Special: Die Angst vor dir selbst

Im Horrorbereich begegnen einem viele Formen des Grauens, von Monstern, über Dämonen, bis zu den eigenen Mitmenschen, die es einem nach dem Leben trachten. Doch für viele fängt das wirkliche Grauen erst an, wenn es aus dem eigenen Inneren kommt, wenn man seinen eigenen Entscheidungen und seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertrauen kann. Denn wohin sollte man vor sich selbst fliehen? Wie sollte man sich selbst entkommen? Dieser Effekt in Horrorfilmen, wenn der Protagonist merkt, dass er etwas furchtbares getan hat, ohne sich daran zu erinnern, oder das er etwas zu sehen geglaubt hat, was sich als perfide Illusion herausstellte – der Schrecken rührt auch daher, dass wir in kleinerem Maße solche Erfahrungen bereits im realen Leben machen durften. Von Blackouts im Alkoholrausch, über Wutanfälle, in denen man die Kontrolle über sich selbst zu verlieren scheint, von Halluzinationen während eines (dann plötzlich doch nicht mehr so) harmlosen Trips, bis zum Schlafwandeln. Erfahrungen über Kontrollverlust und die Angst, was dieser mit sich bringen könnte, ist wohl in den meisten von uns tief verankert.
In der folgenden Auswahl von Filmen wollen wir nur einen kleinen – und auf keinen Fall vollständigen – Überblick über die verschiedenen Formen der Angst vor sich selbst und dem Entsetzen über die eigenen Taten bieten.

OCULUS

Das vielleicht deutlichste Beispiel für die Angst vor der eigenen verzerrten Wahrnehmung zeigt sich in diesem Film von Mike Flanagan. In einer geschickten narrativen Mischung aus vergangenen und gegenwärtigen Handlungssträngen – wie er sie später auch in SPUK IN HILL HOUSE anwenden sollte – erzählt er die Geschichte eines verfluchten Spiegels, der bei den Menschen in seiner Umgebung Halluzinationen auslöst. Auf diese Weise beginnen diese nicht nur paranoid gegenüber ihrer Umgebung und ihren Mitmenschen zu werden, sondern auch zunehmend aggressiv gegenüber diesen zu sein, wie beispielsweise die Mutter der beiden Protagonisten im vergangenen Handlungsstrang. Am eindrucksvollsten ist der Film aber vor allem in den Szenen, in denen man selbst nicht mehr weiß, was gerade real ist und was nicht, da die äußere Realität zumeist durch die subjektive Sicht der jeweiligen Protagonisten gezeigt wird. Wie perfide diese Verzerrung der Realität ist, zeigt sich unter anderem im Finale des Films, als Tim versucht den Spiegel mit dem Notfallmechanismus zu zerstören – welcher eben für den Fall gebaut war, dass sie ihrer Wahrnehmung nicht mehr trauen können – aber dann genau mit diesem seine Schwester tötet, die den Mechanismus eingerichtet hatte. Wie banal, und dadurch erst recht verstörend, die Fallen des eigenen Verstandes sein können, zeigt das Beispiel des vermeintlichen Apfels im folgenden Trailer. Viel Spaß.

HEREDITARY

An anderer Stelle wurde bereits beschrieben, wie groß der Schrecken des Kindes sein muss, wenn die eigenen Eltern zur lebensbedrohenden Gefahr zu werden scheinen, wie es im Falle der Mutter im viel gelobten Horrorfilm von Ari Aster geschieht. Erst recht spät im Film erfährt man von einem der Hauptgründe für das problematische Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, da diese im Schlaf ihn eines nachts mit Feuerzeugbenzin übergossen hatte und er zum Geräusch eines erglühenden Streichholzes erwachte. Doch so essentiell verstörend diese Erfahrung für ihn als Sohn sein muss, mindestens ebenso erschreckend muss die Wahrnehmung aus Sicht der Mutter gewesen sein, als sie im selben Moment erwachte, sich dabei erwischend, wie sie ihren eigenen Sohn verbrennen wollte. Welch größeres Entsetzen über einen selbst kann man empfinden, wenn man sich nicht einmal mehr sicher sein kann, den wichtigsten Menschen im eigenen Leben keinen Schaden zuzufügen? Hier offenbart sich auch eine andere Ebene dieses Films, da der Grund für diesen schlafwandlerischen Mordversuch – wie sich später bestätigt – nichts mit den übernatürlichen Vorkommnissen nach dem Tod ihrer eigenen Mutter zu tun hat, sondern eine psychische Erkrankung zugrunde liegt, die sie schon seit vielen Jahren mit sich herumträgt.

