Die Macher: David Lynch

Das Gesamtwerk eines Künstlers zusammenzufassen, der auf so unterschiedlichen Ebenen im Laufe seiner Karriere gearbeitet hat, wie David Lynch, ist schon eine Herausforderung. Selbst wenn man seine Arbeiten mit Möbeln, einem Großteil seiner Musik und ja, sogar eine eigene Kaffeesorte ruhigen Gewissens weglassen kann, sobald es um das Genre Horror geht, bleibt dennoch ein ziemlich reichhaltiger Fundus übrig.
In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf Elemente des Horrors in verschiedenen Stilrichtungen und Medien, die aus David Lynchs breitem Gesamtwerk stammen. Um diesem entsprechend Rechnung zu tragen, werden hier nur einzelne Beispiele der jeweiligen Medien genannt.

 

 

 

 

 

 

Die Filme

Zunächst kann man auch hier manche Filme getrost beiseite lassen, wenn es um das Thema Horror geht, allen voran der gefloppte DUNE, der preisgekrönte ELEFANTENMENSCH, sowie das Roadmovie WILD AT HEART. Im weitesten Sinne in die Kategorie Horror und Psychothriller lassen sich jedoch seine Werke ERASERHEAD, BLUE VELVET, TWIN PEAKS – DER FILM, LOST HIGHWAY, MULHOLLAND DRIVE und INLAND EMPIRE zählen.

ERASERHEAD

Mit seinem ersten Film in Spielfilmlänge, schuf Lynch ein alptraumhaftes Szenario eines Mannes, der aufgrund der stetigen Belastung durch sein missgebildetes Kindes langsam seinen Verstand zu verlieren scheint. Der ständige psychische Druck sorgt regelmäßig für Unklarheit, was gerade tatsächlich geschieht und was nur auf seiner Einbildung basiert. Dabei lassen sich bereits Elemente des Body Horrors erkennen. So verliert die Hauptfigur, Henry, in einer Szene buchstäblich seinen Kopf, der in einer folgenden Szene zu einem Radiergummi (eraser) verarbeitet wird.
In diesem psychologischen Horrorfilm wird der seelische und intellektuelle Verfall eines Mannes dargestellt, der gegenüber äußeren Faktoren vollkommen machtlos wirkt, sie nicht einmal versteht und in dieser, an Franz Kafka erinnernden, Welt nach und nach den Verstand verliert. Im Zentrum steht dabei zwar sein permanent schreiendes, missgebildetes Kind, aber auch andere Personen verhalten sich offensichtlich irrational. Beispielsweise scheint der Großvater des Kindes (mütterlicherseits) permanent in verschiedene soziale Rollen zu wechseln, die zumeist nicht der jeweiligen Situation entsprechen. Henry, dessen Psyche langsam zusammenbricht, greift am Ende des Films zum äußersten Mittel, um sich des stetig wachsenden äußeren Drucks zu erwehren und ermordet sein Kind mit einer Schere.
Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins wird durch die Räumlichkeiten des Films verstärkt. Die gesamte Handlung findet in einer vollständig industrialisierten Welt statt, in der sich weder Anzeichen von Natur finden lassen, noch Indizien, wo und wann der Film eigentlich stattfindet. Da der Film bewusst in schwarz-weiß gedreht wurde, wird die allgegenwärtige Düsternis noch verstärkt.

