Classic-Review: SCHLOSS DES SCHRECKENS (1961)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 9.5

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9/10 (1)

Darsteller: Deborah Kerr, Michael Redgrave, Pamela Franklin, Martin Stephens, Meg Jenkins, Peter Wyngarde
Regie: Jack Clayton
Drehbuch: Truman Capote, William Archibald, John Mortimer
Länge: 95 Min.
Land:
Genre: ,
Veröffentlichung: Kino: 25.05.1962; DVD: 24.03.2006
Verleih/ Vertrieb: Capelight Pictures/A!ive
FSK: ab 16

„Oh Willow I Die”

Story:

Im viktorianischen England wird die Pfarrerstochter Miss Giddens (Deborah Kerr) vom bekennend „selbstsüchtigen“ Onkel (Michael Redgrave) beauftragt, sich um die Erziehung und das Wohlergehen von Miles (Martin Stephens) und Flora (Pamela Franklin) auf dem Landgut Bly zu kümmern, mit dem spezifischen Auftrag, dass sie sich niemals wegen irgendetwas mit ihm in Verbindung setzen darf. Obwohl es ihre erste Stelle als Gouvernante ist, akzeptiert Miss Giddens und ist zunächst geblendet von der luxuriösen Pracht des Landsitzes, der aus der Ferne warm und einladend wirkt. Bei ihrer Ankunft trifft Miss Giddens nur auf Flora, doch kurz darauf wird Miles unerwartet aus seinem Internat verwiesen, weil er andere Schüler „korrumpierte“.

Wieder und wieder erscheinen Miss Giddens die Geister des toten Hausverwalters Quint (Peter Wyngarde) und seiner Geliebten Miss Jessel (Clytie Jessop), welche immer stärkeren Einfluss auf das Verhalten der Kinder ausüben. Miss Giddens kämpft darum, ihre Autorität insbesondere gegenüber Miles durchzusetzen, dessen oberflächlich angenehme Manieren eine dunklere, unheimlichere Absicht mit überraschend sexuellen Untertönen verbergen. Mrs Grose (Megs Jenkins), die Haushälterin, ist zwar hilfsbereit, aber eindeutig überfordert. Als SCHLOSS DES SCHRECKENS seinen Höhepunkt erreicht, schickt Miss Giddens Flora, die Bediensteten und Mrs. Grose nach London, als sie und Miles zu einer letzten Konfrontation kommen, die katastrophale Folgen hat.

 

SCHLOSS DES SCHRECKENS ist ein schwarz-weißes Masterpiece!

Ein betörendes, geheimnisvolles Schlaflied, gesungen von einer Kinderstimme, eröffnet Jack Claytons (DER GROSSE GATSBY) Film auf einer schwarzen Leinwand. Mit der Adaption des Romans „The Turn of the Screw“ von Henry James gelang ihm ein atmosphärisch dichter, beklemmender Film der Schauerromantik. SCHLOSS DES SCHRECKENS ist fest im Haunted-House verankert und begeistert das Publikum nicht mit billigem und plumpen Nervenkitzel.

Es geht um die Atmosphäre, die durch die Breitwandfotografie des Kameramanns Freddie Francis (DER ELEFANTENMENSCH, KAP DER ANGST) und die bahnbrechende Tontechnik von Daphne Oram brillant erzeugt wird. Der Film hat viele denkwürdige Versatzstücke, die für das Horrorgenre wegweisend waren, darunter ein schauerlicher Gedichtvortrag der Kinder und die geisterhafte Präsenz der ertrunkenen Gouvernante, die nass und in Schwarz gekleidet Flora aus einem Teich zuwinkt.

Clayton und sein Team setzen all ihre technischen Fähigkeiten ein, um eine insulare Welt zu schaffen. Der Film verlässt fast nie den Boden vom Bly House, was das Publikum in dieselbe klaustrophobische Atmosphäre versetzt wie Miss Giddens. Der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Films ist aber Francis‘ atemberaubende Kinematographie. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, werden die Szenen leicht überbelichtet, um ihnen ein angemessenes „heißes“ Gefühl zu verleihen; aber wenn Miss Giddens nachts durch die Korridore des Bly House schlendert, wobei ihr Weg nur von den Kerzenleuchtern beleuchtet wird, die sie bei sich trägt, droht das dunkle Haus all jene zu verschlingen, die es wagen, es zu bewohnen.

