Special: Die Wurzeln des Bösen – Teil 3

Die Monate gehen ins Land und allmählich wird es wieder Zeit für eine weitere Ausgabe der „Wurzeln des Bösen“ in dem wir euch immer wieder eine kleine Zusammenstellung verschiedener alter und moderner Legenden aufführen, die das Genre geprägt haben.
Wie immer haben wir dafür gesorgt, die Thematik möglichst breit und international zu halten und wünschen viel Spaß beim Lesen.

Der Vampir

Fangen wir ein mit einem Klassiker. Tatsächlich ist der Vampirglaube noch älter, als man vermuten mag. Die erste nachweisbare Nennung lässt sich in Russland, in der Mitte des 11. Jahrhunderts finden, bei einem Fürsten namens Upir Lichyi. Tatsächlich ist der Glaube an diese mystischen Kreaturen aber wohl noch älter und kommt aus dem Südosteuropäischen Bereich, in dem – welch Überraschung – auch Transsylvanien liegt. Jedoch ist der Ursprung des Vampirs zunächst nicht deckungsgleich mit der Vorstellung unserer Zeit. So kam das Bluttrinken erst im Laufe von Jahrhunderten hinzu. Ursprünglich war die Vorstellung des Vampirs eher mit der des Zombies vergleichbar: etwas Schreckliches geschieht in einem Dorf, die Gemeinde sucht auf dem Friedhof nach Spuren und findet ein frisch geöffnetes Grab. Wenn sich in diesem eine nicht verwesende Leiche findet, konnte man sicher sein, dass das Unglück – egal, ob ein unerwarteter Todesfall oder ausbleibender Regen – auf diesen Wiedergänger zurückzuführen war. Also musste die Leiche erneut umgebracht werden. Die Vorstellung des Bluttrinkens mag anschließend vor allem über die symbolische Ebene in die Legende geflossen sein, da der Vampir sozusagen die Kraft aus einer Gemeinde saugte. Sehr praktisch an diesem Glauben war aber vor allem, dass die vom Unglück heimgesuchte Gemeinde sich somit eines Sündenbocks bedienen konnte, den logischerweise ohnehin nicht mehr störte, was anschließend mit ihm gemacht wurde. Da hätten die Mitteleuropäer zu Zeiten der Hexenverbrennungen durchaus etwas sinnvolles lernen können.

Besonderen Auftrieb erfuhr der Mythos natürlich durch einen Klassiker der Horror- und Weltliteratur. Der Tagebuchroman DRACULA (1987) prägte stilbildend das konkrete Bild des untoten, blutsaugenden Vampirs, der mit übernatürlich Kräften ausgestattet ist. Stoker bediente sich dabei in Setting und Charakter an den Legenden über den rumänischen Fürsten Vlad III. Drăculea, dessen Nachname (dt.: Sohn des Drachen) wahrscheinlich auf seine Mitgliedschaft in im sogenannten Drachenorden, einem katholischen Adelsorden, zurückzuführen ist. Besagter Vlad wurde zu seiner Zeit, im sechzehnten Jahrhundert, nach und nach europaweit berühmt durch die ihm nachgesagte, brutale Vorgehensweise gegenüber seinen Feinden. Darunter fällt auch das Pfählen bei lebendigem Leib. Diese Erzählungen verbreiteten sich über Europa und wie es die Mundpropaganda so will, wurden sie dadurch immer brutaler und abstoßender, bis auch das Trinken von Blut zu einem fixen Bestandteil wurde.
Wie so oft beschränkt sich auch diese Legende nicht auf den europäischen Raum. Legenden vampirähnlicher Wesen lassen sich auf nahezu jedem Kontinent finden. So gab es im Bereich Togos und Ghanas die Figur des Asanbosam, deformierte Menschen mit metallenen Zähnen, die in den Bäumen des Urwalds leben und ihre Opfer zu sich hinauf in die Baumkronen ziehen. Auch die chinesische und japanische Figur des Jiang Shi könnte darunter fallen: eine Wiedergänger, der in den meisten Überlieferungen nicht verfault und auf der Suche nach Opfern herumstreicht. Dabei wachsen seine grauen Haare auch nach seinem Tod weiter und aufgrund der Leichenstarre kann er sich nur ruckhaft bewegen.
Es ist wahrscheinlich unnötig zu erwähnen, dass die schiere Masse an Horrorfilmen, die auf diesem Mythos aufbauen den Rahmen sämtlichen Artikels sprengen dürfte.

Bloody Mary und Candyman

Um eine etwas konkrete Legende zu bemühen, greifen wir jetzt auf die bekannte urbane Legende der Bloody Mary zurück. Auch wenn diese amerikanische Legende es in Europa nicht gerade zu großer Berühmtheit geschafft hat, dürfte sie mit dem 90s Klassiker DÜSTERE LEGENDEN zumindest einigen Horrorfans ein Begriff sein. Die Legende basiert auf der angeblichen Geschichte einer Frau in Massachusetts namens Mary Worth, die im 17. Jahrhundert gelebt haben soll. Aufgrund ihres entstellten Gesichts soll sie vor allem von Kindern und Jugendlichen gehänselt und verspottet worden sein, bevor sie unter der Anklage der Hexerei hingerichtet wurde. Basierend auf dieser Geschichte entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine Mutprobe, in der man sich vor einen Spiegel stellt und dreimal Bloody Mary ruft, woraufhin sie erscheint. In anderen Versionen muss man ihren Namen 99 Mal sagen – aber wer hat dafür schon die Zeit?
Ähnlich verläuft die Legende des Candymans, bekannt aus der gleichnamigen Filmreihe. Ebenfalls US-amerikanischen Ursprungs, beruht sie auf der Geschichte des Mordes an einem Sklaven, welcher eine Affäre mit der Besitzer seines „Eigentümers“ hatte. Als dieser von der Affäre Wind bekam, entschied sich der Sklave zur Flucht, wurde jedoch von einem wütenden Mob gefunden. Dieser schmierte seinen ganzen Körper mit Honig ein, sodass er Bienen anzog, die ihn dann zu Tode stachen. Noch im Todeskampf schwor er Rache, indem er jeden holen komme, der ihn rief – was wohl eine symbolische Anspielung auf seinen Zwang zum Gehorsam als Sklave gedacht sein durfte. In der Legende, wie auch dem Film, muss man den Namen Candyman fünfmal ebenfalls vor einem Spiegel sagen, dann erscheint dieser, mit einem metallenen Schürhaken anstelle einer Hand.
Und hier ein kleines Update: wer Gefallen an der bisherigen CANDYMAN-Reihe gefunden hat, darf sich auf ein Remake im kommenden Jahr freuen.

