Classic-Review: THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974)

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Redaktion: 9.0

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9/10 (1)

Darsteller: Marilyn Burns, Allen Danziger, Paul A. Partain, William Vail, Teri McMinn, Edwin Neal, Jim Siedow, Gunnar Hansen
Regie: Tobe Hooper
Drehbuch: Tobe Hooper, Kim Henkel
Länge: 84 min
Land:
Genre: ,
Veröffentlichung: 1974
FSK: ab 18

Unter dem etwas unglücklichen, deutschen Namen BLUTGERICHT IN TEXAS, erschien der mittlerweile Kultstatus genießende Massenmörder Leatherface zum ersten Mal in den Kinos. Damit ging eine ganze Reihe von Sequels, Prequels und Neuverfilmungen einher, am bekanntesten wahrscheinlich die von Michael Bay, aus dem Jahr 2003 (die derzeit auch bei Netflix zu finden ist). Allein aufgrund der schieren Anzahl entsprechender Verfilmungen und der Bekanntheit des Sujets lässt sich die Figur des Leatherface problemlos in die Reihe anderer bekannter Filmserienmörder einreihen, von HALLOWEENs Michael Myers, bis zu Freddy aus den NIGHTMARE ON ELM STREET Filmen.

Während die Neuverfilmung allerdings gemischte Kritiken hervorbrachte, steht das originale TEXAS CHAINSAW MASSACRE damals und heute zumeist im Zeichen positiver bis begeisterter Kritiken. So wurde er unter anderem vom Times Magazine in die Liste der 50 kontroversesten Filme aller Zeiten aufgenommen, sowie in die permanente Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art (wo es sich zu anderen einflussreichen Horrorfilmen gesellt, wie DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN).

Was also macht diesen Film so sehenswert? Für jene wenigen, denen das Thema noch nicht bekannt ist, lässt es sich denkbar einfach zusammenfassen: eine kleine Gruppe junger Hippies kommt – offensichtlich von der Ostküste – aus familiären Gründen in das ländliche Texas, wo es neben seltsamen Hillbillys auf Leatherface stößt. Dessen Name leitet sich, wenig überraschend, von dem Tragen einer ledernen Maske her, die er sich voraussichtlich aus menschlicher Haut zusammengenäht hat. Selbst der generelle Handlungsablauf birgt wenig Überraschungen. So werden der Reihe nach die unvorsichtigen Hippies mit verschiedenen Werkzeugen durch Leatherface umgebracht. Am Ende überlebt, wie meist, ein weibliches Opfer, welches schwer traumatisiert in letzter Sekunde – und natürlich dem Klischee entsprechend – durch männliche Hilfe entkommt (was selbst bereits in den 70ern entsprechend kritisiert wurde). So weit, so einfach, so wenig spektakulär.

Das besondere an dem Film ergibt sich aus zwei Gründen. Der erste ist die stilistische Ebene. Dazu gehört zu einem die Figur von Leatherface selbst, der zu keinem menschlichen Wort fähig scheint, sondern ausschließlich wild heulende Geräusche von sich gibt. Dies wirkt zum einen unheimlich, zum anderen greift es eine unerwartete humoristische Note auf, wie diese große, bedrohliche Gestalt, über weite Teile des Films vollkommen hysterisch durch die Gegend rennt. Gesteigert wird der humoristische Effekt durch seine Rolle, die er offensichtlich in seiner Familie einnimmt. Denn scheinbar spielt der mordende Leatherface vor allem die satirisch überdrehte Rolle der hysterischen Hausfrau. Während der Vater das Geld an der Tankstelle verdient und Zuhause dem Klischee des Gewalttätigen Ehemannes nachkommt, kümmert sich Leatherface um das Haus und das Essen – wobei es sich natürlich unter anderem um Menschenfleisch handelt. Gesteigert wird der Effekt durch die allzeit getragene Küchenschürze und beim finalen Abendessen das Make Up auf der Ledermaske. Das sein Bruder die Rolle des rebellischen Teenagers einnimmt, verstärkt dieses ins Absurde gesteigerte Bild der amerikanischen Klischeefamilie. Bewundernswert ist dabei vor allem, wie der Einfluss des Humors nichts von dem Schrecken der Geschehnisse nimmt.

