Review: CHAMBERS (2019)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 7.0

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Darsteller: Sivan Alyra Rose, Griffin Powell-Arcand, Uma Thurman, Tony Goldwyn
Regie: Leah Rachel
Länge: 10 Folgen à 35-50 min
Land:
Genre:
FSK: ab 16

Derzeit scheint es ein Trend zu sein, möglichst viele Filme und Serien mit HEREDITARY in Verbindung zu bringen – dem von Kritikern gefeierten Horrorfilm des vergangenen Jahres. Da Vergleiche wie diese häufig hinken, ist auch das Beispiel der Netflix-Serie CHAMBERS nicht besonders überzeugend. Ähnlichkeiten lassen sich zwar im Grundkonstrukt finden. Eine Person stirbt und Teile ihrer Persönlichkeit werden auf eine andere übertragen, die erst nach und nach bemerkt, welche dunklen Geheimnisse die Verstorbene in sich getragen hat. Im Falle von CHAMBERS wird – in Anspielung an den Namen – diese Übertragung durch eine Herztransplantation stattfinden. Aber dann hören die Ähnlichkeiten auch schon wieder auf.

Aber der Reihe nach. Die Ausgangssituation des Plots ist recht überschaubar und wirkt dabei nicht besonders originell. Ein junges Mädchen erleidet überraschend einen Herzinfarkt, kann aber in letzter Sekunde im Krankenhaus durch eine Herztransplantation gerettet werden, weil in derselben Nacht ein ähnlich junges Mädchen mit intaktem Herzen starb. Sie erholt sich von der OP und versucht ihr altes Leben in ihrer Schule wieder aufzunehmen. Ein Versuch, der bald an seine Grenzen stößt, als die Eltern des Herz spendenden Mädchens – Becky – in ihr Leben treten. Die reichen Eltern Becky bieten ihr ein Stipendium an, mit welchem Sasha – das Mädchen mit dem neuen Herzen – in die frühere Schule ihrer Spenderin aufgenommen werden kann. Wenig überraschend stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass diese Geste nicht ganz uneigennützig gewesen ist. Mit Beginn ihrer Zeit an der neuen Schule beginnen sich unheimliche Ereignisse zu häufen – Beckys Erinnerungen und bald auch ihre Persönlichkeit scheinen vom Herzen aus nach Sasha zu greifen. Verwirrt durch die übernatürlichen Ereignisse beginnt Sasha in Beckys Vergangenheit zu graben und stößt bald auf ungeklärte Fragen hinsichtlich ihres Todes. Mehr soll an dieser Stelle dann auch nicht erzählt werden, denn ein großer Pluspunkt der Serie ist ihre solide durchdachte Storyline.

CHAMBERS zu beurteilen ist schwer, da es zum einen wenig vollkommen Neues bietet, zum anderen vieles nicht nur gut umsetzt, sondern zudem eine spannende Mischung aus vielen Elementen bietet. Und wie immer, wenn man nicht weiterweiß, macht man da am besten eine Liste:

Was ist gut?

Wie bereits erwähnt ist der Verlauf der Geschichte nicht nur überzeugend, sondern es gelingt ihr auch eine große Vielzahl an Plotelementen und Charakteren – die natürlich alle irgendeine dunkle Vergangenheit oder ein Geheimnis haben – glaubhaft unter einen Hut zu bringen. Am Ende steht man dankenswerterweise ohne haufenweise losen Enden oder auf Biegen und Brechen hingebogenen Erklärungsversuchen da. CHAMBERS nutzt auf sinnvolle Weise die Möglichkeiten des Serienformats, um die meisten Charaktere zu durchleuchten, ihre Interessen, was sie Antreibt, ihr Umfeld und ihre Vergangenheit. Auf diese Weise wirken alle Charaktere glaubhaft in ihren Handlungen, was durch die durchweg starke Leistung der Schauspieler noch gestärkt wird.