BABADOOK

Ähnlich wie in HEREDITARY handelt auch dieser Film von einer Frau, die sich nicht mehr sicher sein kann, ihren Sohn noch vor sich selbst beschützen zu können. Mehr als einmal findet man sowohl Kind als auch Mutter in einer Situation wieder, wo beide entsetzt auf das erhobene Messer in ihrer Hand blicken. Durch geschickte Kameraführung erlebt der Zuschauer hier ebenfalls das Gefühl von den Handlungen überrascht zu sein, da das Messer erst in den Bereich der Kamera fällt, als die Mutter aus ihrem kurzfristigen Wahn aufwacht. Im Gegensatz zu HEREDITARY kann man dabei jedoch recht sicher sein, dass der langsam fortschreitende Wahnsinn nicht nur mit der psychischen Überlastung durch die Rolle der alleinerziehenden Mutter eines Problemkinds zusammenhängt, sondern symbiotisch in Verbindung mit der Horrorfigur des Babadook steht, welcher sich in ihrem Keller eingenistet hat. Dennoch kommt man nicht umhin, während des Films an die zahlreichen Fälle in den Nachrichten zu denken, in denen berichtet wird, wie überforderte Eltern ihre Kinder misshandeln und teilweise sogar – egal ob bewusst oder im Affekt – umbringen. Erst in Hinblick auf diese erschreckende Beispiele in der Realität entfaltet der Film seine volle Wirkung.

DIE FLIEGE

Eine ganz andere Version der Angst vor dem eigenen Selbst stellt dabei das Horror Subgenre des Body Horrors dar, da in diesem das zerstörte Vertrauen in die eigene Kontrolle nicht auf der psychischen, sondern der physischen Ebene besteht. An dieser Stelle könnte man wahrscheinlich so ziemlich jeden Film dieses Subgenres aufgreifen, daher soll hier nur der Cronenberg-Klassiker erwähnt werden. Die Story ist bekannt: im Rahmen eines Teleportationsexperiments vermischt sich die DNA einer Fliege mit der des Wissenschaftlers Seth Bundle. Im Laufe der Geschichte verändert sich sein Körper schrittweise in eine deformierte Mischung aus beiden Wesen. Sieht er zunächst noch die positiven Aspekte der Verwandlung, beispielsweise größere physische Kraft, stellt sich bald die Erkenntnis ein, zu einem Monster zu werden. Die hier angesprochenen Ängste lassen sich leicht zurückführen, auf die allzu verständliche Angst des Menschen entstellt zu werden, sei es durch Unfall oder Krankheit.

THE SINNER

Zugegeben, eine Horrorserie ist es nicht unbedingt. Aber schnell zeigt sich, dass diese Krimiserie auch Mystery-Elemente in sich birgt. Bereits in der ersten Folge sieht man die Protagonisten Cora, junge Mutter und Ehefrau, wie sie während eines Familientags am Strand scheinbar grundlos einen anderen Mann ersticht, den sie nicht zu kennen scheint. Schnell stellt sich heraus, dass es in ihrer Vergangenheit einen Zeitabschnitt von ungefähr zwei Monaten gibt, an den sie sich nicht mehr erinnern kann und in dem die Lösung für dieses Verbrechen liegt, welches nun ihr Leben zerstört hat. Mehr soll gar nicht über diese erste Staffel gesagt werden, denn darin lässt sich alles finden, was zur Verstörung über das Vertrauen in einen selbst gehört. Denn woher wollen wir mit absoluter Sicherheit sagen, dass wir nicht auch einen solchen Zeitraum in unserer Vergangenheit haben? Und tatsächlich haben wir solche Zeiträume, ohne jegliche Erinnerungen. Das betrifft nicht nur verdrängte Traumata oder der Filmriss nach dem offensichtlich schlechten letzten Bier am vergangenen Freitagabend. Es betrifft selbst die Zeit in der wir schlafen, also jede Nacht. Erinnerungslücken sind alltäglich und wir müssen davon ausgehen, dass in dieser Zeit nichts schlimmes geschehen ist. Aber was ist, wenn doch?

