Review: FREAKS OUT (2022)

freaks out rezension
BEWERTUNGEN:
Redaktion: 8.5

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Darsteller: Claudio Santamaria, Aurora Giovinazzo, Pietro Castellitto
Regie: Gabriele Mainetti
Drehbuch: Nicola Guaglianone, Gabriele Mainetti
Länge: 140 min
Land:
Genre: , , ,
Verleih/ Vertrieb: Square One
Sonstiges: Fantasy Filmfest 2022

90 Jahre ist es her, dass Tod Brownings FREAKS veröffentlicht wurde. Ein Klassiker, bei dem das Leben von Schaustellern in einer umherreisenden Kuriositätenshow thematisiert wurde.
2022 erscheint FREAKS OUT, in dem es wie der Titel andeutet ebenfalls um „Freaks“ geht, die sich in diesem Fall mit den Irrungen und Wirrungen des 2. Weltkriegs auseinandersetzen müssen.

Worum geht es in FREAKS OUT?
Italien im Jahr 1943. Der Krieg ist in vollem Gange. Trotzdem betreibt Israel einen Zirkus, in dem Matilde, Cencio, Fulvio und Mario auftreten. Matilde kann Elektrizität leiten, Cencio Insekten kontrollieren, Fulvio ist ein Wolfsmensch und Mario ein magnetischer Zwerg.
Doch eines Tages verschwindet Israel, der versucht seine „Kinder“ außer Landes zu bringen und die vier sind plötzlich auf sich alleine gestellt.
Als ob das Leben in dieser Zeit nicht gefährlich genug wäre, sucht zur gleichen Zeit der Nazi Franz, der aufgrund von 6 Fingern an jeder Hand und der Gabe in die Zukunft sehen zu können, selbst ein Freak ist, nach Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten, die Hitler helfen sollen den Krieg zu gewinnen…freaks-out review

Ist FREAKS OUT ein Horrorfilm? Ist es ein Kriegsfilm? Ist es es Märchen?
Wir konnten an dieser Stelle in den letzten Jahren nur selten Gutes über den italienischen Film des 21. Jahrhunderts sagen, aber FREAKS OUT ist eine hinreißende Ausnahme.
Zwar haben wir es hier nicht mit einem Werk zu tun, das in eine bestimmte Genre-Schublade passt, aber dafür pure Magie atmet.
Wähnt man sich eben noch in einem Märchen, mag der nächste Moment voller Brutalität sein, auf den ein lustiger oder gar frivoler Augenblick folgt.
FREAKS OUT ist damit fantastisches Kino im eigentlichen Sinn des Wortes.

Hier kann alles passieren (und es passiert alles)

Durch diese inhaltliche und stilistische Unberechenbarkeit und trotzdem stimmiges Gesamtkonzept, sowie die stets nachvollziehbare Erzählweise bleibt man als Zuschauer dran. Da kann man schnell vergessen, dass FREAKS OUT mit einer stattlichen Laufzeit von 140 Minuten daherkommt. Dazu kommen vier liebenswerte Hauptfiguren, denen man quasi von Beginn an die Daumen drückt, dass sie unbeschadet aus den schrecklichen Ereignissen hervorgehen mögen. Auf der anderen Seite stehen natürlich skrupellose Besatzer, die Rom in Schutt und Asche legen und Juden in Zügen abtransportieren und der verrückte Über-Antagonist Franz.freaks out kritik

Den erleben wir etwa zur Mitte des Films in einer Szene, die zwar Erklärungen liefert, aber auch Fragen aufwirft und uns als Zuschauer die Augen reiben lässt. Natürlich soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden, aber der damit einhergehende Stilbruch, der dem Film letztlich gar nichts nimmt, verlangt Respekt vor den Filmemachern.
Da wir gerade über die Verantwortlichen sprechen, ist natürlich vor allem der Regisseur zu nennen. Dass FREAKS OUT erst der zweite Langfilm für Gabriele Mainetti ist, ist dabei erstaunlich.

Mainetti dirigiert seine Figuren mal gemeinsam, mal alleine durch die abwechslungsreiche Handlung und wahrt immer die schwierige Balance zwischen leichter Unterhaltung (Werwolfsex) und düsterer Geschichtsstunde. Dabei finden sich eine Reihe kreativer Ideen, die (und das ist vielleicht das größte Plus) nie gezwungen wirken.
Erst gegen Ende bewegt sich die Nadel deutlicher gen Abenteuerfilm und wird damit etwas austauschbarer, um nicht zu sagen Hollywood-artiger. Das ist allerdings Jammern auf wirklich hohem Niveau und wenn eine Zugszene lose an INDIANA JONES oder ähnliches erinnern, ist das keine allzu schlechte Referenz.freaks out matilde

FREAKS OUT gelingt der Spagat zwischen Spaß und Härte

Natürlich gibt es weitere Filme, mit denen sich FREAKS OUT zumindest in Teilen vergleichen lässt. Da wäre beispielsweise der ebenfalls italienische DAS LEBEN IST SCHÖN zu nennen, der Humor und KZ-Schrecken verband. Der eingangs erwähnte FREAKS von 1932 teilt tatsächlich nur das Zirkus-Ambiente mit FREAKS OUT, dafür bietet der gleichnamige, aber eigenständige FREAKS von 2018 als ernstzunehmender Superheldenfilm ein paar Parallelen.
Und über alledem schwebt der Spirit eines Guillermo del Toro, wobei natürlich vor allem eine inhaltliche Nähe zu NIGHTMARE ALLEY besteht.
Letztlich sind das aber alles nur leichte Verbindungen, denn in Gänze steht FREAKS OUT für sich selbst.

Man hat zudem den Eindruck, dass der Film nicht auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet wurde, sondern die bestmögliche Geschichte erzählt werden soll.
Diese freigeistige Herangehensweise und ein paar Momente, die nicht den strengen Auflagen der politically correctness folgen, lassen das Werk atmen und machen es auf angenehme Weise altmodisch und damit wunderbar.

Fazit:
Dass der letzten halben Stunde das Besondere fehlt, kann den Eindruck nur geringfügig trüben.
FREAKS OUT ist trotzdem erzählerisch, aber auch technisch, ein starkes Stück Italo-Kino.
Bitte mehr davon!

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