Classic-Review: WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (1973)

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Redaktion: 8.5

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7.5/10 (53)

Darsteller: Julie Christie, Donald Sutherland
Regie: Nicolas Roeg
Drehbuch: Allan Scott, Chris Bryant
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Als WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN zum ersten Mal im deutschen TV lief, erschien in der Programmzeitschrift HÖRZU ein Artikel, der unbedarfte Zuschauer davor warnte sich den Film anzusehen. Anderenorts war zu lesen, dass bei der Kinoaufführung Leute schlichtweg wahnsinnig wurden. Und dann gab es noch das Gerücht, dass die Sexszene zwischen den beiden Hauptdarstellen Donald Sutherland und Julie Christie nicht nur gespielt war.

Nun muss man nicht jedes Wort glauben, das vom Axel Springer – Verlag stammt; ob die Kinobesucher nicht vorher schon etwas mentale Schlagseite hatten, ist nicht überliefert und das Gerücht, dass zwei Menschen vor der Kamera echten Sex hatten, statt den Akt lediglich vorzutäuschen, kennt man auch aus Filmen wie WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT (Jack Nicholson, Jessica Lange) oder BASIC INSTINCT (Sharon Stone, Michael Douglas). Während vermeintliche Zeugen behaupten, alles gesehen zu haben, dementieren die beiden Beteiligten die Gerüchte bis heute.
Nichtsdestotrotz ist WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN ein Werk, über das es zu reden lohnt.

Wenn die Gondeln Trauer tragen (2)

Am Anfang des Films steht der Tod von Christine, der Tochter von Laura und John Baxter, die beim Spielen in einem Teich ertrinkt.
Einige Zeit später zieht es das Ehepaar nach Venedig, wo John eine Kirche restaurieren soll. Während er sich in die Arbeit stürzt, lernt Laura zwei Schwestern kennen, von denen eine behauptet die Fähigkeit zu haben, mit den Toten zu sprechen und ihre Tochter gesehen haben will. Auch John soll über übersinnliche Kräfte verfügen.
Der pragmatische John tut dies als Unfug ab, doch Laura findet darin Kraft.
Gleichzeitig geht ein Serienmörder in der Stadt um und als Laura zurück in die Heimat reist, aber dennoch kurz darauf von John in Venedig gesehen wird, überschlagen sich die Ereignisse.

Wenn die Gondeln Trauer tragen (4)

Den Film zu beschreiben, ist so als wolle man mit einem Blinden über Farben sprechen. Man sollte schon selbst einen Blick darauf werfen. Nach der Sichtung startet man am besten noch einen Durchlauf, um alle Dinge zu entdecken, die man beim ersten Mal fast zwangsläufig übersieht.
WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN bietet viele Details und wiederkehrende Motive, die uns einiges verraten, was wir womöglich auf den ersten Blick nicht beachten.

An dieser Stelle soll auf eine detaillierte Analyse verzichtet werden, aber egal wie man es deuten mag, zu entdecken gibt es viel. Da wäre natürlich der rote Regenmantel, der nicht nur von Johns toter Tochter getragen wird, sondern auch vom Mörder und bereits ganz früh im Film auf einem Foto auftaucht. Wasser ist ebenfalls allgegenwärtig: das Mädchen ertrinkt in einem See, Venedig ist natürlich voller Wasser und dort werden auch immer wieder Leichen aus den Kanälen gezogen, die an die verunglückte Christine erinnern.
Zerbrechendes Glas wird oft als schlechtes Omen eingesetzt und auch das Motiv des Fallens mehr als einmal genutzt.

wenn die gondeln trauer tragen

Wer auf Metaphern und Allegorien steht, wird mit dem Film nicht langweilig und es lässt sich nicht verschweigen, dass das Gezeigte tatsächlich an der Psyche nagt, ob man es nun direkt zuordnen kann oder nicht. Wer hingegen einen Film einschaltet um nur das zu bekommen, was er oberflächlich sieht, wird sich nicht nur fragen, warum z.B. eine einzelne Fensterscheibe mitten auf dem Rasen der Baxters liegt, sondern sich vielleicht sogar stellenweise langweilen.

Was Regisseur Nicolas Roeg und wohl auch schon Daphne Du Morier, die mit ihrer Kurzgeschichte die Vorlage lieferte, mit WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN zeigen wollte, ist die Verarbeitung der Trauer nach einem Verlust.

Jüngere Filmfans wird das an Lars von Triers ANTICHRIST erinnern. Auch dort stirbt ein Kind, auch dort gibt es eindeutige Liebesszenen, Symbolik und Gewalt, aber beide Filme teilen auch, dass sie zwar Elemente des Horrorfilms enthalten, aber keine üblichen Genrefilme sind.
Mysterythriller beschreibt WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN wohl am besten und natürlich finden sich wie in den 70ern üblich auch hier leichte religiöse/okkulte Anspielungen.

Zusätzlich setzt Roeg geschickt Schnitte und Stilmittel ein. Oft springt er in rascher Folge zwischen zwei Zeiten oder auch zwei Orten hin und her und als wäre Venedig nicht ohnehin schon gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, erleben wir Menschen, die  mit den Toten sprechen, also quasi das Reich der Lebenden und der Toten gleichermaßen betreten und eine selbsterfüllende Prophezeiung, die gewissermaßen als Zeitschleife gesehen werden kann.

Fazit: WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN, ist ein Meisterwerk, aber keines, das man bedenkenlos jedem empfehlen kann. Kann man sich auf den Film einlassen, wird man ihm viele Geheimnisse entlocken,  oberflächliches Schauen bereitet aber nur bedingt Freude.

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