Mittlerweile ist es zwar wenig Neues, Elemente des Dramas und sozialer Kritik im Horrorgenre unterzubringen – man denke nur an HAUNTING OF HILL HOUSE und GET OUT. Dies wird durch CHAMBERS nun durch einige (relativ) neue Elemente bereichert. So ist nicht nur die eklatante Einkommensschere zwischen Sashas und Beckys Familie offensichtlich, sondern auch der ethnische Unterschied, welcher leider so oft die Grundlage für Armut und Reichtum bedeuten. Beckys Familie als wohlhabende, weiße Oberschicht, mit zumindest oberflächlich intakten Familienstrukturen. Dagegen Sashas Familie mit ihrer indigenen Herkunft, ihr Leben in der verarmten Unterschicht und ihren zerrütteten Familienbanden. Bereichert wird dies noch durch die ausgeprägte „Yoga-Hippie-Mentalität“ von Beckys Eltern, welche à la Charles Manson auch eine dunkle Seite in sich birgt.

Weitere positive Elemente sind die Bildsprache, welche in ihrem Stil teilweise an eine apokalyptischere Version von IT FOLLOWS erinnert, in Verbindung mit dem gezielten Einsatz von Wetterextremen der Wüstenregion, in welcher die Serie spielt. Dies alles verschafft einen zunächst gelungenen Gesamteindruck.

Was ist schlecht?

Nur geht dieser Gesamteindruck im Laufe der Zeit immer wieder verloren. Denn der Vorteil der Serie ist teilweise auch ihr größter Schwachpunkt. Dank der bedachten Erzählweise gewinnen zwar Charaktere an Handlung und Tiefe, gleichzeitig nimmt aber auch der Spannungsbogen regelmäßig an Fahrt ab. So nimmt die Serie an manchen Stellen teilweise Formen an, die einen glauben lassen, es würde sich um eine sozialkritisch angehauchte College-Serie der 90er erinnern. Zudem stellt sich gelegentlich das Gefühl ein, bestimmte Szenen würden sich wiederholen.

Kurzum, die Serie vergisst manchmal, dass sie in erster Linie dem Horrorgenre zugeordnet wird – oder vielleicht war es auch so geplant, aber dann geht es eben auf Kosten des Horrorfans. Gibt es immer wieder durchaus schockierende Stellen und selbst (sehr) seltene Szenen der Selbstverstümmelung, die unangenehm zu sehen sind, so wünscht man sich doch mehr davon. Das gilt vor allem für die schwache finale Folge.

Ähnliches gilt für den stilistischen Einsatz der Kameraführung und des Wetters, welche hier bereits gelobt wurden. Kommen diese noch zu Anfang häufig vor und bestimmen die Atmosphäre einer aufziehenden Bedrohung – beispielsweise der beeindruckende Sandsturm der ersten Folge – so scheint die Regie diese Stilelemente im Laufe der Dreharbeiten vergessen zu haben. Eine letzte Kritik hierbei noch an die Schauspieler: so überzeugend Uma Thurman in ihrer Rolle auch ist und so nachvollziehbar es ist, dass eine Mutter um ihr Kind trauert – man wäre doch froh gewesen, wenn es in zehn Folgen eine Szene geben würde, an der sie nicht am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht. In Zeiten wachsender Akzeptanz des Feminismus wirkt es erschreckend überholt, dass die Mutter permanent weint, während der Vater der starke Mann ist, welcher mit (meist) ruhiger Hand die Familie zusammenhält.

Fazit

CHAMBERS ist eine durchaus sehenswerte Serie, alleine schon aufgrund der Vielzahl der aufgenommenen Themen – in diesem Artikel wurde vielleicht erst die Hälfte erwähnt. Für Fans des harten Schockers dürfte sie zwar enttäuschend sein, wer sich aber von manchen Längen und einer gewissen College-Atmosphäre nicht abschreckend lässt, kriegt ein solides Werk vorgesetzt.

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