SPECIAL: Erlöse uns von dem Bösen – Religion und Horror

Auch dieses Jahr gab es wieder mehrere Horrorfilme, die auf dem Thema Religion und Glauben aufbauten. Wobei mit APOSTLE und THE NUN zwei eigentlich sehr unterschiedliche Produkte auf den Markt kamen, obwohl sie die gleiche Ausgangsbasis haben. Da es spätestens mit dem EXORZIST eine regelrechte Flut an religiös konnotierten Filmen gab, die sich bis ins Jahr 2018 erstreckt, sehen wir das als Anlass, nun euch zur nahenden Weihnachtszeit ein paar unterschiedliche Herangehensweisen an dieses Thema näher zu bringen. Dabei interessiert uns vor allem die Fragen, was bringt eigentlich den Horror in die Religion?

DER EXORZIST (1973)

Diesen Film hat wahrscheinlich jeder gesehen, der diese Seite hier besucht. Ein kleines Mädchen einer spießbürgerlichen Familie wird vom Teufel besessen und ein Priester wird herangezogen, um diesen auszutreiben. Was uns heute als klassisches Thema vorkommt, war im Jahr 1973 noch Tabu brechend. Zum einen war die Idee damals noch unverbraucht, zum anderen war die damalige europäische Gesellschaft noch religiöser geprägt, als nun mehr als 40 Jahre später. Der damalige Schock lag natürlich auch an den, für damalige Verhältnisse großartigen Effekten. Aber bedeutender dürfte gewesen sein, dass nun der Teufel selbst in Erscheinung trat und wir dabei zusehen können, wie ein kleines Mädchen eine Vielzahl an Gotteslästereien hervorstößt. Das in einer prüden Religion wie dem Katholizismus die Vermischung von Gotteslästerung, Sexualität und dem Körper eines kleinen Mädchens für Schocks sorgte, scheint garantiert. Doch neben diesem fiesen Spiel mit religiösen Gefühlen des Publikums kommt noch eine weitere Ebene hinzu. Denn die Idee der Besessenheit durch den Teufel ist keine neue Idee des Regisseurs gewesen, sondern ist Bestandteil der Religion selbst. Auch die Figur und den Beruf des Exorzisten gibt es in den Strukturen der katholischen Kirche tatsächlich. Und darin bestand damals auch der Horror: dass es im Rahmen des Glaubens durchaus eine reelle Bedrohung ist, dass einem so etwas zustoßen könnte.

Der Exorzist

THE NUN (2018)

Nun sind 45 Jahre seit dem Exorzisten vergangen und der katholische Glaube muss immer noch für Horrorfilme herhalten. Mit dem neuesten Ableger der CONJURING-Reihe verschlägt es uns in ein rumänisches Kloster, in dem das Böse die Kontrolle übernommen hat. Doch während der EXORZIST gezielt Tabus brach und gerade mit scheinbaren Nähe am bürgerlichen Leben für Furcht sorgte, setzt uns THE NUN vielmehr einer klassischen Spuk-Geschichte in einem verfallenen Gemäuer aus. Es dürfte unserer Zeit geschuldet sein, dass dieser Film in der Vergangenheit spielt, um die Bedeutung der Religion glaubhaft zu vermitteln. Hier sieht man die katholische Religion in einem abgeschlossenen Raum, in einer vergangenen Zeit und der Horror wird vielmehr erzeugt aus einer Mischung des Exotischen mit bildlicher Symbolik (Kreuze, Nonnentracht, etc.) die dennoch präsent in unserer Vorstellungswelt sind. Gleichzeitig wird durch die Figur der Nonne die religiöse Symbolik umgekehrt, da nun die Repräsentantin der Religion zum Diener des Bösen und zur eigentlichen Bedrohung wird. 1973 hätte das wahrscheinlich eher geschockt.

ROSEMARY’S BABY (1968)

In diesem Klassiker des Genres ist der Horror deutlich subtiler angelegt, auch weil die Hauptfigur lange Zeit im Unklaren ist, ob sie sich alles nur einbildet. Doch während beim Zuschauer, wie auch der Protagonistin sich allmählich das Bewusstsein manifestiert, dass sie das Opfer einer satanistischen Verschwörung wurde, offenbart sich der doppelte Horror des Films. Zum einen spielt er gekonnt mit der Angst einer Frau, mit ihrem ungeborenen Kind könnte etwas nicht stimmen, schlimmer noch, es könnte etwas feindliches, bösartiges sein. Zum anderen ist es der religiöse Aspekt, mit dem eigenen Kind gegen den eigenen Glauben zu verstoßen. Besondere Wirkung entwickelt der Film gegen Ende, wenn sie erfährt, dass das Kind nicht nur Satan versprochen wurde, sondern von diesem gezeugt sei und mit seiner Geburt der Tod Gottes eingetreten sei. Der fundamentale Horror liegt in der Zerstörung der christlichen Überzeugung, Gott und das Gute würden letzten Endes immer den Sieg davontragen gegenüber dem Teufel und dem Bösen. Kein Wunder, dass der Film vom National Catholic Office for Motion Pictures (ja, das gab es tatsächlich!) verurteilt wurde.

rosemarys_baby horrorfilme

THE WITCH (2015)

