Classic-Review: TWIN PEAKS (1990/91)

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Redaktion: 10.0

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5/10 (1)

Darsteller: Kyle MacLachlan, Michael Ontkean, Sheryl Lee, Mädchen Amick, Lara Flynn Boyle
Regie: David Lynch, Mark Frost
Drehbuch: David Lynch, Mark Frost
Länge: 3 Staffeln, 48 Folgen à ca. 60 min
Freigabe: 16
Land:
Genre: , ,
Veröffentlichung: 1990/1991/2017
FSK: ab 16

Wo fängt man an, eine Serie zu beschreiben, die so einflussreich war und bis heute ist, wie TWIN PEAKS? Eine Serie, die ursprünglich nur aus zwei Staffeln bestand, wovon die erste gerade einmal acht Folgen enthielt und man dennoch nirgendwo einen Artikel findet, indem man nicht immer das Gleiche gesagt bekommt: dass Fernsehen und Serien, wie wir es heute kennen, ohne TWIN PEAKS nicht vorstellbar wären. Eine Serie, die auf so vielen Ebenen bahnbrechend war, dass man selbst heute auf dutzende Serien verweisen kann, die sich einer ähnlichen Stilistik oder einer ähnlichen narrativen Struktur oder ähnlicher Figuren bedienen, von WAYWARD PINES bis zu regelmäßigen Anspielungen bei den SIMPSONS. Multitalent David Lynch und Mark Frost schufen damals eine Serie, deren Bedeutung man gar nicht überschätzen kann und zurecht in den 90er Jahren einen regelrechten Hype im Mystery-/Horror-Bereich auslöste, der uns unter anderem AKTE X einbrachte.

Der Plot beginnt zunächst so simpel, wie er später vielfältig und vielschichtig wird. Alles beginnt, mit dem Fund der toten Laura Palmer, dem hochattraktiven Idealbild einer kleinstädtischen Highschool-Schülerin und der Frage, wer sie umgebracht hat. Ein grandioser Kyle MacLachlan – der in dieser Zeit so oft in David Lynchs Filmen vorkam, dass man schon fast von einem Fetisch sprechen müsste – spielt den ermittelnden FBI-Agenten, der die Stadt Twin Peaks zunächst eher aus der Beobachterperspektive wahrnimmt, während er nach und nach tiefer in die verwirrenden bis surreal-grotesken Geschehnisse der Stadt hineingezogen wird.

Erscheint die Stadt, wie auch Laura Palmer selbst, als ein Musterbeispiel bürgerlich-kleinstädtischer US-Idylle, brechen nach und nach die verschiedenen Schichten dieser Welt auf und man erhält immer tiefer gehende Einblicke in die versteckten, menschlichen bis übernatürlichen Alpträume, die sich hinter dieser Fassade verbergen. Laura Palmers Mörder ist ihr Vater, der sie jahrelang sexuell belästigte; sie selbst war Kokain abhängig und prostituierte sich; jeder dritte Einwohner scheint irgendwie am Drogenhandel teilzunehmen oder zu konsumieren; im Wald um die Stadt herum haust ein furchterregendes Wesen – mit dem grotesk-lächerlichen Namen „Bob“ – welches von Menschen Besitz ergreift, um ihre abgründigsten Seiten hervor zu kehren und sich davon zu ernähren; und irgendwo taucht immer dieselbe alte Frau mit einem Stück Holz auf (wiederum passend, die „Log-Lady“), welche mit mehrdeutigen Angaben klarmacht, mehr zu wissen, als sie eigentlich wissen könnte. Und das ist nur ein minimaler Ausschnitt dessen, was im hinter der friedlichen Fassade der Kleinstadt mit ihren etwas über 50.000 Einwohnern lauert. Dabei ist gerade die bewusste Überspitzung des kleinstädtischen Idylls, mit seinen zu weiten Teilen geradezu lächerlich attraktiven Einwohnern, den Einfamilienhäusern und der pseudo-rebellischen Jugendkultur, die sich zunächst in Rauchen und Bier trinken zu erschöpfen scheint, ein wesentlicher Bestandteil, um die Wirkung des langsam erkennbaren Horrors seine Wirkung entfalten zu lassen. Denn wenn selbst diese schicke, schöne, friedliche Welt von Twin Peaks von einem solchen Horror heimgesucht wird, was ist dann noch sicher?

Das es einem heute nicht mehr erstaunlich vorkommt, hinter einer bürgerlichen Fassade solche Abgründe zu vermuten, liegt eben genau daran, dass TWIN PEAKS den Zuschauern in den 90ern genau dieses Gefühl dafür erst in ihre Wohnzimmer brachte. Die Serie setzte neue Maßstäbe im Zertrümmern bürgerlicher Idylle, im hervorzerren versteckter Abgründe, aber genauso auch in seinen verschlungenen narrativen Pfaden. Heute ist es selbstverständlich, den Anschluss an eine Serie zu verpassen, wenn man eine Folge auslässt. Vor TWIN PEAKS gab es das nicht – allerdings kann man auch den Anschluss verpassen, wenn man alle Folgen sieht, was auch daran lag, dass bewusst unlogische und irrationale Verhaltensweisen und Handlungselemente aufgegriffen werden. Ein Beispiel dafür sei nur, wie der eigentlich vollkommen rational agierende FBI-Agent, Dale Cooper, mit modernsten didaktischen Mitteln an dem Fall arbeitet, aber gleichzeitig überzeugt ist, in einem Traum die Lösung zu dem Fall gefunden zu haben. Gerade diese Mischung aus übernatürlichen Elementen und klassischem Krimi und Drama stellen eine Verbindung her, die wir bis heute überall in Film und Serie wiederfinden, beispielsweise in SPUK IN HILL HOUSE.

