Review: IRREVERSIBEL (2002)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 10.0

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8.3/10 (40)

Darsteller: Monica Bellucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
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Es gibt Filme, die möchte man kein zweites Mal sehen. Meistens liegt das an Qualität, bzw. der mangelnden Qualität. Im Fall von IRREVERSIBEL ist der Grund, dass sich die Bilder und Ereignisse schon beim ersten Mal in die Netzhaut ätzen, dass es eigentlich keine zweite Sichtung braucht.
Dabei darf man als Szenepurist gerne behaupten, dass der Film ja nicht mal unter die engere Definition von Horror fällt, was soll also so übel sein?

Beginnen wir damit, dass der Regisseur Gaspar Noé heißt, was alleine noch nicht verstörend ist, seine bisherigen Werke sind es auf die eine oder andere Weise aber schon.
In IRREVERSIBEL präsentiert uns Noé die Handlung konsequent von hinten nach vorne erzählt, was natürlich Vergleiche zum ebenfalls großartigen MEMENTO nach sich zieht. Das fordert Aufmerksamkeit, denn unser Verstand ist nicht darauf eingerichtet.

Irreversible
Dazu kommt eine lebhafte Kamera, die pro Szene (die schon mal über 10 Minuten dauern kann) ohne sichtbare Schnitte auskommt und dementsprechend immer um die Protagonisten kreist.
Das kann zwar „seekrank“ machen, sollte aber nicht mit verzerrten, unscharfen Bildern eines Found Footage Films verwechselt werden.

Nach einer eigenartigen Szene, die nur die verstehen dürften, die Noés MENSCHENFEIND sahen, beginnt der Film dann folgerichtig mit dem Finale und zeigt uns, wie zwei Männer aufgebracht unter einem nervtötenden Score durch einen Schwulenclub jagen und jemanden suchen.
Nach einem Handgemenge, das nicht eben zimperlich ist, kommt es zu dem Angriff mit dem Feuerlöscher, einer der beiden Momente des Films von dem man womöglich schon gehört hat, selbst wenn man IRREVERSIBEL nicht kennt.

Egal, ob man danach einen Schnapps braucht, den Film abstellt oder einfach nur von dem brutal-realistischen Effekt beeindruckt ist, IRREVERSIBEL hat spätestens jetzt die volle Aufmerksamkeit des Betrachters.
Was zu diesen Ereignissen führt, wird dann Szene für Szene im Rückwärtsgang aufgearbeitet und gipfelt in der zweiten Szene, die den Film berühmt machte.
irreversible belucci cassel

Monica Belucci ist für viele Männer der Inbegriff von Erotik, ihr minutenlanger Kampf, den die Kamera schonungslos, aber nicht voyeuristisch einfängt, als sie in einer dreckigen Unterführung aufs brutalste Weise vergewaltigt wird, ist aber kein bsischen erotisch.

Die gute Nachricht ist, dass sich der Film danach etwas zurücknimmt. Das menschliche Miteinander wird harmonischer und auch die Kameraarbeit merklich ruhiger, aber nicht nur hallen die hektischen, brutalen Szenen nach, die fröhlichen Momente, die ihnen vorangehen und uns nun das Opfer Alex, ihren Freund Marcus und einen Ex-Freund genauer vorstellen, sorgen dafür, dass wir als Beobachter um das Schicksal der Figuren wissen, während sie selbst noch ahnungslos sind.

Zusätzliche Tragik wird der Handlung durch die Tatsache verliehen, dass Alex letztlich in die schreckliche Situation gerät, weil sie nach einem Streit mit Marcus eine Party verlässt und alleine nach Hause will.
Damit nicht genug, wird nicht einmal der Rachedurst (des Zuschauers) gestillt, denn wie wir irgendwann feststellen, wird in dem Club der falsche Mann mit dem Feuerlöscher bearbeitet.
Es scheint so, dass Alex eine gewisse Vorahnung hat und einen Traum erwähnt, in dem sie die Unterführung sieht, bevor sie überhaupt dort war oder Marcus beiläufig über Schmerzen im Arm klagt, der ihm später gebrochen wird.

Eine gewisse Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang auch einem Buch des Autors J.W. Dunne zu, das Alex liest und in dem von der Theorie ausgegangen wird, dass alle Ereignisse gleichzeitig passieren und nur unser Verstand sie in eine gewisse Reihenfolge bringt.
Damit legt Noé seine Intention hinter diesem Film auf den Tisch und stellt auch klar, dass kaum etwas dem Zufall überlassen wurde.
irreversibel anfang

Nicht einmal die Intimität zwischen Monica Belucci und Vincent Cassel, die zum Zeitpunkt tatsächlich ein Paar waren und genau deswegen gecastet wurden.
Die beiden meistern ihre Aufgabe und die zweifelsohne schwierigen Szenen großartig, was aber für jeden beteiligten Schauspieler gilt.

IRREVERSIBEL ist garantiert nicht für jedermann. Er sortiert nach wenigen Minuten das Marvel-Mainstream-Publikum aus und wird Hohlköpfe überfordern, während Gorehounds vielleicht wirklich nur wegen den erwähnten Einzelszenen Interesse bekunden.
Trotzdem handelt es sich hier um ein hochintensives Meisterwerk, dass man sich wenigstens einmal angesehen haben sollte.

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