Special: Die Wurzeln des Bösen – Teil 2

Auf geht es in die zweite Runde der Reihe „Wurzeln des Bösen“. Bereits im ersten Teil haben wir darauf hingewiesen, dass sowohl Entstehungszeit, als auch -ort der Grundlagen moderner Horrorfilme breit gefächert sind. Daher bleiben wir unserem Ansatz treu. So führen uns die heutigen Beispiele unter anderem ins alte Ägypten, die Sowjetunion der 1950er Jahre, sowie die Untiefen des Internets und der Tiefsee. Hatten wir uns beim letzten Mal mit mehr Beispielen befasst, versuchen wir in diesem Beitrag, uns mit ein paar Legenden weniger zu begnügen und dafür etwas mehr ins Detail zu gehen und hoffen, dass es in eurem Interesse ist.

Mumien

Alt und bekannt, sozusagen die ägyptische Version des Zombies, gehören Mumien zu den Klassikern des Horrorgenres. Beim Anblick mumifizierter, mehrere Jahrtausende alter Leichen, wie wir sie aus Museen kennen, fällt es leicht, die morbide Faszination an ihnen nachzuvollziehen. Damit einher geht sicher auch die uralte Faszination des Menschen mit dem eigenen Tod, stellte die Mumifizierung von Pharaonen doch vor allem den Versuch dar, einen direkten Einfluss auf das Leben im Jenseits zu nehmen. Nicht umsonst wurden sogar die Organe der Toten entnommen, um sie in Gefäßen zu konservieren und mit der Mumie selbst zu beerdigen, schließlich könnte der frühere Herrscher sie später noch einmal brauchen.
So kam die erste zum Leben erweckte Mumie bereits in einem 1827 erschienen Roman namens „The Mummy!“ vor, welcher unter anderem geprägt war, durch die öffentliche Auswicklung von Mumien in London, was damals tatsächlich als Unterhaltung auf sogenannten Mumien-Partys zelebriert wurde. Weiteren Antrieb erhielt das Genre im Nachgang der Entdeckung des nahezu vollständig erhaltenen Grabes des Pharaos Tutanchamun, 1922, sowie dem sogenannten Fluch des Pharaos. Dieser soll der Grund für den frühzeitigen Tod mehrerer Mitglieder des Ausgrabungsteams gewesen sein, auch wenn diese eher auf Schimmelsporen im Grab, sowie Moskitostiche zurückzuführen sein dürften. Das damals eine regelrechte Massenhysterie zu diesem Thema entstand, zeigte sich unter anderem im Zusammenhang verschiedener Selbstmorde von Forschern, welche die Schriftrollen des Grabes untersuchten und anschließend überzeugt waren, nun verflucht zu sein. Dabei wurden tatsächlich einige Flüche in Gräbern von Pharaonen gefunden, welche sich vor allem gegen mögliche Grabräuber richteten. Wie hartnäckig sich diese Angst hielt zeigte sich noch 2005, als es im Zuge einer CT-Untersuchung des Tutanchamun-Grabes zu Protesten in Ägypten kam, da ein erneuter Ausbruch des Fluchs befürchtet wurde. Angetrieben von diesem Glauben an die Wirksamkeit dieser Flüche, entstand in den darauffolgenden Jahrzehnten eine nahezu unübersichtliche Reihe von Mumien-Verfilmungen. Auch wenn es schon lange her ist, dass wir die langsam vor sich hin wankende Klischeemumie aus dem Schwarzweiß-Zeitalter zu sehen bekamen, findet der Stoff doch immer wieder neue Verwendung. Zuletzt im Rahmen der Horror-Action-Mischung im Tom Cruise-Film DIE MUMIE aus dem Jahr 2017.

Slender Man

Vom alten Ägypten ins 21. Jahrhundert: die wahrscheinlich berühmteste Urban Legend der letzten Jahre fand 2009 ihren Ursprung als Slender Man im Rahmen eines Fotowettbewerbs. Die darauffolgenden Jahre sind ein Paradebeispiel, wie eine moderne Legende im Zeitalter des Internets eine weltweite Eigendynamik entwickelt. Ausgehend von künstlich geschaffenen Fotos wurden nach und nach immer mehr Videos auf Youtube hochgeladen, in denen Sichtungen des „schlanken Mannes“ behandelt wurden. Mit am meisten Fans hat dabei die beinahe 100-teilige Reihe MARBLE HORNETS gefunden. 2012 wurde die wachsende Popularität des Internetphänomens endgültig massentauglich durch die Einführung des kostenlosen Videospiels SLENDER MAN – THE EIGHT PAGES, in welchem man der mysteriösen Gestalt in einem finsteren Wald entkommen muss. Trauriger Höhepunkt des Hypes waren dann zwei Fälle versuchten Mordes in den USA im Jahr 2013 und 2014. In einem Fall versuchte ein 13-jähriger Fan ihre Mutter mit einem Küchenmesser zu töten, während im anderen zwei 12-jährige Mädchen eine Mitschülerin umzubringen versuchten, um – nach eigener Aussage – dem Slender Man zu dienen. Ebenso kam es immer wieder zu Fällen, in denen Personen sich als Slender Man verkleideten, um anderen einen Schrecken einzujagen. Während die Begeisterung an diesem Mythos etwas nachließ, fand die gesichtslose Gestalt im vergangenen Jahr dennoch ihre erste gleichnamige Verfilmung.

