Review: ANIMALS – WIE WILDE TIERE (2021)

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BEWERTUNGEN:
Redaktion: 8.5

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Darsteller: Soufiane Chilah, Gianni Guettaf, Vincent Overath
Regie: Nabil Ben Yadir
Drehbuch: Nabil Ben Yadir, Antoine Cuypers
Länge: 92 min
Land:
Genre:
Veröffentlichung: 23. Juni 2022 (Kino); 18. August 2022 (Heimkino)
Verleih/ Vertrieb: Dropout Cinema, Cinema Obscure
FSK: ab 18

„Auf Tatsachen beruhend“ ist ein gerne verwendeter Zaubertrick im Filmmarketing.
Manchmal mutet das absurd an, wenn die Floskel in überzogenen Spukhausstreifen auftaucht, aber manchmal -wie in ANIMALS- tut es beim Hinsehen besonders weh, wenn man weiß, dass dies im Wesentlichen genau so ablief.

Story:
Brahim ist 30, er ist Muslim und er ist schwul.
In seiner eigenen Familie wissen von seiner sexuellen Orientierung nur wenige und die, die darüber Kenntnis haben, sind nicht begeistert. Als es während einer Familienfeier zu Spannungen kommt, haut Brahim ab und landet im Auto von vier Männern, denen er den Weg zu einer Bar zeigen will.
Aber die Männer sind betrunken, sie sind wütend und hassen Schwule…animals wie wilde tiere rezension

Leider ist ANIMALS wirklich „auf Tatsachen beruhend“

ANIMALS gliedert sich relativ klar in drei Akte, von denen jeder auf seine Art schwer zu ertragen ist.
Zunächst erleben wir Brahim im Kreis seiner Familie. Der Geburtstag seiner Mutter wird gefeiert, das Haus ist voll und er wartet nervös auf seinen Freund. Dass er mit ihm seit 5 Jahren zusammen ist, wissen seine Eltern und die meisten anderen nicht und glauben nur, Brahim habe einen Kumpel eingeladen.
In diesem ersten Filmdrittel sind es nur die sozialen und kulturellen Konflikte, die bei Brahim und dem Zuschauer Hektik und ein Gefühl von Einsamkeit unter Menschen auslösen.
Man muss weder Muslim noch schwul sein, um mit Brahim zu fühlen, bis hierhin ist der Film aber am ehesten dem Drama-Genre zuzuordnen.

Im zweiten Akt folgt der oft zitierte Schlag in die Magengrube.
Als Brahim im Auto der Fremden zugibt, dass er auf Männer steht, reagieren die fast sofort mit Gewalt und geben ihm zu verstehen, dass sie ihn töten wollen.
Was folgt ist eine hässliche Sequenz voller glaubwürdig anmutender Brutalität.

Im letzten Akt begleiten wir einen der Täter am Tag danach nach Hause, sehen wie er lebt und was ihn (womöglich) motivierte.Animals wie wilde tiere

Während Brahim der einzige Sympathieträger der Geschichte ist und wir ihm anfangs in langen Szenen mit wenigen Schnitten fast in Echtzeit durchs volle Haus folgen, rücken immer mehr die homophoben Gewalttäter in den Fokus und phasenweise erleben wir die grausigen Ereignisse sogar durch deren Handyaufnahmen, also im bewusst unprofessionell wirkenden Found Footage – Stil.
Was gleich bleibt, ist, dass die Kamera stets nah am Geschehen ist, dabei dynamisch und mitunter wacklig erscheint, andererseits aber auch gerne länger auf einem Punkt verweilt und die Ereignisse drumherum ausblendet.

Stilistisch nahe an PLAYGROUND und IRREVERSIBEL

Was mehr als alles andere hängenbleibt, ist natürlich der schwer zu ertragende Mittelteil, bei dem vier Freunde in Feierlaune sich einen Spaß daraus machen, jemanden sadistisch zu quälen, weil er anders ist.
Dass Homophobie, Rassismus, Dummheit, Engstirnigkeit, eigene Unzufriedenheit und Wut eng beieinanderliegen ist klar und sie ergeben mit Alkohol ein explosives Gemisch.
Nicht jeder der Männer will Brahim sofort Böses, einer gibt ihm sogar die Chance zur Flucht, am Ende ist der Gruppenzwang aber stärker als die Zweifel der Individuen.Animals 2021 kritik

ANIMALS ist kein Film, der vieles erklärt, sondern Bilder für sich sprechen lässt. Die sind manchmal drastisch, manchmal nur Andeutungen.
Dass eine Verwandte, die um Brahims Sexualität weiß, ihren Sohn nicht in seiner Nähe wissen will oder dass im Auto der Täter ein Kindersitz installiert ist, sind nur zwei Beispiele, die uns mehr über die Figuren erzählen, ohne eine große Sache daraus zu machen. Daraus entstehen Interpretationsmöglichkeiten.
Nachteilig an dieser Vorgehensweise ist, dass nicht jede Frage oder jedes Verhalten abschließend geklärt wird.

Im Film wird Brahim von seinen Mördern als „Bestie“ bezeichnet. Auch wenn der Film nur zeigt, nicht erklärt, ist eindeutig, wer die Bestien sind.
Der wahre Fall, auf dem ANIMALS beruht, ist der von Ihsane Jarfi.
Ihsane wurde 2012 in Belgien auf ähnliche Weise wie im Film ermordet. Die vier Täter erhielten Haftstrafen zwischen 40 Jahren und lebenslang.

Fazit:
ANIMALS hallt nach. Selbst ohne die harte Brutalität der Filmmitte hätte er funktioniert. Dass die in dem Ausmaß zu sehen ist, wirkt aber leider nie aufgesetzt, sondern konsequent.
Durch seinen Schmutz, die Kameraarbeit und die glaubwürdige Gewalt erinnert er hässliches Kino wie PLAYGROUND oder IRREVERSIBEL.

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