Interessanterweise schuf Francis, um das Licht des Kerzenleuchters zu verstärken, spezielle Kerzen mit vier oder fünf Dochten pro Stück, so dass das Kerzenlicht selbst einen Großteil der Szene erhellt. Um dieses Gefühl des ständigen Unbehagens zu verstärken, malte Francis tatsächlich auf die Ränder der Linsen, um einen Vignettierungseffekt zu erzeugen, so dass man das Gefühl hat, dass an den Rändern des Rahmens immer etwas lauert.

Die englische Rose

Die Filmlegende Deborah Kerr (DIE SCHWARZE NARZISSE, VERDAMMT IN ALLE EWIGKEIT, DIE SCHWARZE 13, CASINO ROYALE) wechselt hier mit ihrem bisher gewohnten Rollenrepertoire ins Reich der Geister. Kerr schafft es lediglich mit ihren Augen und der Mimik der nach außen prüden Pfarrerstochter die innerliche Zerrissenheit zu verleihen. Sie sagte einmal selbst, dass dies ihre beste Leistung auf der Leinwand gewesen sei.

 

Kinder zum Fürchten!

Die Kinderdarsteller Pamela Franklin (DIE BESTEN JAHRE DER MISS JEAN BRODIE) und Martin Stephens (DAS DORF DER VERDAMMTEN), damals 11 und 12 Jahre jung, spielen ihre facettenreichen Rollen, die ihnen geheimnistuerische Überlegenheit, Verletzbarkeit und Selbstsicherheit abverlangen, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Eine Schraube locker?

Während des gesamten Films denkt Miss Giddens, dass die Kinder von den ehemaligen toten Bediensteten pervertiert wurden. Die Beleidigungen, die Flora ausspricht, das ungewöhnliche, seltsame und fast erwachsene Verhalten von Miles (als solche erreichen die verschiedenen Gespräche zwischen Miss Giddens und ihm den Gipfel der Zweideutigkeit und erweisen sich für die damalige Zeit als recht gewagt), all dies lässt uns glauben, dass die Kinder von den Geistern Miss Jessels und Peter Quints besessen sind.

Aber tut Miss Giddens nicht dasselbe, indem sie den Tod ihrer beiden Vorgänger praktisch wieder auferstehen lässt? Ist nicht Miss Giddens, eine frustrierte, einsame alte Jungfer, die ihrerseits diese Kinder pervertiert, indem sie ständig versucht, sie vor den geisterhaften Erscheinungen zu schützen, die sie vielleicht als Einzige sieht? Alle geisterhaften Erscheinungen, die Miss Giddens wahrnimmt, werden in der Inszenierung von einer Form des Bruchs zwischen einer realen Welt und einer anderen, übernatürlichen, imaginären und unbekannten, begleitet. Eine Welt, die sich auf der anderen Seite eines Spiegels befinden würde (Spiegel und Spiegelungen sind in SCHLOSS DES SCHRECKENS sehr präsent).

 

Fazit:

Am Ende hat man das Gefühl, Teil dieser Welt geworden zu sein, verführt durch die luxuriöse Villa, den elegant geschliffenen Bildern und den traumhaften Schnitt, der den gesamten Film wie einen allzu plausiblen Alptraum erscheinen lässt. Einmal gesehen, nie vergessen, ist SCHLOSS DES SCHRECKENS einer jener seltenen Filme, der durch die Kraft der Fantasie Angst einflößt – eine Phrase, die der Onkel der Kinder in seiner Begegnung mit Miss Giddens wiederholt verwendet – und den Zuschauer berauscht und ein wenig verunsichert zurücklässt. Ein Film, den es wiederzuentdecken gilt!

 

Good to know

Ähnliche Filme mit psychoanalytische Referenzen, die die fragwürdige psychische Gesundheit des Protagonisten einfangen und Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Dingen herstellen:

ICH KÄMPFE UM DICH von Alfred Hitchcock, 1945

ACHTEINHALB von Federico Fellini, 1963

DER MIETER von Roman Polanski, 1976

SHINING von Stanley Kubrick, 1980

Das Kinderlied, „O Willow Waly”, welches George Auric komponierte, wurde nicht von einem Mädchen, sondern von der damals 34jährigen Isla Cameron gesungen.

Guillermo del Toro zitiert SCHLOSS DES SCHRECKENS als einen Einfluss auf seinen Gothic-Horrorfilm CRIMSON PEAK von 2015.

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