. Jedoch könnte man genauso gut argumentieren, dass die Wirkung der Gewalt nur vor diesem Hintergrund ihre volle Wirkung entfaltet. Wie so oft scheiden und schieden sich da die Geister.

Unbestreitbar ist dagegen die dichte Atmosphäre, die den Film dominiert. Vor allem die Folterfabrik selbst, mit ihren sterilen Betongängen, den Schreien der Opfer und dem methodischen, geschäftsmäßigen Vorgehen der dahinterstehenden Firma, bedrücken einen durch die gezielte Entmenschlichung der Opfer und ihrer Leiden.

Die Wirkung auf das Genre selbst ist dabei kaum zu verachten. So löste HOSTEL einen regelrechten Hype um das Thema Folter aus, den man schnell bildlich vor sich hat. Gibt man beispielsweise bei Google die Begriffe „folter filme horror“ ein, bekommt man eine zufällige Auswahl dieser vorgestellt und erkennt schnell, dass der Großteil dieser Filme in den fünf Jahren nach dem Erscheinen des ersten HOSTEL-Teils veröffentlicht wurden. Besonderen Einfluss zeichnete sich im französischen Film ab, in welcher nach 2005 eine ganze Reihe von hochwertigen Produktionen folgten, deren zentrales Motiv Folter und deren Auswirkungen ist, allen voran MARTYRS.

Abschließend lässt sich festhalten, dass HOSTEL mit seiner expliziten Gewaltdarstellung und seinem Fokus auf intensive Darstellung von Folter ein zentraler Film eines Subgenres darstellt, der gerne abwertend als „torture porn“ bezeichnet wird. Während andere Filme, wie TURISTAS, jedoch sich wirklich scheinbar nur auf solche Szenen beschränken und jeglichen Tiefgang vermeiden, gelingt es HOSTEL mit der cleveren Struktur der Geschichte und Figuren, den Zuschauer in ein moralisches Grenzgebiet zu führen. Dies hat zur Folge, dass man auch vierzehn Jahre später noch mit einer Mischung aus Ekel und Schuldgefühlen aus dem Film geht. Wenn man also auf Horror steht, der tatsächlich etwas in einem bewegt, der greife zu diesem modernen Klassiker.

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