LOST HIGHWAY

Die Handlung des Films in seiner Gänze darzulegen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Story Twists und zahlreicher Erzählstränge. Dabei ist der Film repräsentativ für die späteren Filme Lynchs. Zum einen aufgrund des Settings (Los Angeles) und der Atmosphäre, die sehr an die Bilder Edward Hoppers erinnert. Zum anderen aufgrund der Mischung aus Schockmomenten, übernatürlich anmutenden Begebenheiten und der nicht-linearen Erzählstruktur. Ein Musterbeispiel dieser Mischung ist dabei die Szene mit dem sogenannten „Mystery Man“, der einen der Hauptcharaktere, Fred, auf einer Party anspricht. Dort erzählt er diesem, er sei gerade in diesem Moment in Freds Haus. Um das zu beweisen lässt er diesen bei sich daheim anrufen, wo tatsächlich der „Mystery Man“ ans Telefon geht, obwohl dieser offensichtlich im selben Moment Fred auf der Party gegenüber steht. Solche surrealen Szenen wechseln sich regelmäßig ab mit atmosphärischen Aufnahmen, beispielsweise längeren Fahrten bei Nacht über einen einsamen Highway, womit nicht nur die Verlorenheit der Charaktere symbolisiert wird, sondern wohl auch die Unklarheit und der fehlende Kontext von dem, was gerade geschieht. Dieser Eindruck wird verstärkt, indem gelegentlich Hauptcharaktere die Rollen wechseln und beispielsweise Fred ins Gefängnis kommt, aber am folgenden Tag die Wärter eine andere Person, Pete, an seiner Stelle finden.
Wie viele Filme Lynchs, entzieht sich auch dieser einer klaren Interpretation. Der essentielle Horror des Films basiert dabei zu weiten Teilen auf der dem Verlust narrativer Orientierung, der irgendwann auch den Zuschauer in seinem Labyrinth aus Unklarheiten und Verwirrung mit einem Gefühl des Kontrollverlusts zurücklässt, da es dem Film immer wieder gelingt, einem den Boden unter den Füßen zu entreißen.
Das dieses Verwirrspiel auch so sehr im Exzess betrieben werden kann, zeigt Lynch dagegen in seinem letzten Spielfilm INLAND EMPIRE. Wenn man nach über drei Stunden mehrmals glaubte, jetzt endlich zumindest etwas von dem Film verstanden zu haben, um dann doch immer wieder das Gegenteil festzustellen, drängt sich einem unweigerlich der Verdacht auf, dass der Regisseur sich irgendwann in seinem eigenen Labyrinth verlaufen hat.

Die Kurzfilme

Das Spektrum der Kurzfilme ist relativ breit und erstreckt sich dabei von rein atmosphärischen Filmen, ohne wirkliche Handlung (z.B. BALLERINA), bis zu hochgradig symbolischen, surrealen Filmen, die direkt aus einem Alptraum entsprungen zu sein scheinen. Dazu sei vor allem auf seine beiden Frühwerke verwiesen, THE ALPHATBET und THE GRANDMOTHER.
Im beiden verbindet Lynch Elemente seiner Malerei mit Filmaufnahmen und visualisiert dabei die seelischen Qualen eines jungen Mädchens bezüglich der Angst, das Alphabet zu lernen. Es stellt somit auf symbolische Versagensängste beim Lernen dar, unter anderem durch surreale Bildelemente, wie auch drastische Schockmomente gegen Ende des vier minütigen Kurzfilms.

Dagegen geht es in THE GRANDMOTHER, der mit einer halben Stunde deutlich länger ist, um einen traumatisierten Jungen, der von seinen Eltern misshandelt wird. Um sich diesem alltäglichen Horror zu entziehen erschafft er sich auf künstlichem Wege, wie eine Pflanze, eine beschützende Großmutterfigur. Diese wird aber irgendwann selbst zu einer noch größeren und vor allem unheimlicheren Bedrohung, als seine Eltern.

Ein regelmäßig wiederkehrendes Element ist dabei auch das Vertauschen der Rolle des Zuschauers und des Akteurs. So scheint man in ABSURDA aus der Perspektive des Publikums in einem Kinosaal ein Geschehen auf der Leinwand, auf welcher sich eben dieses Publikum wiederfindet und der Ermordung einer der ihren beiwohnt. Gebrochen wird der Blick auf die Leinwand in der ersten Minute zudem durch eine überdimensionale Schere, welche zwischen Publikum und Leinwand platziert ist und den buchstäblichen Schnitt mit der Realität bewerkstelligt.

Die Serien

Zwar hat David Lynch verschiedene Serien im Laufe der 90er Jahre geschaffen, doch besondere Beachtung erfuhr dabei vor allem TWIN PEAKS (und Kenner der Serie würden anfügen, vor allem die erste Staffel). An dieser Stelle sei aber gesagt, dass hier gar nicht länger auf diese Serie eingegangen werden soll, da Leser dieser Seite im November ein Classic-Review erwartet, in welchem ausführlicher auf sie eingegangen werden soll. So….stay tuned!
Es sei nur so viel verraten: zum Höhepunkt des Hypes um TWIN PEAKS in den 90ern soll der russische Staatschef, Michael Gorbatschow, den damaligen US-Präsidenten George H.W. Bush angerufen haben, damit dieser sich persönlich bei David Lynch erkundigte, wer denn der Mörder in der Geschichte sei. Wer solche Aufmerksamkeit erfährt hat wohl auch ein Classic-Review verdient.

