Interview mit Urban Explorer – Regisseur Andy Fetscher

Wenn in den nächsten Wochen das Fantasy Filmfest durch Deutschland tourt, gehört URBAN EXPLORER zu den wenigen deutschen Vertretern. Das und ein gut aussehender Trailer weckte unser Interesse, weswegen wir Regisseur Andy Fetscher zum Interview luden.
Der entpuppte sich im Laufe der Befragung als klarer Typ, der sich zwangsläufiger Vergleiche seines Films durchaus bewusst ist, dem aber selbstbewusst entgegenblickt.

Thrill and KIll: Andy, wie würdest du jemandem URBAN EXPLORER erklären?

Andy: Urban Explorer handelt von einer Gruppe junger Abenteuer-Touristen aus allen Kontinenten der Erde, die sich übers Internet in Berlin verabreden, um dort unter der Leitung des deutschen Urban-Exploration-Profis Kris (Max Riemelt: NAPOLA, DIE WELLE) in die Berliner Unterwelt einzudringen. Tief unter der City befinden sich noch immer die zugemauerten Ruinen eines versiegelten Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem es alte, sehr spezielle Wandgemälde geben soll. Mit einer Spitzhacke wollen sie diesen Tabu-Bereich aufbrechen und erkunden. Aber als sie dort unten sind, bemerken sie, dass unter Berlin viele, unfassbare Gefahren lauern. Aus dem Nichts nimmt das sportliche Abenteuer plötzlich eine radikale Wendung – und es beginnt ein horrormäßiger Trip fernab der typischen Tourismus-Klischees…

T&K: Woher entstand die Idee zum Film?
Andy: Ich beschäftige mich seit längerem mit „Urban Exploration“, also dem meist illegalen Erkunden und Erforschen von alten Industrieanlagen, verwilderten Katakomben, verfallenen Kanalisationen, stillgelegten Minenschächten und anderen urbanen Relikten längst vergangener Zeiten. Diese Trips in die Unterwelt haben einen sportlichen, sowie kulturellen Anreiz. Für mich war schon vor vielen Jahren klar, dass ich darüber einen Film machen will. Irgendwann kam dann der Vorschlag meiner Produzenten aus Berlin, einen Horrorfilm über dieses Thema zu drehen. Und Berlin ist voll von verlassenen „Urban Areas“. Alles hat perfekt zusammengepasst. Außerdem ist 2004 ein Freund von mir beim Einstieg in ein verwinkeltes unterirdisches Tunnelsystem um ein Haar ums Leben gekommen, als ein Flutwasserkanal über ihm eingestürzt ist. Urban Exploring ist hochgradig gefährlich – und führt dich tief in die dunkle, geheimnisvolle Welt unter einer Stadt, in der kein Schwein ahnt, was unter dem Boden alles lauert: ideal für einen Horrorfilm.
Es gibt natürlich einige Horrorfilme, die in dunklen Höhlen und Gängen spielen. Als ich zuerst von URBAN EXPLORER gelesen habe dachte ich aber zunächst an CREEP, weil er auch unter deutscher Beteiligung stattfand und THE DESCENT, weil er wohl einer der stärksten Tunnel-/Höhlen-Filme überhaupt ist.

Siehst du Parallelen zu diesen Filmen? Und wie unterscheidet sich URBAN EXPLORER von ihnen und allen anderen?
Andy: Lass mich dir versichern, dass unser Film vollkommen anders ist! Natürlich steigen wir mit unseren Protagonisten hinab in dunkle Gänge und Schächte, weil das ein Urban Explorer eben tut, wenn er hobbymäßig den Untergrund einer Stadt erkunden will. Aber CREEP handelt, soweit ich weiß, von einem mutierten Monster, und auch in THE DESCENT geht es um wesenhafte Kreaturen. Wir haben eine Bedrohung geschaffen, die viel menschlicher und sarkastischer daherkommt. Wenn du unseren Film mit einem anderen Film vergleichen willst – mit einem „Klassiker“ – dann lieber mit NIGHTMARE ON ELM STREET. Hört sich der Vergleich bizarr an? Umso besser!