Während die meisten Charaktere der Serie auf die eine oder andere Weise in Verbrechen, Lügen und Verrat verstrickt sind, steht im unsichtbaren Zentrum des Ganzen eine Hütte im Wald, von der niemand weiß, wo sie eigentlich ist. Doch wenn wir einem der Charaktere folgen, der sich doch in diese verirrt, finden wir uns in einem roten Raum wieder, dessen Natur nie wirklich erklärt wird, aber man sofort den Eindruck hat, einen Riss in der Realität zu erleben.

Aber auch atmosphärisch und mit seiner Bildsprache setzte TWIN PEAKS neue Standards, vor allem im Bereich des Horrors und der Mystery. Atmosphärische Aufnahmen von im Wind rauschenden Bäumen oder einem hinabstürzenden Wasserfall werden gemischt mit düsteren Aufnahmen von Einfamilienhäusern, die in ihrem simplen, auf hübsch getrimmten Stil durch eine bestimmte Art der Beleuchtung bereits erahnen lassen, dass in diesem Ort nichts so ist, wie es scheint. Eine besondere Rolle nimmt aber auch der Wald ein, welcher die Stadt umgibt und von dem es immer wieder heißt, dass etwas darin lauern würde. Wenn man den direkten Einfluss der Bildsprache auf die Weiterentwicklung des Genres vor sich haben möchte, braucht man nur eine beliebe Folge von AKTE X einzuschalten und sie mit den stilistischen Elementen Twin Peaks vergleichen und jede weitere Diskussion darüber erübrigt sich. (Die Parallelen zur AKTE X hören da aber bei Weitem nicht auf, selbst David Duchovny, aka Fox Mulder, spielt in der zweiten TWIN PEAKS Staffel mit).

Natürlich merkt man schnell, dass sich gerade in der Bildsprache die jahrelang entwickelte, teilweise sehr eigenwillige Ästhetik David Lynchs niederschlägt. So lässt sich auch die Atmosphäre von TWIN PEAKS direkt mit der seines Erfolgs BLUE VELVET vergleichen, in welchem auch eine kleinstädtische Fassade langsam um Kyle MacLachlan (ja, dort war er auch dabei) zusammenbricht.

Abgerundet wird die dichte Atmosphäre durch den Soundtrack Angelo Badalamenti, welcher von lockerem Jazz, über traurige Dramamusik bis zu musikalischen Schockmomenten die Vielschichtigkeit des amerikanischen Kleinstadthorrors präzise einzufangen und zu verstärken weiß.

Was man jedoch nahezu genauso oft zu hören bekommt, neben dem großen Einfluss der Serie, ist die Behauptung, die zweite Staffel würde nicht mehr annähernd an die Qualität der ersten heranreichen. Und auch hier sind sich Publikum und Kritiker einig. Der Grund lässt sich leicht finden. Durch verschiedene Streitpunkt mit der Produktionsfirma, die unter anderem Lynch und Frost zwang, Mitte der zweiten Staffel den Mörder von Laura Palmer auffliegen zu lassen, fühlte sich Lynch so sehr unter Druck gesetzt, dass er sich zunehmend aus der Serie zurückzog. Fünfundzwanzig Jahre später sollte David Lynch dann seine verspätete Rache bekommen. Nachdem die dritte Staffel angekündigt wurde, wollte Showtime Lynch die Länge der Serie vorschreiben und seine Mittel dafür so einschränken, dass er sich öffentlichkeitswirksam von dem Projekt lossagte. Dies löste einen solchen Wutschrei unter den immer noch massig vorhandenen Fans aus, dass Showtime sich gezwungen sah, sämtliche Forderungen Lynchs zu übernehmen, um diesen zur Rückkehr zu bewegen.

Neben dieser Serie gibt es zudem noch einen 1992 veröffentlichten Film unter dem Namen TWIN PEAKS: FIRE WALK WITH ME, welcher die Vorgeschichte erzählt, mit Laura Palmer im Mittelpunkt, auf ihrem Weg in den Abgrund aus Drogen und Prostitution. Auch dieser Film wurde von David Lynch gedreht, der bei seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen von Cannes jedoch ausgebuht wurde und sich auch sonst keiner allzu großen Beliebtheit erfreute.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass Ästhetik, narrative Struktur und Thematik von TWIN PEAKS dauerhaft prägend auf das Horrorgenre, wie auch viele andere Bereiche in Film und Fernsehen niederschlug und für immer veränderte. Gerade der versteckte, zwischenmenschliche Horror in einer scheinbar heilen Welt ist als Thema zahlreicher Serien und Filme mittlerweile tief verankert und so aktuell, wie eh und je.
Zum Schluss soll hier einfach ein Zitat vom amerikanischen Kolumnisten James Parker angeführt, werden, einfach nur, weil es so schön und zugleich passend ist. Rückblickend auf die ersten beiden Staffeln, in Vorausschau auf die bald erscheinende dritte schrieb er: „It might be great. It might be a disaster. But it won’t blow our minds. It can’t, because that already happened.“

P.S. Natürlich muss auch diese sprichwörtliche Kuh gemolken werden. So gibt es neben den mittlerweile drei Staffeln und dem genannten Film auch noch zwei Bücher, die zwar nicht in die Annalen der Literatur eingehen werden, jedoch mehr sind, als bloßes Merchandise. Zum einen DAS GEHEIME TAGEBUCH DER LAURA PALMER, welches von der Regisseurin und Lynch-Tochter Jennifer Lynch geschrieben wurde, sowie THE SECRET HISTORY OF TWIN PEAKS, von Lynchs Co-Regisseur, Mark Frost.

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