Special: Die Wurzeln des Bösen – Teil 1

Wenn man sich regelmäßig auf dieser Seite aufhält, können wir wohl davon ausgehen, dass man nicht ganz neu im Horrorgenre unterwegs ist und wohl schon den einen oder anderen Film gesehen hat. So wenig bei manchen Menschen Verständnis für eine Vorliebe für diese Filme gegeben ist, so sehr können wir hier jeden Skeptiker erst einmal beruhigen. Denn das Genre selbst ist fast so alt, wie wir die menschliche Aufzeichnung von Geschichten nachvollziehen können. So lassen sich bereits in antiken Texten, Jahrhunderte vor Christus Geburt, Elemente des Horrors finden. Beispielsweise in Form von Monstern in Homers Odyssee – vom Zyklopen bis zu Meeresungeheuern – und das wurde vor beinahe dreitausend Jahren geschrieben. Auch das Erscheinen von Geistern und ähnlicher Erscheinungen finden sich bis zurück in alten römischen Schriften von Seneca und Vergil. Und dabei können nicht einmal jene Horrorgeschichten mitgezählt werden, die im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen, oder vielleicht nie schriftlich niedergelegt wurden.

Da wir es mit einer so großen Bandbreite zu tun haben, beginnen wir hier eine weitere Reihe in unserer Kategorie Specials: Die Wurzeln des Bösen. In dieser Reihe werden wir immer wieder bunt zusammengewürfelte Legenden, Mythen und Sagen aus allen Regionen der Welt aufgreifen, ihren Ursprung kurz erläutern und ein paar Beispiele bringen, wie sie das Horrorgenre bis heute prägen.

Und los geht’s!

 

Werwölfe

Um mit einem DER Klassiker des Horrorgenres zu beginnen, wenden wir uns zunächst der Figur des Werwolfs zu. Nicht erst im abergläubischen Mittelalter, sondern bereits in der griechischen Antike lassen sich erste Spuren der sogenannten Lykanthropie finden. So wurde unter anderem in Ovids Metamorphosen ein König von Zeus in einen Wolf verwandelt, als Strafe, dass er diesem Menschenfleisch zum essen vorsetzte. Auch der römische Historiker Herodot verweist auf Verwandlungen von Menschen zu Wölfen im Nachbarvolk der Skythen. Aber natürlich entwickelte dieser Mythos seine volle Kraft erst im Zuge des europäischen Mittelalters, wo es unter anderem nahe Köln im 16. Jahrhundert neben Hexen- auch zu Werwolfprozessen kam. In abgewandelter Form lässt sich derselbe Mythos auch in klassischen Märchen finden. Beispielsweise im Falle von Rotkäppchen, wo ein Wolf sich als Mensch tarnt, um an sein Opfer zu kommen. Somit gelang es dem Werwolf über vielfältige Weise in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft einzudringen. Das zeigt sich nicht zuletzt im Horrorgenre durch die schiere Anzahl von Büchern und Filmen zu diesem Thema. Besonders erwähnenswert ist dabei AMERICAN WEREWOLF, als Klassiker der popkulturellen Verarbeitung dieses Themas.

Golem

Die Figur des Golems beruht auf einer jüdischen lässt sich bis in das 12. Jahrhundert zurückführen, als Bestandteil jüdischer Mystik. Damals tauchte sie zum ersten Mal in schriftlicher Form in Worms auf, wobei es sich bei dem Golem kurz gefasst um die Erweckung lebloser Materie zum Leben handelt. Bekannter und in ihrer Geschichte konkreter ist die des Prager Golems. In dieser erschafft ein Rabbi einen Mann aus Ton, welchen er mit kabbalistischen Ritualen zum Leben erweckt, damit dieser dem Schutz der jüdischen Gemeinde Prags dient. Die Idee, aus toter Materie leben zu schaffen, um diese für sich arbeiten zu lassen, erscheint in der heutigen Zeit dank Robotik und Forschungen an künstlicher Intelligenz kaum mehr neu. Doch prägte diese Legende zahlreiche Geschichten in den darauffolgenden Jahrhunderten, nicht zuletzt im Horrorgenre. So liegt der Gedanke nicht fern, dass beispielsweise der gesamte FRANKENSTEIN-Franchise maßgeblich davon beeinflusst wurde. Aber auch direkte Verfilmungen des Mythos lassen sich zur genüge finden. Zuletzt im diesjährigen GOLEM-Film, dessen Trailer ihr hier findet:

Kuchisake-onna

Es folgt ein Sprung ins Japan der Edo-Zeit (1603 – 1868), denn aus dieser Periode stammt die Legende der Kuchisake-onna – der Frau mit dem zerschnittenen Mund. Ein krankhaft eifersüchtiger Samurai soll einst seiner Frau mit dem Schwert den Mund zerschnitten haben, mit den Worten „Wer soll dich jetzt noch schön finden?“. Seitdem streift die verunstaltete Frau durch Japan, auf der Suche nach Opfern. Diesen nähert sie sich mit verborgenem Mund und fragt sie, ob man sie schön findet. Beantwortet man diese Frage positiv, zeigt sie einem ihren zerschnittenen Mund und wiederholt die Frage. Bejaht man erneut, zerschneidet sie einem nur das Gesicht, verneint man oder flieht, bringt sie einen um. Diese Horrorlegende hielt sich so lange, dass selbst in den 1970er Jahren in mehreren Teilen Japans von einer solchen Frau berichtet wurde, die kleine Kinder verfolgte und Eltern ihre Kinder nur noch in Begleitung zur Schule gingen ließen. Eingang in der Horrorfilmgenre fand die Legende unter anderem in dem gleichnamigen Film von 2007, den man auf Englisch unter dem Titel CARVED: THE SLIT MOUTHED WOMAN findet.