Yeti/Big Foot

Die etwas wildere, haarige Version des Slender Man findet sich sowohl in den Tiefen nordamerikanischer Wälder, wie auf den Höhen des Himalaya-Gebirges. Mit dem US-amerikanischen Big Foot, sowie seinem weißhaarigen Kollegen, dem Yeti hat man es mit Figuren zu tun, die trotz unterschiedlichster Herkunft verblüffend ähnlich scheinen.
Zunächst berichteten amerikanische Ureinwohner in der Mitte des 19. Jahrhunderts von den ersten Sichtungen des Big Foots, die bald in den ganzen USA bekannt wurden. Besonders gerne scheint er in den Wäldern der Rocky Mountains und den Appalachen, sowie in den Waldgebieten Texas aufzutreten, wie wir auch im Film EXISTS aus dem Jahr 2014 erfahren durften – wie wir auch überrascht feststellten, dass es in Texas tatsächlich Wälder und nicht nur Wüsten gibt. 1967 wurde angebliches Videomaterial einer Sichtung veröffentlicht, welche sich jedoch schnell als Mann in einem Gorilla Kostüm herausstellen sollte. Auch spätere Sichtungen, sowie Entdeckungen seiner Fußspuren wurden zwar Reihenweise als Fälschungen entlarvt, dennoch hält sich der Mythos hartnäckig genug, dass es regelrechte Big Foot-Forscher gibt.

Deutlich älter ist dagegen die Legende des Yeti, welcher vor allem im tibetanischen Hochgebirge verortet wird, und dort Bestandteil traditioneller Erzählkultur und Märchen ist. Meistens unter Bezeichnungen wie Lomung (Berggeist) und Chumung (Schneegeist) ist er fester Bestandteil vor-buddhistischer Mythologien. 1832 fand die Legende seinen Eingang in die westliche Öffentlichkeit durch Berichte des Reisenden James Prinsep. 1925 berichtete der Fotograf Tombazi – immerhin ein Mitglied der britischen Royal Geographic Society – von der Sichtung einer übergroßen, weiß behaarten, menschenähnlichen Gestalt. Ähnlich seinem nordamerikanischen Fellgenossen hält sich auch die Vorstellung des Yeti bis in die heutige Zeit. So wurde 2011 auf einer Konferenz in Russland behauptet, man habe zu 95% sichere Beweise für seine Existenz. Im selben Jahr wurde sogar behauptet, dass russische Grenzpolizisten einen Yeti gefangen hätten, was sich – welch Überraschung – als Lüge herausstellte. Das die Figur des Yeti weitaus präsenter und überzeugender in der Öffentlichkeit vorkommt als der Big Foot, lässt sich wohl auch darin erklären, dass die Unwirtlichkeit des Hochgebirges eine Überprüfung von Sichtungen erschwert. Außerdem dürfte die dünnere Luft auf den Bergen, sowie regelmäßige Schneestürme die Wahrnehmung nicht gerade verlässlicher machen. Der letzte Horrorfilm mit dieser Hauptfigur ist allerdings schon über zehn Jahre alt und trägt den wenig einfallsreichen Titel YETI – DAS SCHNEEMONSTER.

