„Katze tot, Details später.“
Viele Filme nehmen sich selbst so ernst, dass sie darüber unfreiwillig komisch werden. Und dann gibt es RE-ANIMATOR, einen Film, der genau weiß, wie absurd er ist, und dieses Wissen mit diebischer Freude bis zum letzten Tropfen ausquetscht. Mit seinem Debüt schuf Gordon eine blutgetränkte Horrorgroteske, die zu den unterhaltsamsten Horrorfilmen des Jahrzehnts zählt.
Von Zürich nach Miskatonic: Herbert West betritt die Bühne
Der junge Medizinstudent Dan Cain (Bruce Abbott) bekommt einen neuen Mitbewohner: den verschlossenen, leicht unheimlichen Herbert West (Jeffrey Combs), der gerade aus der Schweiz zurückgekehrt ist. West bringt ein selbst entwickeltes Serum mit, das er in giftgrünen Spritzen mit sich führt: ein Mittel zur Reanimation toter Gewebe. Dan, Freund der Vernunft und Verlobter von Megan Halsey (Barbara Crampton), der Tochter des Dekans, gerät trotz aller Skepsis zunehmend in Wests Experimente hineingezogen. Denn West ist besessen. Nicht wahnsinnig im trivialen Sinne, sondern mit einer kühlen, fast bürokratischen Entschlossenheit ausgestattet, die ihn ungleich bedrohlicher macht als jeden wild grimassierenden Laborirren. Im Keller richtet er sich ein geheimes Labor ein, um seine Forschungen weiterzutreiben.
Als Cain eines Nachts mitbekommt, wie West seine tote Hauskatze reanimiert, ist er zwar schockiert, lässt sich aber dennoch als Mitstreiter gewinnen. Die Experimente weiten sich bald auf menschliche Leichen aus, mit verheerenden Folgen. Als der ehrgeizige Dr. Hill (David Gale), der zudem heimlich Gefühle für Megan hegt, Wind von Wests Erfindung bekommt und sie für sich beanspruchen will, eskaliert die Situation auf eine Art, die man gesehen haben muss.
Jeffrey Combs und das Porträt eines Besessenen
RE-ANIMATOR steht und fällt mit Jeffrey Combs. Seine Darstellung von Herbert West ist eine Meisterleistung in kontrollierten Tönen: Er spielt West nie als Schreier oder Zappelphilipp, sondern als jemanden, dessen Fanatismus sich hinter einer stählernen Sachlichkeit verbirgt. West erklärt, analysiert, protokolliert , während um ihn herum alles aus den Fugen gerät. Combs verleiht dieser Figur eine geradezu komödiantische Trockenheit, die den Film immer wieder in schwarzhumoriges Terrain kippt, ohne dass man das Gefühl verliert, es mit jemandem wirklich Gefährlichem zu tun zu haben.
Bruce Abbott als Dan ist der klassische „normale Homie von nebenan“, der als Anker für das Publikum funktioniert, solide, aber blass neben seinem durchgeknallten Mitbewohner. Barbara Cramptons Schmerz über den Tod ihres Vaters wirkt aufrichtig, nie gespielt, und genau das macht sie zur heimlichen Seele des Films. David Gale spielt Dr. Hill mit einer schmierigen Selbstverliebtheit, die ihn zum idealen Antagonisten macht und in der zweiten Hälfte des Films, die hier nicht weiter gespoilert werden soll, zu einer der denkwürdigsten Figuren des 80er-Horrors überhaupt.
Stuart Gordon und H.P. Lovecraft
Stuart Gordon, der vor RE-ANIMATOR hauptsächlich Theaterregisseur war, inszeniert mit einer Direktheit, die keine Zeit für Scheu lässt. Wo andere Regisseure einen Schritt zurückgetreten wären, geht Gordon einen Schritt vor. Das Ergebnis ist ein Film, der seinen Splatter-Exzessen vollkommen unironisch gegenübersteht, was paradoxerweise dazu beiträgt, dass das Ganze so unwiderstehlich komisch wirkt. H.P. Lovecraft gilt als Begründer des kosmischen Horrors, einer Spielart des Genres, in der nicht Vampire, Werwölfe oder andere Monster die eigentliche Bedrohung darstellen, sondern die Erkenntnis, dass der Mensch im großen Gefüge des Universums schlicht bedeutungslos ist. Seine Kurzgeschichte Herbert West – Reanimator, zwischen 1921 und 1922 als Fortsetzungsroman erschienen, war eine eher selbstironische Arbeit, die Lovecraft selbst nicht sonderlich schätzte.