DER EXORZIST

Und der nächste Klassiker. Aber tatsächlich gilt auch hier, dass die Logik der Angst vor einem selbst sich in wohl jedem Film finden lässt, der sich mit dem Thema Besessenheit befasst. Denn sowenig wie die kleine Regan, wissen in den meisten anderen Filmen dieser Sparte die Besessenen am Anfang, was mit ihnen nicht stimmt. Sie sagen Dinge, die sie sich sonst nie getraut hätten, oder die sie nicht wissen können, werden grundlos aggressiv oder obszön oder gewalttätig. Und auch hier gilt, so erschreckend das für die Menschen in ihrem Umfeld ist, für die Betroffenen wird es mindestens genauso schlimm sein, wahrscheinlich schlimmer. Hier drängen sich gleich zwei Urängste des Menschen ins Horrorgenre. Zum einen, recht offensichtlich, die in unserem Kulturkreis christlich geprägt Angst, vom Teufel oder einem Dämonen besessen zu sein und somit nicht nur sein zukünftiges Leben im Paradies zu verlieren, sondern ebenso die Möglichkeit, weiterhin Bestandteil der eigenen Gesellschaft zu bleiben. Zum anderen, auf abstraktere Ebene, lässt sich darin die Angst vor Krankheit erkennen, vor Fremdkörpern in einem selbst, die das eigene Leben bedrohen und in ihre Kontrolle bringen.

BLACK MIRROR

Die Anzahl an Folgen, die in den mittlerweile vier Staffeln mit der technologischen Veränderung von Wahrnehmung zu tun haben, würde hier definitiv den Rahmen dieses Artikels (und wahrscheinlich auch die Ausdauer des Lesers) überschreiten. In der mittlerweile von Netflix produzierten Serie nehmen dieser Veränderung der eigenen Wahrnehmung verschiedenste Ausmaße an. Beispielsweise gibt es eine Folge mit Soldaten, die gegen Mutanten vorgehen, bis sich herausstellt, dass deren körperliche Abnormität nur auf einer visuelle Manipulation in ihren eigenen Gehirnen via Mikrochips basiert. Dass diese Mutanten von ihnen als Kakerlaken bezeichnet werden, ist dabei ein recht offensichtlicher Verweis auf den Völkermord in Ruanda 1994, als die marodierenden Banden ihre Feinde ebenso bezeichneten. Das Entsetzen des manipulierten Soldaten kann man sich vorstellen, nachdem er merkt, kein Kriegsheld sondern ein Massenmörder zu sein. In den extremsten Beispielen der Serie weiß der jeweilige Protagonist entweder nicht, ob er sich noch in der Realität befindet, oder, in anderen Folgen, können sie sich nicht einmal sicher sein, ob sie selbst real, oder nur eine virtuelle Kopie sind. Welch größeren, existentiellen Horror kann man sich eigentlich denken, als die Vorstellung, selbst nicht real zu sein?

Und wie immer ein Fazit:
Die Angst vor sich selbst, vor allem, sich nicht mehr selbst vertrauen zu können, ist geradezu eine Urangst des Menschen. Da wird logischerweise nur durch uns Leben, sind wir darauf angewiesen, möglichst immer die Kontrolle über uns zu haben oder uns zumindest sicher zu sein, diese schnell wieder zurück zu erlangen. Wenn dieses Urvertrauen in unseren Körper und unseren Verstand aber nicht mehr gegeben ist, stehen wir der Welt zunehmend hilflos gegenüber. Beispiele im realen Leben gibt es zahlreiche: Krankheiten, psychische Erkrankungen, Demenz, schwerwiegende Verletzungen, Schlafwandeln oder Gedächtnisverlust. Die hier aufgeführten Horrorfilme greifen eben diese allzu verständlichen Ängste künstlerisch auf und spielen mit unseren Ängsten. Warum uns das auch noch gefällt? Vielleicht, weil diese Schrecken, im Gegensatz zum echten Leben, zumindest einen Grund, eine Erklärung liefern, die mehr ist, als bloßes Pech. Vielleicht, weil sie uns suggerieren, dass wir ohne einem verfluchten Spiegel oder technologischer Implantate uns doch noch einigermaßen auf uns selbst verlassen können.

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