Review: DER GOLDENE HANDSCHUH (2019)

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Redaktion: 7.5

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5.3/10 (3)

Darsteller: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Länge: 115 min
Land:
Genre:
Veröffentlichung: 2019
FSK: ab 18

Denkt man an Horrorfilme, wird wohl niemand direkt an den deutschen Regisseur Fatih Akin denken, der vor allem mit seinem Film AUS DEM NICHTS (2017) berühmt wurde, welcher sich vage am Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) orientiert. Mit dem Film DER GOLDENE HANDSCHUH legt er nun in diesem Jahr einen Film auf, welcher sowohl inhaltlich, wie auch ästhetisch sich kaum größer vom vorangegangenen Film unterscheiden könnte. Bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk, welcher sich an realen Begebenheiten orientiert, handelt es sich nun auch nicht direkt um einen Horrorfilm. Zumindest nicht im klassischen Sinne.

Der Film behandelt einen mehrjährigen Zeitraum im Leben des Frauenmörders Fritz Honka, während seiner Zeit in Hamburg. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist dabei die trostlose Trinkerkneipe, welche dem Film seinen Namen gibt. Die Stammbesetzung der Kneipe lässt sich am besten beschreiben als ein erschreckendes Sammelsurium gestrandeter und gescheiterter Persönlichkeiten, die ihren Kummer, ihre Armut und Einsamkeit im Alkohol ertränken. Nahezu jeder in der Kneipe ist Alkoholiker, perspektivlos und vom Trinken sowohl äußerlich, wie auch innerlich gezeichnet. Fritz Honka ist dabei nicht nur keine Ausnahme, sondern geradezu ein Paradebeispiel für das Innenleben dieser Kneipe

Gerade darin liegt das eigentlich erschreckende. Fritz Honka ist, zumindest als Figur im Film, nicht der klassische Serienmörder, wie wir ihn aus zahllosen Horrorfilmen kennen. Er ist eine gestrandete Person, der durch seinen Alkoholismus, sein cholerisches Temperament und permanente soziale Zurückweisung einen Hass auf Frauen entwickelt, welcher sich sowohl in brutalen Sexpraktiken auslebt, wie auch in Vergewaltigungen und Morden. Der Horror lebt dabei weniger von der Darstellung der Gewalt – auch wenn diese teilweise sehr eindringlich gezeigt wird – sondern vor allem von den begleitenden Umständen des Geschehens. Seine Opfer gehören derselben gescheiterten Schicht an, wie er, sind ebenfalls Alkoholiker und dabei so in ihrer Sucht versunken, dass sie sehenden Auges in ihr Verderben zu gehen scheinen. Zwar entkommen ihm manche seiner Opfer in letzter Sekunde. Andere scheinen dagegen bereits aufgegeben zu haben und bewusst Gewalt und sogar den Tod durch Honkas Hand in Kauf zu nehmen, solange sie davor noch ein Glas Schnaps abkriegen. Ebenso erschreckend ist, wie einfach und spurlos seine Opfer teilweise verschwinden. Niemand fragt nach, niemand vermisst sie. Sie sind einfach verschwunden und niemanden interessiert es.

Die Düsternis der Handlung wird dabei unterstützt vom gnadenlos konsequenten Setting. Ein Großteil der Handlung spielt in genannter Kneipe – die es tatsächlich gibt – sowie in der Wohnung Honkas. Während sich in erster alkoholbedingte Eskalationen, Schlägereien und menschliche Tragödien ansammeln, scheint die Wohnung Honkas wie ein Spiegel seines Inneren zu funktionieren. Sie ist dreckig, verfallen, Bilder nackter Frauen tapezieren die Wände, überall liegen volle und leere Schnapsflaschen herum und ein bestialischer Gestank erwartet jeden, der seine Wohnung betritt. Während Honka diesen auf die Gastarbeiterfamilie im Stockwerk unter ihm schiebt, wird einem schnell klar, dass es an den zerschnittenen Leichenteilen liegt, welche er in einem Verschlag in seiner Wohnung versteckt und die nun jahrelang vor sich hinrotten.

Problematisch wird das Geschehen teilweise durch die strikte Fokussierung auf Honka. Auf diese Weise bleiben seine Opfer eindimensional und es ist der gelungenen Darstellung des Schauspielers Jonas Dassler zu verdanken, dass man trotzdem keine wirkliche Empathie für den Serienmörder empfindet. Dennoch bleibt das frauenverachtende Weltbild des Mörders so zentral, dass man gegen Ende sich zu fragen beginnt, ob es nun ein bewusster Kunstgriff ist, um das Innenleben Honkas zur Schau zu stellen, oder ob es nicht eher an mangelnder Selbstreflexion des Regisseurs gelegen haben könnte. Anstrengend wird zudem, dass nach der ersten Stunde – und einem kurzen Ausflug in die Abstinenz – sowohl Handlung als auch Setting einen stark repetitiven Charakter annehmen. Aber auch hier kann man gut das Argument einwenden, dass eben dies die Lebensrealität der Betroffenen treffend widerspiegelt.

Zur emotionalen Verwirrung trägt zudem bei, dass diese Mischung aus Drama und Serienmörderfilm noch angereichert wird durch eine gehörige Portion schwarzen – und teils sehr schwarzen – Humors, gepaart mit teils billigen Kalauern. Das erstaunliche dabei ist, dass es Akin zustand kriegt, diese Elemente gekonnt in denselben Film einzubringen.

Fazit: Es ist ein Film, an dem sich die Meinungen scheiden. Es ist ein hässlicher Film, auch ein sehr beunruhigender. Es ist weder ein Film, bei dem man sich wohlfühlt, noch den man allzu schnell vergisst. An manchen Stellen fühlt man sich beinahe schuldig, weil man hinsieht, auch weil man weiß, dass es so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden hat. Unterhaltung ist anders, ob es Kunst ist, kann man nicht so genau sagen. Aber es ist ein Film, der einem definitiv länger zu schaffen macht.

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