Review: THE SHAPE OF WATER

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 9

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10/10 (2)

Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Doug Jones, Nick Searcy, Octavia Spencer,
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Land:
Genre: , ,
FSK: ab 16

Für die ergreifende Liebesgeschichte zwischen einem humanoiden Amphibienwesen und einer stummen Reinigungskraft heimste THE SHAPE OF WATER dieses Jahr vier Oscars ein: Bester Film, beste Regie, beste Filmmusik und noch irgendwas… Ob er das auch verdient hat? Das, liebe Leserinnen und Leser, Verwandte, Kollegen und zukünftige Fischmonsterdildo-Zielgruppe, erörtern wir jetzt. Ah, da fällt es mir ein: den vierten Oscar gab es für das beste Produktdesign – *Badumm, platsch*. Darum geht’s:

Wer viel Dreck am Stecken hat, der braucht auch Reinigungskräfte. In einem US-Geheimlabor der 1960er Jahre ist das nicht anders und so hat Elisa (Sally Hawkins) als Putzfrau Zugang zu einem ziemlich geheimen Teil des Labors. Dort entdeckt sie die im Amazonas eingefangene Amphibienkreatur (Doug Jones) mit welcher sie sich anfreundet. Da weder Elisa noch das Monster sprechen können, finden sie durch Essen, Musik und Gebärdensprache schnell genügend Kommunikationsmittel um sich letztlich in einander zu verlieben. Wäre da nicht der fiese Richard Strickland (Michael Shannon). Er setzt sich selbst kurzer Hand als Sicherheitschef der Einrichtung ein und macht fortan dem Amphibienmann das Leben zur Hölle. Der Kalte Krieg ist angesagt und Strickland kriegt ordentlich Druck von oben. Die Widerstandskraft der Wasserkreatur soll nämlich der Schlüssel zur ersten bemannten Raumfahrt der USA werden und so die Sowjets nach dem Sputnikschock abhängen. Fragwürdige Unterstützung bekommt das Liebespaar von Wissenschaftler Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg), der irgendwo zwischen Wissenschaftsethik und Patriotismus oszilliert.

Der Film setzt auf die Außenseiter der 50er Jahre. Das heißt, auf alles was nicht weiß und heterosexuell ist. Die Hauptfigur Elisa formuliert ihre Behinderung als „unvollständig sein“. Sogar ihr Familienname Esposito (dt.: ausgesetzt) deutet auf ihre Außenseiterrolle hin. Bildästhetisch lässt del Toro hier allerdings keine Zweifel zu und so wärmt sich das Licht golden und grün auf, wenn Elisa Vinyls in einem Kofferplattenspieler abspielt oder wir das Apartment ihres besten Freundes und Nachbarn Giles (Richard Jenkins) betreten. Dabei geht man THE SHAPE OF WATER auch fast auf den Leim, wenn eine eher natürliche Lichtgestaltung die Tristesse der Realität einfängt. Es war noch nie so schön, am Existenzminimum zu leben.

Aber del Toro wäre nicht er selbst, wenn er nicht ab und zu gewaltsam an der Fassade rütteln würde und so steigen wir mit ein paar Szenen ein, die uns sagen: „Hallo, Ich bin der Guillermo und jetzt kommt ein Film für Erwachsene.“  Dazu gehört zum Beispiel die Morgenroutine der Protagonistin, die in der Badewanne masturbiert um gut in den Tag zu starten. Auch können wir uns im Verlauf des Films von einigen brutalen Szenen überraschen lassen. Diese wirken allerdings weit weniger drastisch als, beispielsweise, bei PAN‘S LABYRINTH. Ein Vergleich dieser beiden Filme tut THE SHAPE OF WATER aber nicht gut. Del Toros neuster Streich ist tatsächlich ein Hybrid aus Märchen und Fantasy. Mit viel Charme und Liebe zu den Charakteren zeichnet er hier ein deutlich weicheres Gesamtbild. Dadurch bleibt der Film natürlich insgesamt etwas einfacher und gut verdaulich.

THE SHAPE OF WATER ist ein akribisch orchestrierter Film, der ab der ersten Sekunde etwas bemerkenswert Magisches an sich hat. Das ist neben den tollen Bildern zu großen Teilen ein Verdienst des Scorings. Das Tempo, die verschlafene Melodie und die Harmonik wiegen den Zuschauer im ¾-Takt schneller in ein warmes Unterwasserbad als man den deutschen Titel THE SHAPE OF WATER – FLÜSTERN DES WASSERS aussprechen kann. Auch wenn man den französischen Einfluss (irgendwo zwischen Camille Saint-Saëns, Erik Satie und Pariser Hafenromantik) in der Musik erstmal zuordnen muss, überwältigt einen dann doch die ganze Kraft dieser Kombination und man genießt die sanfte Strömung des Films.

Der Film ist garniert mit unzähligen Bildzitaten aus der US-amerikanischen Unterhaltungswelt. TV-Sendungen, epische Bibelfilme und natürlich Musicals werden als Kommentare über den gesamten Film gestreut. Unwissen schadet hier dem Sehvergnügen aber überhaupt nicht. Diese verdammten Musicals allerdings … Naja, wem’s gefällt. Gut ist, dass es in die Zeit passt, in der der Film spielt. Schlecht ist, dass es auch in unsere Zeit passt, in der wir gerne Oscars vergeben für ein bisschen Retro-Charme.

Dieses Gefühl, etwas zu kennen, aber nicht recht zuordnen zu können durchzieht übrigens den ganzen Film. Und damit sind hier nicht die offensichtlichen Hommagen gemeint, wie der Bezug auf DER SCHRECKEN VOM AMAZONAS (1954) oder SPLASH (1984). Das liegt daran, dass THE SHAPE OF WATER viele bekannte Konzepte benutzt und sie in ihr Gegenteil kehrt. Und das geht manchmal einfach nicht auf. Am Ende bleibt die Binsenweisheit, dass das „wahre Monster“ natürlich der Mensch ist, was man nun wirklich nur in einem Retro-Monsterfilm als etwas Neues ausgeben kann.

Vielleicht liegt es am Setting, an den ästhetischen Parallelen zu BIOSHOCK oder am philosopisch anmutenden Titel, dass man etwas mehr Tiefe von diesem Film, beziehungsweise dessen Story, erwarten könnte. Aber weil der Film so unglaublich gut funktioniert ist das wirklich nur ein ganz kleiner Wermutstropfen.

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