Der Film spielt in den Berliner Katakomben. Wie viel wurde auch dort gedreht? Oder wurde der heimische Kartoffelkeller umgebaut?
Andy: Nein, wir wollten dem Zuschauer ein Maximum an Realität geben. Daher haben wir fast alles „on location“ gedreht. Das heißt, wir haben versiegelte, verschüttete, von der Außenwelt abgekapselte Spots aufgesucht, die sonst niemand zu Gesicht bekommen würde. Abgefahrene Sets, gespenstisch und wunderschön zugleich. Manchmal mussten wir uns auch illegal Zutritt verschaffen. Aber ich denke, der Realitätsgehalt – und die ungeheuren Schwierigkeiten, die wir als Filmteam manchmal auf uns genommen haben – machen den besonderen Reiz des Projekts aus: Der Zuschauer wird beim Sehen des Films praktisch zu einem „Urban Explorer“ unter Berlin.

T&K: Wie schwer ist es in Deutschland Geld für einen Horrorfilm aufzutreiben und den Film auch zu drehen?
Andy: Immens. Uns wurden viele Steine in den Weg gelegt. Deshalb hat es auch eine Weile gedauert, bis wir endlich drehen konnten. Umso schöner ist es, dass URBAN EXPLORER jetzt vorliegt – und ich glaube, dass er den Zuschauern gefallen wird. Tia, und die Marktlage hierzulande? So schwierig sie für Horrorfilme auch ist – ihr und eure Leserschaft, ihr leistet euren wichtigen, leidenschaftlichen Beitrag, indem ihr die News dieses deutschen Ausnahme-Horrorprojekts verbreitet!

T&K: URBAN EXPLORER wird auf dem Fantasy Filmfest laufen. Wann wird der Film regulär veröffentlicht?
Der Film macht gerade seine Tour durch die internationalen Festivals, wo wir auch schon ein paar leckere Preise gewonnen haben. Im Juli lief er vor fast tausend Leuten auf der Nord Amerika Premiere. Die Resonanz war umwerfend! Im Herbst wird der Film dann in die ersten deutschen Kinos kommen. Je höher die Nachfrage, desto mehr Kinos werden ihn spielen. Die genauen Termine für den Kinostart stehen zwar noch nicht eindeutig fest. Wer sich aber für Urban Explorer interessiert, kann uns auf unserer Facebook-Seite besuchen (und sehr gerne auch „liken“), dort werden wir pünktlich alles Wissenswerte zu Kinostart, und später dem DVD-/BluRay-Start veröffentlichen. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Augen offen zu halten.

T&K: Dein Debut war BUKAREST FLEISCH (2007), ebenfalls ein Horrorfilm. Bist du dem Genre verfallen oder können wir in Zukunft auch mit anderen Inhalten rechnen? Konkret, weißt du schon, was du als nächstes machen wirst?
Andy: Gegenfrage: Seid ihr dem Genre verfallen? Ich hoffe doch! Horror ist toll, weil es den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt in die Hölle mitnimmt – und am Ende kommt man durchgeschüttelt wieder heraus und ist, sofern der Film seinen Zweck erfüllt, um einiges „wacher“ als davor. Nervenkitzel erfrischt die Sinne, finde ich. Aber andere Genres sind auch interessant. Ich schmiede gerade mehrere Projekte, von denen ich nicht weiß, welches als nächstes folgen wird. Die verschiedensten Genres sind dabei, auch eine Komödie. Einen TV-Zweiteiler über Heino Stecker und Bärbel Hübner, die auf der Insel Rügen eine Radtour machen, werde ich jedoch niemals drehen.

T&K: Danke für das Gespräch.
Andy: Ich danke euch. Und euren Lesern.

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