Review: RAW (2016)

 

 
Overview
 

Darsteller: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella
 
Regie: Julia Ducournau
 
Drehbuch: Julia Ducournau
 
Länge: 94 min
 
Veröffentlichung: 26. Oktober 2017 (Heimkino)
 
Verleih/Vertrieb: Universal
 
Genre: ,
 
Land: , ,
 
Freigabe:
 
Bewertung
7.0
7.0/ 10


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Posted 8. Oktober 2017 by

Was wurde nicht alles im Vorfeld über RAW geschrieben? Ekel- und Würganfälle im Kinosaal, Mütter (die zuvor gar nicht schwanger waren) brachten während der Vorführung zweiköpfige Kinder zur Welt, Chaos, Anarchie, Armageddon.
Nun hat man den Film entweder
a) bei einem Tupperware-Abend gezeigt,
b) es handelt sich um dreistes Marketing oder
c) Medien, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, haben ihr Fake-News-Potential ausgeschöpft.
Seit erste Import-Discs zu haben sind, stellte sich im Kreise all jener, die jeden Scheiß glauben und ihre Filme gerne flach mögen, jedenfalls schnell Ernüchterung ein.

Story:
Justine beginnt ein Studium der Tiermedizin. Mit den Erstsemestern wird an der Uni hart umgegangen und in einem der vielen fragwürdigen Rituale muss die Vegetarierin Fleisch essen.
Die Folgen sind unerwartet: zunächst hat die junge Frau nur einen juckenden Ausschlag, dann wirft sie die fleischlose Ernährung über Bord und schließlich entwickelt sie einen kannibalischen Hunger.

Die hier recht verklausulierte Idee hinter RAW wurde bereits in Werwolf-Streifen wie GINGER SNAPS und WHEN ANIMALS DREAM aufgegriffen und paart die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens seiner Protagonistin mit Horrorelementen. Mit Werwölfen hat RAW allerdings nichts am Hut, erinnert dann eher an EXCISION (nicht zuletzt aufgrund äußerlicher Ähnlichkeiten der Hauptdarstellerinnen).

Dass sich das Werk allzu offensichtliche und altbackene Klischees erspart, sich nüchtern gibt und das relativ moderne Thema Vegetarismus einfließen lässt, spricht schon mal für RAW, in die Nähe der bekannten französischen Horrorfilme wie INSIDE oder MARTYRS, wo ihn einige Zeitgenossen schon sehen wollten, rückt er damit aber nicht, sondern (wenn man unbedingt in Frankreich bleiben will), eher hin zu kontroversen Dramen eines Gaspar Noé.

Das bedeutet auch, dass er mit einem natürlichen, leicht schmuddeligen Look ausgestattet daherkommt. Das Studentenheim sieht aus, als wäre die Putzfrau auf Langzeiturlaub, die Darsteller wirken immer etwas ungewaschen und Themen wie Sex und Nacktheit werden nonchalant abgefrühstückt ohne unnötig aufgeblasen zu werden.

Und was ist nun mit den Ekelszenen und dem Horror?
Beides ist vorhanden, aber im Kontext zu sehen. Wer karnevalistische Kannibalen wie in WRONG TURN sehen will, sollte sich nicht die Mühe machen die RAW-Disc in den Player zu legen. Wer sich aber etwas mit den Figuren beschäftigt, wird sich ein Stück weit in Justine hineinversetzen können und schon steht die Frage im Raum, wie weit man selbst gehen könnte, wenn plötzlich der Hunger auf Verbotenes groß ist.

Wie schon angesprochen greift RAW aber auch Justines Reife zur Frau auf, die zunächst einen Platz in der Gesellschaft der Studenten sucht, zuletzt aber auch verstehen muss, dass ihre ungewöhnlichen Neigungen sie zur Außenseiterin in (nahezu) jeder Gesellschaft machen.
Was nun womöglich nach schwerer Kost klingt, ist zwar clever, aber nicht verkopft und RAW hält einige skurril-lustige Augenblicke bereit, wie etwa die Szene, als aus dem Versuch eines Brasilian Waxing ein blutiger Unfall resultiert, der wiederum Justins Appetit weckt.

Trotzdem finden sich Wörter wie Arthouse und natürlich Coming Of Age im Umfeld von RAW wieder und vermutlich wird es sich mit RAW verhalten, wie es auch bei den ebenfalls falsch beworbenen THE WITCH und BABADOOK war.
Viele werden sich enttäuscht abwenden, weil er nicht schon wieder die gleiche Geschichte erzählt, andere werden ihn genau dafür lieben.

Wir tendieren klar zu Letzterem, wobei der Film nicht ohne ein paar kritische Töne entlassen werden kann. Auch wenn man nicht von Längen sprechen kann, wirkt RAW im Mittelteil mitunter orientierungslos, scheint nicht so recht zu wissen, ob er mehr auf Charaktere oder Story setzen will und häuft den einen oder anderen Nebenkriegsschauplatz an, den es nicht zwingend gebraucht hätte.

Fazit: Nicht ohne Schwächen, wer aber ohne falsche Erwartungen rangeht, wird die Qualität schwer verleugnen können.

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