Ähnlich wie in THE NUN entwickelt sich auch hier die religiöse Ebene des Horrors durch die zeitliche Versetzung des Geschehens in die Vergangenheit, wenngleich etwas weiter zurück, in das Jahr 1630. Während sich allerdings erst genanntem Film der Horror vor allem auf symbolisch-bildlicher Ebene auswirkt, baut er in THE WITCH auf einer fundamentaleren Ebene auf. Für die betroffene Familie in diesem Film ist der Glaube nämlich essentieller Bestandteil ihres Lebens und so nah, greifbar und präsent, wie für uns das Wissen über die Gravitation und das die Erde rund ist. Und das, ohne dass sie besondere Repräsentanten des Glaubens sind. Die Möglichkeit, dass eines ihrer Kinder oder ihrer Hoftiere, vom Teufel manipuliert oder gar besessen sein könnte, ist für sie vielleicht furchtbar, aber absolut im Bereich des Möglichen. So schwer es heute für uns vorstellbar sein mag, so gut gelingt es dem Film diese Atmosphäre der stets präsenten, übernatürlichen Bedrohung dem Zuschauer glaubhaft zu vermitteln. Und darin liegt der besondere Schrecken des Films, da es ihm gelingt ein konstantes Gefühl der Bedrohung zu schaffen, welcher in einer Zeit, als der Teufel, Hexen und ähnliche Figuren zur Lebensrealität der damaligen Gesellschaft gehörten, also die dunkle Kehrseite der religiösen Vorstellungswelt ebenso präsent schien, wie Kirchen und Mönche.

APOSTLE (2018)

Aber natürlich gibt es auch andere Religionen und sei es die einer Sekte, wie in dieser Netflix-Produktion. Auch hier wieder in der Vergangenheit angesiedelt, im Beginn des 20. Jahrhunderts, bei einer Sekte, deren Göttin sich eher als eine Sklavin herausstellt. Der religiöse Touch stellt baut auch hier teilweise darauf auf, dass es in einer Welt spielt, in welcher Religion noch eine zentralere Rolle spielt, als es heutzutage der Fall scheint und daher Sekten eine bedrohlichere Wirkung haben, was der Film auch überzeugend darstellt. Das besonders Schockierende dieser Sekte ist jedoch die Umkehrung christlicher Vorstellungen. Anstelle eines allmächtigen, guten Gottes, der einem ein Leben nach dem Tod verspricht, ist die Göttin dieser Sekte eine Gefangene ihrer Gläubigen, wirkt mehr tot als lebendig, ernährt sich von Blut und ist ausschließlich auf weltlichen Nutzen ausgelegt. Wie einer der Anführer später auch erklärt, diese Göttin ist eher eine Maschine. Neben dieser Umkehrung der Wirkungsweise kann man APOSTLE jedoch ebenso als eine Analogie sehen, für die Art, wie manche Menschen den Glauben an eine Gottheit ausnutzen, um ihre eigene Macht auszubauen und Kontrolle über andere Menschen auszuüben. Vielleicht liegt darin der größere Horror in diesem Film.

KINDER DES ZORNS (1984)

In diesem, auf einer Kurzgeschichte des Altmeisters Stephen King basierendem, Film werden ebenfalls die brutalen Riten einer Sekte im amerikanischen Nirgendwo thematisiert. In dem Glauben an einen Dämon haben Kinder die Kontrolle über ein kleines Dorf errungen und bringen alle Erwachsenen ab einem gewissen Alter um. Natürlich ist damals ein großer Teil des Schockeffekts damit erzielt worden, dass hier die Gewalt von Kindern ausgeht. Aber das ist nicht der zentrale Punkt der Geschichte, denn genauso gut könnte man sich diese auch ohne Kinder vorstellen. Zentral ist dagegen die brutale Dynamik, die Religionen entfalten können, wenn sie genutzt werden, um Gruppenidentitäten durch die, teilweise brutale Abgrenzung von anderen Gruppen zu schaffen. Hier sind Kinder die erwählte Gruppe und daher müssen alle, die keine Kinder mehr sind, sterben. Dass es in der Sekte so formuliert wird, als wäre es etwas positives, für „Den der hinter den Reihen geht“, ermordet zu werden, weißt nur noch mehr auf die verquere Logik an, die sich in solchen, radikalisierten Gruppen entwickeln kann. Ebenfalls zeigt sich hier, wie religiöser Horror auch (nahezu) ohne übernatürliche, beziehungsweise göttliche Elemente auskommen kann, ohne an seinem Schrecken einzubüßen. Vollkommen klar ist, dass hier die weltliche Ebene und die Konsequenz eines Glaubens im Zentrum steht und nicht der religiöse Aspekt an sich.

Und wie immer ein kleines Fazit: Natürlich wurde hier wieder nur eine kleine Auswahl von Horrorfilmen aufgegriffen, die sich mit dem Thema Religion befassen und bewusst nur in einem westlichen, christlichem Kontext, um den Überblick zu wahren. Doch wie man sieht ist das Thema von verschiedenen Seiten betrachtbar. Sei es das Spiel mit dem symbolisch-bildlichen Aspekt eines formalisierten Katholizismus á la THE NUN, das Eindringen der Schattenseite des Glaubens in unser alltägliches Leben, wie in DER EXORZIST, oder aber der Fokus auf die erschreckenden Konsequenzen eines radikalisierten Glaubens. Doch unbestreitbar ist, dass ein Teil dieses Horrors daher rührt, dass wir alle auf die eine oder andere Art einen Bezug zur Religion haben und somit empfänglich für darauf basierenden Schrecken sind.

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