Das liegt nicht nur an der, für damalige Verhältnisse, anschaulichen Anwendung psychischer und physischer Gewalt, sondern auch an der Bild- und Tonsprache. Durch immer wieder auftauchende Nahaufnahmen, seien es zappelnde Spinnennester oder schreiende und lachende Gesichter, sowie bewusst verschwommene und unklare, teilweise ineinander fließende Bilder, nimmt der Film eine traumartige Qualität an. Diese wird verstärkt durch das Spiel mit unnatürlich lauten Geräuschen der Umgebung – oder wer hat schon einmal ein Spinnennest gehört? – und dem Ineinanderfließen widersprüchlicher menschlicher Geräusche: Kichern und Weinen; Schreien und Lachen. Dieser alptraumartige Effekt wird außerdem getragen durch einen Plot, der bewusst auf Erklärungen verzichtet und teilweise scheinbar unzusammenhängende Handlungen aneinanderfügt. Damit einher gehen auch Elemente des Wahnsinns, welche in den späteren Filmen in dieser Form nicht mehr auftauchen. In TEXAS CHAINSAW MASSACRE geht es nicht um eine bewusste Bösartigkeit oder Grausamkeit. Leatherface‘ Familie hegt offensichtlich keinen Hass gegen die ermordeten Hippies. Leatherface selbst schlägt zu, noch bevor er überhaupt sehen kann, wen es genau trifft, was vor allem bei seinem ersten Opfer auffällt, von dem er beinahe so überrascht ist, wie es selbst. Der Vater, der an den Morden ebenso beteiligt ist, scheint in seiner eigenen, verqueren Art die Hippiefrau sogar zu mögen, tröstet sie, erklärt ihr, alles werde gut. Als es dann darum geht, sie umzubringen scheint die Familie es eher für einen großen Spaß zu halten. So gelingt der Finale Mord nur deswegen nicht, weil sie ihren eigenen, halb verwesten Großvater noch an dem Spaß beteiligen wollen.

Ein anderer Grund für die Bedeutung des Films für das Genre ist dann auch der gesellschaftskritische Ton, der klugerweise recht ambivalent ist. So lässt er sich zum einen deuten, als die Hilflosigkeit der damaligen Hippiebewegung gegenüber der inhärenten Gewalt und dem Verfall der damaligen Gesellschaft. Ein Anzeichen dafür ist eben auch, dass selbst in der Mitte dieses gewalttätigen Wahnsinns eine bizarre Überspitzung der klassischen Kernfamilie steht: arbeitender und gewalttätiger Vater; hysterische Hausfrau und Mutter; rebellischer und frecher Teenager; geliebt und geachteter, aber passiver Großvater. Andererseits ist die Deutung berechtigt, dass die Arroganz gebildeter, urbaner Schichten gegenüber einer eher ungebildeten, ländlichen Gesellschaft durchaus berechtigt zu Abwehrhaltungen führen kann – auch wenn sie hier natürlich satirisch überhöht sind. Letzteres ist mittlerweile zwar Standard in vielen Filmen, wie beispielsweise WRONG TURN, doch war TEXAS CHAINSAW MASSACRE ein Vorreiter für dieses Element.

Ein weiterer Vorreiter für das Horrorgenre war er aber natürlich für den Slasherfilm. Nicht nur, weil er zu den bekannteren und früheren dieses Subgenres gehörte, sondern wieder aufgrund der Figur von Leatherface, als eines wahnsinnigen Mörders, „gesichtslos“ und scheinbar ohne jede Persönlichkeit. So lassen sich erneut parallelen zu Michael Myers finden, oder auch Jason Vorhees aus dem FREITAG DER 13. Franchise. Auch erklärte beispielsweise Wes Craven, dass der Film eine Inspiration für THE HILLS HAVE EYES war.

Zum Abschluss lässt sich nur raten: wer Tobe Hoopers Film, den er damals für gerade einmal 140.000 Dollar drehte (ok, inflationsbereinigt heute eher 700.000 Euro…), noch nicht gesehen hat, sollte dies definitiv ändern. Selten hat man einen Horrorfilm gesehen, der in diesem Tempo und solchen alptraumartigen Bildern einen dennoch erstaunlich nachdenklich – und natürlich geschockt – zurücklässt.

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