Die Musik

Ein gutes Beispiel für die Kombination aus Horror und Musik ist CRAZY CLOWN TIME, dessen Clip in teils lustiger, teils bedrückender Weise die fließende Grenze zwischen ausgelassen feiern und vollkommen ausflippen zeigt, die hier gekonnt mit Elementen des Wahnsinns in Verbindung gebracht wird. Menschen, die in Wut und Verzweiflung schreien. Andere, die ihre Haare in Brand setzen oder sich gegenseitig im exzessiven Suff erwürgen wollen. Das alles wird gepaart mit einer wackligen Kameraführung, Zeitraffern und Nahaufnahmen von Gesichtern, welche die Intensität des Dargestellten noch verstärken. Das Setting selbst ist ein düsterer Hinterhof, mit kräftigen, dunklen Farben, die dem ganzen eine zusätzliche, alptraumhafte Atmosphäre verleihen, mit dutzenden Bierflaschen, brennenden Mülltonnen und einem Fernseher, aus welchem David Lynch selbst zu einem spricht, beziehungsweise singt. Dieser monotone Sprechgesang, der mit rhythmischer Untermalung die Handlung des Clips begleitet und sich gelegentlich mit dem Schreien der Protagonisten mischt verstärkt das Gefühl, man würde sich einen Traum ansehen.

Die Bilder

Die Bilder Lynchs orientieren sich in ihrem surrealen Stil an seinen Filmen, sowohl in den frühen schwarz-weiß, wie auch seinen späteren farbigen Filmen. Als Beispiel sei hier das Bild HEAD#2 genannt. Der kinematografischen Stilrichtung des Body Horrors entsprechend, zeigt das Bild einen menschlichen Kopf, von welchem alle Elemente eines Gesichts ausradiert wurden, außer rudimentären Ansätzen von Ohren und einem überdimensionierten Mund. Nach diesem alptraumhaften Gesicht greift eine Hand, welche der Perspektive entsprechend den Eindruck erweckt, der Betrachter des Bild selbst würde nach dem Gesicht und somit in das Bild hinein greifen. Alptraumhafte Figuren sind in Lynchs gestalterischer Kunst dabei ähnlich zentral, wie die verschwimmenden Grenzen zwischen Betrachter und Betrachtetem, sowie zwischen verschiedenen Kunstmedien selbst. So kommen Elemente seiner Gemälde immer wieder in seinen Kurzfilmen, aber auch seinen Musikvideos vor. Da Lynch seine Karriere in der Malerei begann ist dies an sich logisch. So erklärte er seinen Wechsel zum Film mit der Begründung, er habe irgendwann gemerkt, dass erst Bewegung und Musik seinen Bildern die Wirkung verleihe, die er sich erhoffte.

Die Fotos

Seine Fotos dagegen, solange sie nicht Bestandteil eines späteren Gemäldes werden, sind nicht direkt mit dem verbunden, was man als Horror bezeichnen könnte. Dennoch verdienen sie hier ein wenig Beachtung, denn die triste und gleichzeitig dichte, atmosphärische Darstellung von Industrieanlagen, zumeist in schwarz-weiß, ist ein Element, welches in vielen seiner anderen Werke vorkommt, allen voran ERASERHEAD. Den Fotos, vielen davon in der zunehmend verfallenen, ehemaligen Industrieregion Philadelphias aufgenommen, entnimmt man ein Verständnis für Raum, sowie den damit verbundenen Auswirkungen des Menschen auf seine Umwelt, dessen Ästhetik häufig bedrückend und entfremdend zugleich wirkt. Wie eben ein großer Teil seiner Filme und anderer Werke ebenfalls zu wirken versteht.

Abschließend lässt sich sagen, dass es schwer fällt, sich weitere Künstler vorzustellen, die im Bereich des Horror- und Psychothrillers arbeiten und gleichzeitig ein so umfassendes Gesamtwerk, mit einer solchen Spannbreite an genutzten Medien aufweisen, an denen sie sich nicht nur ausprobieren, sondern von Zuschauern und Kritiken gelobt werden. Und das er im Alter von 72 Jahren noch nicht am Ende seines Schaffens angekommen sein muss, bewies er eindrucksvoll mit der dritten Staffel TWIN PEAKS, nachdem diese Serie 25 Jahre lang geruht hatte.

P.S. Der Horror scheint in der Familie zu liegen. So trat seine Tochter, Jennifer Lynch, mittlerweile als Regisseurin des Psychothrillers CHAINED, sowie für verschiedene Folgen, unter anderem für THE WALKING DEAD, WAYWARD PINES und AMERICAN HORRORSTORY ins Rampenlicht.

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