News: EIN EINFACHER UNFALL – Thriller mit politischem Hintergrund

EIN EINFACHER UNFALL

Es gibt Slow Burn Filme, in denen das Grauen schleichend kommt; es gibt solche, die durch Jump Scares den Puls beschleunigen und auch die, die uns durch gute Kameraführung, Special Effects und mächtigem Sound an den Fingernägeln knabbern lassen.

Der Thriller EIN EINFACHER UNFALL vom iranischen Regisseur Jafar Panahi, zieht seinen Schrecken aus der Realität. Je mehr man die Hintergründe des Films versteht, desto intensiver begreift man den Horror der erzählten Geschichte. In diesem, wie auch in seinen vergangenen Werken, hatte Panahi wiederholt Kritik an der Politik und Gesellschaft der Islamischen Republik geäußert, weshalb er 2010 in seinem Heimatland – nicht zum ersten Mal – wegen „Propaganda gegen das Regime“ zu einer sechsjährigen Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt worden war. Dennoch drehte er diesen Film.

Darum geht´s: Der Automechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) wurde einst vom iranischen Regime ins Gefängnis gesteckt. Während seiner Haftstrafe wurde er mit verbundenen Augen verhört. Als eines Tages ein Mann namens Eghbal mit knarrender Beinprothese seine Werkstatt betritt, glaubt er, seinen sadistischen Gefängniswärter wiedererkannt zu haben. Vahid entführt den Mann aus Rache in die Wüste, wo er ihn lebendig begraben will. Kurz vor Vollendung seines Plans kommen ihm aber Zweifel, ob der verheiratete Familienvater nicht doch unschuldig sein könnte. Eghbal gibt an, nie in einem Gefängnis gearbeitet und erst im Vorjahr sein Bein verloren zu haben. Tatsächlich weist Eghbals Beinstumpf eine frische Narbenbildung auf. Also sammelt er in seinem klapprigen Bus, Eghbal gefesselt und geknebelt in einer Kiste verstaut, auf einer Odyssee durch Teheran ehemalige Mitgefangene ein, die die Identität ihres ehemaligen Peinigers bestätigen können. Die einzelnen Mitglieder dieses spontan zusammengestellten Tribunals reagieren unterschiedlich auf Eghbal. Einige verlangen nach Rache, während andere keinen Sinn in Vergeltung sehen. Und je länger ihre Fahrt dauert, desto vehementer werden die Widersprüche ausgefochten, wie das Tribunal wider Willen mit dem Mann umgehen sollte. Ist Selbstjustiz vertretbar? Das Grab ist immerhin schon ausgehoben.

EIN EINFACHER UNFALL wurde durch Panahis Gefängnisaufenthalte inspiriert. Seine erste Haftstrafe hatte der Regisseur eigenen Angaben zufolge überwiegend in Einzelhaft verbracht. Während der Verhöre seien ihm die Augen verbunden worden. Daraufhin habe er obsessiv nach auditiven Hinweisen um sich herum gesucht und anhand der Stimme seines Gegenübers über dessen Identität phantasiert.

Die Umsetzung des Films galt aus vielen Gründen als Affront gegen die Regierung. Der iranische Oppositionssender Radio Farda berichtete, dass Panahi EIN EINFACHER UNFALL ohne Drehgenehmigung der Islamischen Republik verwirklichte. Auch tragen die Darstellerinnen im Film keinen Hidschāb, was für Frauen aufgrund staatlicher Gesetze im Iran verpflichtend ist.

Filme unterliegen im Iran vielen Bestimmungen. Frauen müssen Kopftuch tragen. Drehbücher müssen staatliche Abnahme finden und regierungskonform sein. Bestimmte Themen sind verboten. Darstellungen von Liebe, Nacktheit oder Kritik am System sind stark reglementiert. Filmdrehs sind durch massive staatliche Zensur, politisch motivierte Verbote und die Gefahr willkürlicher Verhaftungen geprägt.

Was bedeutet das für die Filmschaffenden? Sie arbeiten im Verborgenen. Filme werden teilweise nicht direkt, sondern durch Metaphern und symbolische Erzählweisen umgesetzt, um die Zensur zu umgehen. Sie kooperieren mit im Ausland lebenden Kollegen, um die Finanzierung und Produktion zu sichern. Viele regierungskritische Filmemacher wie Jafar Panahi werden mit Berufsverboten und Haftstrafen belegt und arbeiten oft im Untergrund oder im Exil.

Panahi trat im Juli 2022 seine 2010 erhaltene Haftstrafe im Evin-Gefängnis in Teheran an. Nach fast sieben Monaten Haft kam er Anfang Februar 2023 frei, nachdem der 65-Jährige in einen Hungerstreik getreten war.

Amnesty International hat das Evin-Gefängnis bereits auf dem Radar. Laut Organisation werden Insassen wiederholten Folterungen ausgesetzt. Dazu gehören Auspeitschungen, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen, Waterboarding, sexualisierte Gewalt, Aufhängen, die Zwangsverabreichung chemischer Substanzen und der absichtliche Entzug medizinischer Versorgung.

Trotzdem drehte Panahi ein Jahr nach seiner Haftentlassung heimlich EIN EINFACHER UNFALL und zwar in seinem Heimatland Iran.

Wir können uns durch seinen Film ein Bild machen vom Regisseur, der seine Freiheit und Unversehrtheit aufs Spiel setzt, um seine Kunst zu verwirklichen. In Deutschland und Österreich soll der Film ab 8. Januar 2025 in die Kinos kommen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert