Review: LIVID

 

 
Overview
 

Darsteller: Chloé Coulloud, Félix Moati, Jérémy Kapone
 
Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury
 
Drehbuch: Alexandre Bustillo, Julien Maury
 
Länge: 91 min
 
Land: Frankreich
 
Veröffentlichung: 10. Mai 2012
 
Verleih/Vertrieb: Tiberius
 
Genre: , ,
 
Bewertung
8.5
8.5/ 10


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Posted 17. August 2013 by

Vor nicht allzu langer Zeit standen französische Horrorfilme hoch im Kurs und alleine die geographische Zuordnung konnte Begeisterungsstürme auslösen. Basis für diesen nicht unverdienten Hype waren die 4 apokalyptischen Reiter des französischen Horrorfilmes: INSIDE, HIGH TENSION, MARTYRS und FRONTIER(S).

Während die Regisseure Xavier Gens (THE DIVIDE) und Alexandra Aja (PIRANHA) inzwischen über dem großen Teich erfolgreich waren und Pascal Laugiers US-Debüt THE TALL MAN auch schon in den Startlöchern steht, blieben die INSIDE-Macher Julien Maury und Alexandre Bustillo der Heimat treu und stellen mit LIVID ihr Können unter Beweis.
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Der Film spielt in einem kleinen Küstenort in einer ruhigen Gegend Frankreichs. Teenager Lucie begleitet als Praktikanten eine Altenpflegerin auf ihrer täglichen Route durch die Stadt, die sie unter anderem in das weitläufige aber ungepflegte Anwesen der Madame Jessel führt. Die alte Frau liegt in der einsamen Villa seit langem im Koma und wird durch Sauerstoffmaske und Infusionen am Leben gehalten. Wie Lucie erfährt soll sie einen Schatz im Haus aufbewahren.
Als die junge Frau ihrem Freund William am Abend davon berichtet, wittert der Fischer und Kleinganove die Chance sein Leben zu verändern. Zusammen mit Kumpel Ben kehrt das Paar nachts zu dem Haus zurück.

Das Regie-Duo nutzt die erste Hälfte des Films vor allem um die Figuren vorzustellen (wobei lediglich Ben etwas blass bleibt) und mit stimmigem Score und entsprechenden Bildern Atmosphäre zu erzeugen. Lucie wird dabei ohne Klischees breitzutreten als Good-Girl dargestellt, die sich sichtlich um die alten Menschen bemüht, während die erfahrene Krankenschwester mit kühler Abgestumpftheit zu Werke geht.
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Die Stadt ist ein trister Ort, den scheinbar alle Charaktere lieber heute als morgen hinter sich lassen würden. Das Anwesen der Jessels scheint dagegen aus einer anderen Welt zu stammen, einerseits von märchenhaftem Charme, andererseits eine Unbehaglichkeit ausstrahlend.
Die eingefallene Madame Jessel ist bereits am Tag unheimlich und man möchte den drei Dieben zurufen, ihren Plan doch noch einmal zu überdenken, aber natürlich kommt es wie es kommen muss und auf einmal sehen sich die Einbrecher mit einer unwirklichen Gefahr konfrontiert.

Während zunächst alles auf eine suspensehaltige Spukhaus-Geschichte hinausläuft und der Betrachter womöglich im Hinterkopf hat, wozu Maury und Bustillo in der Vergangenheit fähig waren, kommt es plötzlich zu einem Stilbruch, der so manche Erwartung unterläuft.

Nein, LIVID ist nicht INSIDE 2 auch wenn die Handschrift der Regisseure eindeutig zu erkennen ist. Nicht nur kommt auch hier eine Schere zum Einsatz; interessanter ist, dass wie im Vorgänger starke weibliche Figuren im Zentrum stehen und die beiden Männer zum schmückenden Beiwerk verkommen.
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Ja, wir haben es mit einem Horrorfilm zu tun, der Spannung, Schocks und Gore bereithält, dabei aber einer alptraumhaften Logik folgt, also manchmal keiner erkennbaren Logik, und zunehmend zu einem dunklen Märchen mutiert.
Zugegeben, der erste Genuss von LIVID kann für Verwirrung sorgen und nicht jeder mag sich davon erholen, aber der Film wächst mit der Zeit, auch nach dem Abspann. Das liegt zum einen daran, dass die starken Bilder nachwirken, zum anderen an zahlreichen ungeklärten Fragen, die wir gerne gelöst wüssten.

ACHTUNG SCHWERE SPOILER:
Einige Hinweise werden früh im Film verstreut. Die Plakate mit den vermissten Mädchen, die an der Bushaltestelle kleben, erklären sich rasch von alleine.
Wichtiger sind schon Lucies verschiedenfarbige Augen und das was ihre Kollegin dazu zu sagen hat. Eine Seele für jede Augenfarbe? Zumindest helfen uns die Augen den Körpertausch zwischen Lucie und Anna nachzuvollziehen, doch hat es damit mehr auf sich? Machen diese Augen sie zu einer Auserwählten? Warum sonst sollte die Familie Jessel so lange gewartet haben um Anna ins Leben zurückzuholen.
Oder sind es wirklich zwei Seelen, die in Lucie wohnen, da sie an einer gespaltenen Persönlichkeit leidet? Entspringen die Ereignisse in der Villa nur ihrer Vorstellungskraft? Wie kommt es sonst, dass die Fenster plötzlich vergittert sind und den Rückweg versperren und Ben sogar in einem Raum gefangen ist, der gar keine Ausgänge hat. Es fällt zudem auf, wie furchtlos sich Lucie durch das dunkle Anwesen bewegt, während der Zuschauer nägelkauend auf seinem Sessel hin und her rutscht.

Dass Lucie unter dem Selbstmord ihrer Mutter (übrigens die „Frau“ aus INSIDE) leidet, ist offensichtlich und manifestiert sich in Visionen die diese zeigen.
Eine lebhafte Fantasie können wir ihr also unterstellen. Ist die Nacht in dem alten Haus ihre Art um die Erinnerungen, also den Tod der Mutter hinter sich zu lassen? Zuletzt taucht die Mutter auf, als Lucie nur auf einem Auge sehen kann. Es ist das braune Auge, die gleiche Farbe die auch ihre Mutter hatte und das die Vergangenheit symbolisiert. Die neue Lucie (also Anna) hat zwei blaue Augen, damit nur noch eine Seele und die früheren Tage liegen hinter ihr.
So mag Anna nur ein Teil von Lucy sein. Jedenfalls verbindet die beiden Mädchen, dass auch Anna von ihrer herrischen Mutter (auf andere Weise) verlassen wurde und zuletzt mit ihr abrechnet, also ebenfalls die Vergangenheit begleicht.
SPOILERENDE

Viele Fragen, und definitive Antworten sollen und können hier nicht gegeben werden, denn vieles unterliegt der Interpretation des Einzelnen. Daher sollte man sich darüber im Klaren sein, dass LIVID trotz einiger „einschneidender“ Szenen kein vergleichsweise simpler Splatter ist, sondern die konsequente Weiterentwicklung zweier talentierter Regisseure.

Übrigens: der deutsche Duden definiert „livid“ mit „bläulich“, was etwas irreführend ist. Sinniger ist hingegen die Übersetzung des französischen Originaltitels LIVIDE, was so viel bedeutet wie „leichenblass“.

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