Classic-Review: PSYCHO (1960)

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Redaktion: 9.5

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10/10 (1)

Darsteller: Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, John Gavin, Martin Balsam
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Joseph Stefano
Länge: 109 min
Land:
Genre:
FSK: ab 12

Eigentlich war dieses Classic Review nur eine Frage der Zeit. Denn nicht nur ist PSYCHO ein Klassiker des Thriller-Genres, sowie des Subgenres Psycho-Thriller, zu dessen ersten Produktionen er gehört. Nicht nur ist er der wahrscheinlich berühmteste Film des Kult-Regisseurs Alfred Hitchcock. Sondern er enthält mit der legendären Duschszene und seinem, vom aggressiven Geigenspiel geprägten, Soundtrack zwei Elemente, die nun wirklich jeder in der einen oder anderen Form kennen gelernt hat. Egal, ob man den Originalfilm gesehen hat oder nicht. Selten dürften sich solche Aspekte eines einzigen Films tiefer in das popkulturelle Kollektivgedächtnis unserer Gesellschaft eingegraben haben.

Die Story um den psychisch gestörten, mit einer schizophrenen Persönlichkeitsspaltung versehenen Motel Besitzer, Norman Bates, ist dabei bereits in seiner Erzählstruktur ein ungewöhnliches Stück Filmerlebnis. Immerhin passiert es selten genug, dass die Hauptperson bereits nach der ersten Hälfte des Films ermordet wird und die Geschichte von da an von Personen getragen wird, die davor noch gar nicht oder nur kaum in Erscheinung getreten sind. Heutzutage ist natürlich die finale Auflösung nicht mehr überraschend. In der jahrzehntelangen Folge von PSYCHO entstanden dutzende Filme, die auf dem Phänomen multipler Persönlichkeiten aufbauen – SPLIT als derzeit prominentesten Beispiel. Aber wie bei so vielen heutigen Standardelementen des Horrorfilms gilt auch hier, dass alles irgendwo einmal seinen Anfang gehabt haben muss.

Dabei ist Split tatsächlich ein gutes Stichwort. Denn die Spaltung, welche Norman Bates Persönlichkeit genauso teilt, wie den Storyverlauf, der mit Marions Ermordung eintritt, lässt sich in nahezu jedem anderen Charakter des Films auffinden. Zunächst ist da Marion, welche die unverhoffte Chance nutzt, 40.000 Dollar zu veruntreuen und ihr altes Leben, mitsamt ihrem Lover zu verlassen. Da sind aber auch die Schmerztabletten, auf welche Marions Mitarbeiterin zurückgreift und der heimliche Alkoholkonsum im Chefbüro, sowie die heimliche Affäre Sams mit Marion. Jeder scheint ein Geheimnis zu haben, jeder einen kleinen Bruch in der Fassade.

Auch diese Elemente wirken heute nicht mehr allzu dramatisch. Doch zu Beginn der 60er Jahre waren dies Stilbrüche im amerikanischen Kino, welche den Film beinahe durch die Zensur fallen ließen. Auch international forderten zahlreiche Institutionen den Verbot des Films. Besonders lächerlich erscheint dem heutigen Zuschauer, dass eine der größeren Kontroversen darüber geführt wurde, dass zum ersten Mal in einer US-Produktion eine Toilette sichtbar war und sie sogar (!) benutzt wurde. Manchmal fällt es einem schwer zu glauben, dass solche bizarren Zensurvorschriften noch vor 60 Jahren Geltung hatten. Und auch das macht den Film zu einem Klassiker. Denn im Zuge der Diskussion um diesen wurde in den folgenden Jahren die Zensur schrittweise gelockert. Jedoch schafften es einige Szenen nicht in die originale Veröffentlichung. Dies geschah jedoch zumeist aufgrund sexueller Anspielungen und weniger aufgrund der Gewaltdarstellung oder von Horrorelementen.

(wir haben uns hier dann doch für die Duschszene entschieden…eine Toilette erschien uns dann doch nicht spektakulär genug)

Vor allem ist erstaunlich, dass dieser Film trotz seines Alters in vielen zentralen Momenten nichts von seiner Schockwirkung verloren hat. Das gilt für den heranpirschenden Schatten von Norman Bates hinter dem Duschvorhang seines ersten Opfers, bis zur Entdeckung der stark verwesten Leiche seiner Mutter mit dem gleichzeitigen Erscheinen Normans in ihrem Kleid und einem Messer in der erhobenen Hand. Was Soundtrack, Kameraführung und vor allem Timing angeht, lässt dieser Klassiker wenig zu wünschen übrig. Umso besser kann man sich vorstellen, wie der Film 1960 auf das unbedarfte Publikum gewirkt haben muss.

Dem großen Publikumserfolg auf diese Verfilmung des gleichnamigen Romans von Robert Bloch folgten dann auch bald die immer positiver werden Kritiken der (sogenannten) Fachpresse. Für Hitchcock und den gesamten Cast dürfte besonders erfreulich gewesen sein, dass zahlreiche Blätter ihre zunächst negativen Kritiken zurücknahmen und den Film bald in höchsten Tönen lobten. Sein lang anhaltender Kritikererfolg erfuhr dann 2001 seine Krönung, als das American Film Institute ihn auf den ersten Platz der 100 besten amerikanischen Thriller setzte.

Es lässt sich also festhalten: PSYCHO dürfte nicht nur einer der besten Filme des Altmeisters Hitchcock sein, sondern ist ein unverrückbarer Klassiker des Thriller- und Horror-Genres. Und obwohl ihn viele unserer Leser wahrscheinlich schon mehr als einmal gesehen haben, lohnt es sich weiterhin, ihn immer wieder hervorzukramen und sich davon begeistern zu lassen, mit welchem erzählerischen Geschick und spannungsgeladenem Timing der Film voranschreitet.

P.S. Wer den Film dann doch schon zu oft gesehen hat, kann zumindest noch auf eine Reihe mittelmäßiger Sequels zurückgreifen, sowie auf den Fernsehfilm BATES MOTEL, die gleichnamige Serie auf Netflix und ein Remake aus dem Jahr 1998.

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