Die Legende vom Djatlow-Pass

Da wir uns nun schon in Russland befinden, kommt manchen vielleicht die weniger bekannte Legende des Unglücks am Djatlow-Pass in den Sinn. 1959 kam es in der damaligen Sowjetunion zum mysteriösen Tod einer Gruppe von Ski-Fahrern, über den es bis heute zwar viele Theorien, aber keine wirklichen Erklärungen gibt. Die Gruppe von neun erfahrenen Frauen und Männern hatte sich zum Ziel gesetzt eine zweiwöchige Durchquerung einer ungefähr 350 km langen Strecke im nördlichen Uralgebirge zurückzulegen. Nachdem die Gruppe nicht an ihrem Ziel angekommen war, wurde eine Suchmannschaft losgeschickt, die wenig später auf die Leichen aller Teilnehmer dieser Expedition stießen. Für zahlreiche Theorien sorgten Zustand und Umstände der Toten. Die Zelte, in denen sie übernachteten, waren von innen mit Messern aufgeschlitzt worden. Mehrere der Toten waren an Unterkühlung gestorben, auch weil sie teilweise nahezu nackt waren – Anfang Februar im russischen Winter. Mehrere der Leichen wiesen schwere äußere Verletzungen auf, bei manchen aufgrund eines Sturzes in eine Schlucht, bei anderen deutet es aber eher auf Verletzungen durch andere Menschen hin. Manche der Toten hatten unerklärliche Verbrennungen erlitten, einer Toten fehlten unerklärlicherweise die Augäpfel und bei ihr und einem weiteren fehlte die Zunge. Auch wurde menschliches Haut- und Muskelgewebe in mehreren Metern Höhe an einem Baum gefunden. Aber nicht nur die Zustände der Leichen und des Fundorts gaben Rätsel auf. Theorien von geheimen KGB-Operationen und Militärexperimenten, bis hin zu Ufo-Sichtungen der Suchmannschaft wurden unter anderem dadurch genährt, dass der Abschlussbericht von den Behörden mehrere jahrzehntelang unter Verschluss gehalten wurde. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde der Bericht in den 90er Jahren zwar veröffentlicht, doch fehlten einige Seiten. Im vergangenen Monat kündigte die Staatsanwaltschaft der entsprechenden Region die Wiederaufnahme der Ermittlungen an, auch wenn 60 Jahre nach dem Unglück kaum jemand von neuen Erkenntnissen ausgeht. Neben mehrere Dokumentarfilmen und Büchern zu dieser, im Westen eher unbekannten Legende, wurde er 2013 mit der russisch-britischen Koproduktion im Found Footage-Stil, DEVIL’S PASS, verfilmt, was jedoch weder beim Publikum, noch bei Kritikern auf besonders positive Resonanz stieß. Was eigentlich schade ist, da die Geschichte – trotz ihres tragischen Ursprungs – einiges an Potential zu bieten hat.

Devil's Pass Horro

Der Weiße Hai

Da wir im letzten Special zu den „Wurzeln des Bösen“ bereits auf die popkulturelle Verarbeitung mariner Lebewesen eingegangen sind – sprich, dem Piranha – wagen wir uns von lateinamerikanischen Flüssen hinaus in die Tiefsee und stellen uns dem Phänomen des Weißen Haies. Natürlich fällt jedem Horrorfan dabei sofort der gleichnamige Horrorfilmklassiker von Steven Spielberg ein, im Englischen bekannt als JAWS – und vielen wohl auch die parodistische B-Movie-Reihe SHARKNADO. Auf den Spielberg-Film folgten nicht nur mehrere Sequels, sondern auch eine kaum übersehbare Fülle an Hai-Horrorfilmen. Erstaunlich dabei ist vor allem, dass bis zum Erscheinen des Originals 1975 Haie in diesem Genre kaum eine Rolle spielten und sie bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts den Durchschnittsbevölkerung kaum bekannt waren. Dies endete erst 1916, mit einer Reihe von tödlichen Haiangriffen an der Küste New Jerseys, welche den Raubfisch innerhalb kürzester Zeit zu einem allgemeinen Symbol für Gefahr werden ließen. Inspiriert von diesen Vorfällen erschien ein halbes Jahrhundert später der Roman JAWS, welcher anschließend in der Spielberg-Verfilmung mündete. Dabei wurde dem Weißen Hai gleich auf mehrere Weisen unrecht getan: zum einen kommt es sehr selten vor, dass Haie überhaupt Menschen angreifen und man geht davon aus, dass die meisten Angriffe eher auf einem Missverständnis beruhen, wenn Haie einen Schwimmer für eine Robbe, oder ähnliche Beutetiere halten. Zum anderen war, nach heutigem Wissensstand, selbst bei den Angriffen an der Küste New Jerseys, eine andere Haiart involviert, da Weiße Haie nahezu ausschließlich auf hoher See leben und, auch aufgrund ihrer Größe, sich selten Küstengewässern nähern. Wie bereits beim Piranha gilt, dass niemand so weit gehen würde zu behaupten, Weiße Haie seien ungefährliche Plüschtiere, aber die moderne Verklärung dieser Tiere als ruchlose Killermaschinen basiert eher auf der menschlichen Faszination an Horror und dem Bösem, als auf der biologischen Realität dieser Tiergattung.

P.S.

Uns sind noch lange nicht die Ideen ausgegangen. Aber, wir wissen natürlich auch (noch) nicht alles. Wenn ihr also Interesse an den Hintergründen einer bestimmten Legende, oder dem Ursprung einer Horrorfigur habt, könnt ihr uns gerne Bescheid geben, in den Kommentaren oder auf unserer Facebook-Seite. Wir machen uns dann gerne an die Recherche und in einem der nächsten Specials dieser Reihe, könnt ihr dann mehr zu dem gewünschten Thema erfahren.

Facebook Comments