Review: MOEBIUS, DIE LUST, DAS MESSER (2013)

moebius, die lust, das messer
BEWERTUNGEN:
Redaktion: 7

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6/10 (20)

Darsteller: Jae-hyeon Jo, Eun-woo Lee, Young-ju Seo
Regie: Ki-duk Kim
Drehbuch: Ki-duk Kim
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Wenn sich ein Film selbst mit Lars von Triers ANTICHRIST vergleicht, kann das Hochstapelei sein oder ein Werk, das die Abgründe menschlicher Sexualtät ausleuchtet und beim Zuschauer ein unangenehmes Ziehen im Leistenbereich auslöst.
Um es vorweg zu nehmen, letzteres ist der Fall und das ohne dass sich je der Verdacht aufdrängt, der Schöpfer Ki-duk Kim habe bei von Trier abgeschaut.

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Ein paar Parallelen gibt es aber eben doch und die beginnen damit, dass beide Filme mit einem gewissen künstlerischen Anspruch zur Sache gehen. War es in ANTICHRIST eine ausgeprägte metaphorische Bildsprache, ist es in MOEBIUS, DIE LUST, DAS MESSER das komplette Fehlen von Dialogen. Da auch keinerlei musikalische Untermalung stattfindet, beschränkt man sich auf gewöhnliche Umgebungsgeräusche, während von Menschen nur Stöhnen, Schreien oder Weinen zu hören ist.
Das bedeutet, dass ein Großteil der Kommunikation der Figuren über Mimik geregelt wird, was einem gewissen Overacting, das man asiatischen Akteuren ja gerne nachsagt, aber entgegenkommt.

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Die Handlung zeigt schon früh eine drastische Szene in der eine Frau ihren Mann beim Fremdgehen erwischt und – statt sich direkt an ihm zu rächen – dem gemeinsamen Sohn den Penis abschneidet.
Der Teenager hat es natürlich fortan schwer in Sachen Sexualität, aber auch Umgang mit anderen Menschen, was soweit geht, dass er im Gefängnis landet. Seinen Vater plagen indessen schwere Schuldgefühle und er findet einen Weg, der dem Sohn dennoch Lust bereiten kann: Schmerzen.

Dieser Masochismus ist nicht die einzige sexuelle Spielart, die MOEBIUS aufgreift. Blümchensex sucht man vergebens, stattdessen geht es um Vergewaltigung oder Inzest.
Das Gezeigte ist mitunter grotesk und die Entwicklung nicht realistisch, im Kosmos des Films aber dennoch gut nachvollziehbar und Albernheiten bleiben uns erspart. Apropos „Gezeigt“: bei diesen Themen geht es zwar ohne nackte Haut nicht ab, größere voyeuristische Darstellungen kommen aber nicht vor, auch nicht in punkto Gewalt.

Der Titel „Moebius“ dürfte von Paul Julius Möbius inspiriert worden sein, einem Psychiater und Vorreiter der Lehren Sigmund Freuds, was gut zu der dysfunktionalen Familie passt, die uns vorgesetzt wird. Psychologische Hilfe könnte jeder der drei (und eigentlich auch jeder andere Charakter) jedenfalls gut gebrauchen.

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MÖBIUS ist weder Horrorfilm noch Thriller und das Thema Rache, sonst oft ein Muss in südkoreanischen Streifen, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Auch die dunkle Komödie, die manche Leute in dem Film sehen, drängt sich nicht auf. In jedem Fall haben wir es aber mit einer Tragödie zu tun, die durch die rein non-verbale Interaktion Experimentalcharakter erhält.

Fazit: MÖBIUS, DIE LUST, DAS MESSER ist kein Film, der in Multiplex-Kinos läuft, sondern eher nachts auf Arte…dann sollte man aber einschalten.

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