Sirenen

Selbst ohne Homers Odysseus gelesen zu haben, dürfte der Begriff des Sirenengesangs den meisten ein Begriff sein. In diesem Teil der antiken Sage lässt der Held seine Ohren, und die seiner Mannschaft mit Wachs verschließen, damit sie nicht von den verführerischen Gesängen der Sirenen angelockt, ihr Schiff in den Untergang steuern. Das Motiv verführerischer Kräfte, die Kraft ihres Aussehens und/oder ihrer Stimme (vor allem) Männer in den Tod locken lässt sich bis heute in zahlreichen Filmen des Genres wiederfinden. Dabei wird diese Idee mittlerweile so vielfältig angewandt, dass man zunächst den Bezug auf ihren Ursprung nicht mehr direkt erkennen kann. Dennoch kann man selbst in modernen Horrorfilmen, wie OCULUS, das ursprüngliche Motiv erkennen: etwas oder jemand manipuliert die Wahrnehmung seiner Opfer und bringt sie dazu, Dinge zu tun, von denen man weiß, dass sie einem Schaden….oder töten.

Oculus horrorfilme

Ghoule

Auch wenn die gleichnamige Netflixproduktion aus dem vergangenen Jahr einen anderen Eindruck macht, liegt der Ursprung dieser dämonenhaften Sagenfigur nicht in Indien, sondern im vorislamischen, arabischen Raum. Ähnlich dem klassischen Zombie treibt sich der Ghoul häufig auf Friedhöfen herum, wobei nicht klar ist, ob er selbst ein Untoter ist. Er schändet Gräber und ernährt sich sowohl vom Fleisch der Toten, wie auch der Lebenden. Weibliche Ghoule nehmen in verschiedenen alten Geschichten die Figur einer schönen Frau an, um ahnungslose Männer in die Falle zu locken und sie zu verspeisen. Im westlichen Kulturkreis kommt diese Figur eigentlich überhaupt nicht vor und wurde erst mit der Übersetzung der klassischen, arabischen Märchensaga „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ bekannt. Eingang in Geschichten aus dem westlichen Kulturkreis fand diese Figur vor allem durch einen der ganz Großen des Horrors: H.P. Lovecraft.

Urban Legends

Wenn man eine Special-Reihe zu den Ursprüngen des Horrors einführt, kommt man eigentlich gar nicht an dem Film DÜSTERE LEGENDEN (oder besser auf Englisch: URBAN LEGENDS) vorbei. Dabei werden so viele dieser modernen Mythen aufgegriffen und durchaus sehenswert umgesetzt, dass man alleine über diesen Film ein eigenständiges Special schreiben könnte. Das machen wir hier aber nicht, sondern empfehlen einfach nur, sich diesen Horrorklassiker aus den 90ern anzusehen – auch, aber nicht nur, wegen dem großartigen Robert Englund, aka Freddy Kruger. Vom Mörder auf dem Rücksitz, über das dreimalige Rufen der Bloody Mary, bis zum Hund in der Mikrowelle, kaum eine Legende wird ausgelassen. Wer also einen guten und unterhaltsamen Überblick zu diesem Thema sehen möchte, sei hier gerne auf Netflix verwiesen, die den Film vor Kurzem in ihren Bestand aufgenommen haben.

Piranhas

Wenn jemand in der Tierwelt dem Weißen Hai noch Konkurrenz machen kann, dann ist es sicher der Piranha. Zahlreiche Filme haben nicht nur die Legende des berüchtigten Killerschwarms aufgegriffen, sondern noch verstärkt. Besonders der gleichnamige Film aus dem Jahr 1978 hat dem Fisch zu popkulturellem Kultstatus verholfen. Dabei lässt sich die Legende des Jagdverhaltens dieses Tieres aus den südamerikanischen Urwäldern bis in die Zeit der Eroberung durch die spanischen Konquistadoren zurückverfolgen. Die dort eingesetzten Soldaten berichteten von zahlreichen Angriffen durch Fische, die durch das Blut der Schlachten angelockt wurden. Aber besonders der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt wusste den Mythos in Europa zu verbreiten, als er 1821 über ihn schrieb „Gießt man ein paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf.“ Heute weiß man, dass diese Darstellungen weitgehend übertrieben sind. Zu ihrer Hauptnahrungsquelle zählen vor allem andere Fische und Krustentiere. Nur vereinzelt kommt es zu Angriffen auf größere Säugetiere, also auch Menschen. Vollkommen ungefährlich sind diese kleinen Biester also trotzdem nicht.

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