Kuntilanak

Eine weitere urbane Legende lässt sich derzeit im indonesischen Horrorfilm KUNTILANAK auf Netflix bewundern. Der Film geht, sehr kurz gefasst, um eine junge Frau, die aufgrund ihrer Alpträume und der sexuellen Belästigung durch ihren Stiefvater von der Familie trennt und von einem Geist heimgesucht wird, der in ihrem Umfeld für Todesfälle sorgt. Der originale Kuntilanak ist der Geist einer wunderschönen Frau, die Jagd auf untreue Männer macht. Ihre Vorgehensweise ist dabei besonders grausam, da sie sich in den Bauch ihrer Opfer gräbt und beginnt, dessen Eingeweide zu fressen. Passt man nicht auf und begegnet ihr mit offenen Augen stürzt sie sich dagegen direkt auf diese und frisst sie dem untreuen Mann aus dem Schädel. Die Deutung dieser modernen Legende lässt sich dabei schnell auf ein Gesellschaftsbild beziehen, in welchem eine traditionell hochgehaltene Treue und ein, ebenso traditionelles Patriarchat nicht ganz zu unrecht als eine Strafe für die Doppelmoral mancher Männer erfunden worden sein dürfte.

Voodoo

Eigentlich eine afrikanische Religion ist Voodoo zunächst einmal viel mehr als Voodoo-Puppen und Zombies beschwören, wie es so oft in Horrorfilmen dargestellt wird. Mit weltweit über 60 Millionen Anhängern hat diese ursprünglich westafrikanische Religion im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels zusätzliche Verbreitung in der Karibik und in den USA vor allem im US-Bundesstaat Louisana gefunden. Voodoo ist dabei zwar eine monotheistische Religion, da ihr Gott Bondye allerdings so mächtig ist, müssen die Gläubigen sich an sogenannte Loa, göttliche Geisterwesen, wenden, um als Vermittler zu dienen. Unter diesen Loas gibt es drei verschiedene Gruppen, wobei im Bereich des Horrorgenres vor allem die Petro-Loas Eingang gefunden haben. Die Kommunikation mit diesen kriegerischen Geistern entstand vorwiegend in der Zeit der Unabhängigkeitskämpfe ehemals afrikanischer Sklaven in der Karibik, mit Haiti im Zentrum des Widerstands und erster befreiter Kolonie. Durch die Anbetung der Petro-Loas unterstützten diese ihre Gläubigen im Kampf, wobei sie nicht ausschließlich für kriegerische Aspekte genutzt werden. Auch zu friedlichen Zwecken werden sie seitdem gerne genutzt, da man ihnen eine hohe Dynamik nachsagt, also besonders hilfreich sind, wenn schnelle Ergebnisse erzielt werden sollen, wie die Heilung eines Kranken. Eingang in das Horrorgenre dürfte dieser Glaube vor allem durch den ausgeprägten Totenkult gefunden haben, welcher unter anderem die Kommunikation mit Verstorbenen ermöglicht. Auch die Anwendung von Tieropfern in ihren Ritualen dürfte dabei eine Rolle gespielt haben, wobei es – im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung – keine nachgewiesenen Fälle von Menschenopfern gegeben hat. Außerdem gibt es im Voodoo auch Priester, die ihren Kontakt zu den Loas für schädliche Zwecke nutzen, sogenannte Bocore. Auf diese geht auch das Herbeirufen von Zombies zurück, wobei hiermit nicht die Wiedererweckung von Toten gemeint ist, sondern die spirituelle Versklavung eines lebendigen Menschen – wobei die Nutzung von Drogen voraussichtlich eine essentielle Rolle spielen dürfte. Ebenso existieren die allseits bekannten Voodoo-Puppen tatsächlich, doch werden sie zumeist nicht genutzt, um Menschen zu schaden, sondern vor allem zur Heilung von körperlichen Leiden. Die westliche Faszination mit diesem Glauben dürft zudem angefacht worden sein, durch dessen offener Akzeptanz der meisten sexuellen Praktiken und Vorlieben, sowie dem freien und teils zeremoniellem Umgang mit Genussmitteln, wie Alkohol.
Der Einfluss dieser Religion auf das Genre kann dabei kaum unterschätzt werden. Zum einen aufgrund der Vorstellung des Zombies, wie es bereits in dem wohl ersten seiner Art THE WHITE ZOMBIE (1932) dargestellt wurde. Zum anderen durch Praktiken wie Voodoo-Puppen. Wer Zugang zu diesem Thema finden möchte, dem sei zu dem Film DIE SCHLANGE IM REGENBOGEN des Altmeisters Wes Craven geraten.

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