Review: GERMAN ANGST (2015)

 

 
Overview
 

Darsteller: Milton Welsh, Annika Strauss, Katja Bienert, Andreas Pape,
 
Regie: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, Andreas Marschall
 
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Andreas Marschall, Goran Mimica
 
Länge: 112 min
 
FSK: ab 18
 
Land: Deutschland
 
Veröffentlichung: 15. Mai 2015 (Heimkino)
 
Verleih/Vertrieb: Pierrot Le Fou
 
Sonstiges: Der Film lief auf den Fantasy Filmfest Nights
 
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Bewertung
6.5
6.5/ 10


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Posted 31. März 2015 by

Da ist er also, der deutsche Horrorfilm, der anders sein soll als deutsche Horrorfilme.
Eins ist schon mal klar, über GERMAN ANGST wird gesprochen. Das liegt an den wohlklingenden Namen der Macher, deren Anspruch an deutsche Klassiker anknüpfen zu wollen, dem Auftritt bei den Fantasy Filmfest Nights, aber auch an der harschen Kritik eines Schreiberkollegen und der Reaktion aus dem Umfeld des Films, was zeitgemäß für jedermann sichtbar im www ausgetragen wurde.

Inzwischen sind auch wir auf der Höhe und können schon mal festhalten, dass man GERMAN ANGST differenziert betrachten sollte. Das liegt bei einem Episodenfilm in der Natur der Sache und die drei verantwortlichen Regisseure weisen unterschiedlichste Hintergründe auf.

Final Girl von Jörg Buttgereit

Den Anfang macht Jörg Buttgereit mit einem recht kurzen Beitrag, der ohne Dialoge auskommt. Nur aus dem Off erzählt eine junge Frau von der Pflege ihrer Meerschweinchen.
Nun ist Buttgereits NEKROMANTIK womöglich der auch im Ausland bekannteste deutsche Horrorfilm nach NOSFERATU, weswegen der Name verpflichtet und natürlich geht es hier trotz einiger Closeups   der Nager nicht um Kleintierzucht, sondern zeigt uns, dass die Teenagerin einen ans Bett gefesselten Mann gefangen hält.

Viele Wendungen erwarten uns in der Geschichte nicht, aber ganz einfach macht es uns der Regisseur dennoch nicht. Wer sich auf die zwei drastischen Splatterszenen reduziert, wird manches Detail verpassen und womöglich nicht einmal bemerken, dass er es hier mit Arthouse-Gore zu tun hat.
Eines dieser Details ist beispielsweise der Einsatz der Kamera, die in der Bildmitte fokussiert ist und zum Rand hin extrem unscharf erscheint. Damit entsteht eine Ähnlichkeit zu alten (deutschen) Stummfilmen, wo der Rand dunkler wurde.
Ob es beabsichtigt ist, dass die Voiceover-Anteile der Hauptfigur klingen als würde eine 8jährige ein Buch laut vorlesen? Möglich, aber es hört sich nicht gut an.
german_angst buttgereit

Make A Wish von Michal Kosakowski

Die zweite Episode stammt von Michael Kosakowski, der mit ZERO KILLED zwar schon einen interessanten Film ablieferte, der ziemlich genau die Mitte zwischen Dokumentation und Horrorfilm bildete, in GERMAN ANGST aber gewissermaßen „der Neue“ ist.

Kosakowskis Name deutet bereits eine polnische Herkunft an und die ist auch Thema in seinem Segment.
Ein taubstummes Paar mit polnischen Wurzeln wird in einem leeren Gebäude von einem Trupp Neonazis aufgemischt. Glück nur, dass sie ein Amulett bei sich haben, das erlaubt Bewusstsein und Körper zweier Menschen auszutauschen.

Auch wenn hier die Brücke zwischen 2. Weltkrieg und aktuellen Rechtsradikalen geschlagen wird, ist dies der schwächste der drei Beiträge.
Zunächst einmal verwirrt, dass ausgerechnet die Nazis plötzlich englisch sprechen (und dass sie einen britischen Kollegen dabei haben ist als Erklärung zu dünn), nachdem Buttgereits Folge in Deutsch war. Heißt der Film nicht GERMAN ANGST? Andererseits ist es vielleicht typisch deutsch, dass man nicht die Eier hat mal was Eigenständiges konsequent durchzuziehen.

Schlimmer ist aber das Nervpotential der Rechten, die eine Dame dabei haben, die klingt wie ein Eichhörnchen auf Speed. Dafür scheinen böse Menschen viel zu lachen, das gilt für die deutsche Wehrmacht wie auch die aktuellen Spacken.
Die eingebaute Gewalt sollte Horrorfans hingegen positiv ins Auge stechen. Wenn Schauspielerin Annika Strauss (SEED 2), die hier die stumme Frau spielt, brutal zusammengeschlagen wird, sieht das ziemlich echt aus und ist nur eine von einer Reihe deftiger Szenen.
german_angst_michal_kosakowski_makeawish (1)

Alraune von Andreas Marschall

Der letzte, längste und beste Beitrag stammt von Andreas Marschall und der setzt den Stil, den er mit dem guten MASKS vor ein paar Jahren angedeutet hat, konsequent fort. Zwar hätte man die Episode um ein paar Minuten straffen dürfen, aber Marschall füllt seine Zeit mit optischer und akustischer Ästhetik, die sich sehen lassen kann. Im Giallo-Stil erschafft er einen Rausch, der auch Fans von DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN ansprechen dürfte und setzt sogar noch eine hübsche Story obendrauf.

Gezeigt wird das Ganze erneut in Englisch, was auch hier unnötig erscheint, zumindest ist aber die Stimme des Hauptdarstellers Milton Welsh ein Genuss aus Tabak und Whisky.
Der erzählt seiner Freundin von einer Affäre, die ihn in einen eigenartigen und exklusiven Club führte, der ihm anfangs enorme Freuden beschert, sich dann aber in einen Albtraum verwandelt. Was zunächst an EYES WIDE SHUT erinnert, wendet sich rasch zum Dunklen hin und kann sogar lovecraftsche Ansätze erkennen lassen.
german_angst andreas marschall alraune

Gemeinsam haben die drei Kurzfilme einen Hang zur Gewalt, weswegen die FSK den Film erst im zweiten Anlauf mit dem roten Aufkleber bestückte, ich bin aber geneigt der Begründung der Selbstkontrolle zuzustimmen, dass die Brutalität oft auf eine drastische Weise eingebunden wird, die selten dem Selbstzweck dient.

Dass GERMAN ANGST den deutschen Horrorfilm revolutioniert oder die ruhmreichen Tage des Expressionismus wieder zutage fördert, muss man wohl nicht befürchten, führt man sich aber vor Augen, dass hier wieder einmal mit knappem Budget hantiert wurde, ist das Ergebnis doch positiv. Hier finden sich keine abgedroschene Slasher-Geschichtchen mit platten Dialogen, sondern eine insgesamt solide Leistung vor und hinter der Kamera.

Kontrovers wird der Film aber auch weiterhin bleiben, das belegen schon die auseinandergehenden redaktionsinternen Meinungen.

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