Effekte aus dem Leichenhaus
Die Make-up-Effekte von John Naulin und Tony Doublin sind ein wesentlicher Grund dafür, dass RE-ANIMATOR bis heute funktioniert. Naulin verbrauchte für den Film nach eigenen Angaben mehr Kunstblut als bei allen seinen vorherigen Projekten zusammen und orientierte sich dabei an forensischem Bildmaterial, um den Untoten eine möglichst authentische Note zu geben. Die größte Herausforderung war der kopflose Dr. Hill, dessen mechanische Konstruktion Tony Doublin vor erhebliche Proportionsprobleme stellte. Dass die Arbeit der beiden bei den Saturn Awards 1986 für das „Beste Make-up“ nominiert wurde, war mehr als verdient. Das neongrüne Serum, schwer und träge in seinen Glasspritzen gluckernd, ist dabei das prägnanteste Bild des Films: simpel, giftig, unvergesslich.
Richard Band und der Elefant im Zimmer
Über die Musik von RE-ANIMATOR lässt sich nicht schreiben, ohne das Offensichtliche anzusprechen: Das Hauptthema von Richard Band ist eine unverhüllte Hommage, manche sagen: ein Diebstahl, an Bernard Herrmanns Psycho-Score. Die Ähnlichkeit ist nicht subtil. Band selbst hat das in Interviews damit begründet, dass er es als bewusstes Zitat verstanden wissen wollte. Ob man das akzeptiert oder nicht: Die Musik funktioniert tatsächlich. Bands übriger Score ist lebhafter, temporeicher und passt sich dem nervösen Rhythmus des Films an. RE-ANIMATOR klingt dadurch wie ein Film, der seinen eigenen Unsinn mit tödlichem Ernst untermalt.
Brian Yuzna und die Fortsetzungen: Mehr Fleisch, weniger Biss
Produzent Brian Yuzna war von Anfang an ein zentraler Bestandteil des RE-ANIMATOR-Universums und übernahm bei den beiden Sequels auch den Regiestuhl. Yuzna, der ein Jahr nach RE-ANIMATOR mit SOCIETY sein Regiedebüt feiern sollte, brachte einen anderen Instinkt mit als Gordon: weniger Tempo, dafür mehr Fleisch im buchstäblichen Sinne.
BRIDE OF RE-ANIMATOR (1990) ist der direkteste Nachfolger und knüpft unmittelbar an die Ereignisse des Originals an.
BEYOND RE-ANIMATOR (2003), der zweite Yuzna-Nachfolger, entstand mit erheblichem zeitlichem Abstand und wurde in Spanien produziert.
Fazit zu RE-ANIMATOR
RE-ANIMATOR ist einer jener seltenen Horrorfilme, bei denen Übertreibung nicht zum Problem, sondern zum Stilmittel wird. Gordon findet die perfekte Balance zwischen aufrichtigem Schauer und selbstbewusstem Trash, Jeffrey Combs liefert eine der großen Genre-Performances der Dekade, und das alles wird mit einem makabren Schmunzeln serviert, das schwer zu vergessen ist. Kein Film für zarte Gemüter, aber ein absolutes Muss für alle, die wissen wollen, wie man eine Lovecraft-Vorlage mit Schmutz, Blut und böser Intelligenz auf die Leinwand bringt.
Wer beim Anschauen unweigerlich an Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere denken muss, liegt nicht falsch: Beide Werke kreisen um dieselbe düstere Kernfrage, nämlich was passiert, wenn der Mensch den Tod nicht akzeptiert, und beide beantworten sie auf ihre jeweils eigene, kompromisslose Art.
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FAQ
Basiert RE-ANIMATOR auf einer Vorlage?
Ja – RE-ANIMATOR basiert sehr frei auf H.P. Lovecrafts mehrteiliger Kurzgeschichte Herbert West – Reanimator aus den frühen 1920ern. Wer das Original kennt, wird die Grundzüge wiedererkennen, sich über die zahlreichen Abweichungen aber eher amüsieren als ärgern.
Gibt es Fortsetzungen zu RE-ANIMATOR?
Ja – Produzent Brian Yuzna übernahm bei beiden Sequels die Regie. BRIDE OF RE-ANIMATOR (1990) knüpft direkt an die Ereignisse des Originals an. BEYOND RE-ANIMATOR (2003) entstand mit großem zeitlichem Abstand als spanische Koproduktion – beide bleiben hinter dem Original zurück.
Warum ist Jeffrey Combs in RE-ANIMATOR so besonders?
Combs spielt Herbert West nie als wild grimassierenden Laborirren, sondern als jemanden mit kühler, fast bürokratischer Entschlossenheit. Diese kontrollierte Sachlichkeit inmitten des blutigen Chaos macht ihn zu einer der großen Genre-Performances der 80er Jahre.











