Für viele namhafte Regisseure scheint es zum guten Ton zu gehören, einmal in der Karriere eine Adaption des klassischen Gruselromans DRACULA zu liefern.
Francis Ford Coppola, Werner Herzog, Dario Argento und Robert Eggers sind nur einige, die zu den unzähligen Verfilmungen von Bram Stokers Roman beitrugen und mit Luc Bessons DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG reiht sich ein weiterer Starregisseur ein.
Die gute Nachricht: Argentos Variante wird so schnell niemand unterbieten.
Die schlechte Nachricht: auch wenn sich fast alle DRACULA-Varianten inkl. NOSFERATU mal mehr mal weniger vom Buch entfernten, haben einige Kultstatus, Eggers NOSFERATU erschien unlängst und wie viel kann Besson noch besser und anders machen?
Wovon handelt DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG?
Während Prinz Vlad im 15. Jahrhundert mit aller Grausamkeit gegen die einfallenden Türken kämpft, locken diese seine große Liebe Elisabeta in einen Hinterhalt und töten sie. Rasend vor Wut und Trauer wendet sich Vlad von Kirche und Gott ab. Ihm wird der Tod verwehrt und er verbringt die nächsten Jahrhunderte damit nach der Reinkarnation von Elisabeta zu suchen, bis ein Immobilienmakler namens Jonathan Harker auf sein Schloss kommt und Vlad/Dracula auf einem Bild von dessen Verlobten Mina seine Elisabeta wiedererkennt.
Will man Bessons Film auf der DRACULA-Karte verorten sollte man zwei Dinge wissen:
-Im Original heißt DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG vielsagend DRACULA – A LOVE STORY und wer eine Allergie gegen große Gefühle hat, bleibt dem Streifen besser fern.
-Dazu passend orientiert sich Besson merklich an der ohnehin schon romantisierten Verfilmung von Coppola aus dem Jahr 1992. Das beginnt bei der Figur der Elisabeta und dem tragischen Hintergrund, setzt sich über die gewöhnungsbedürftige Frisur des Grafen fort und endet beim gleichen Slogan (Love never dies).
Wo Coppola seiner Titelfigur neue Motive an die Hand gab, im Gegensatz zu zahlreichen anderen Adaptionen der Buchvorlage aber recht nah kam, zieht es Besson vor sein eigenes Süppchen zu kochen.
Aus London wird Paris, Geografie wird entfremdet, eine Vielzahl der bekannten Figuren wird ersetzt und Fantasy-Elemente, die man sonst kaum mit Vampiren in Verbindung bringt, fließen in die Geschichte ein.
Aber eins nach dem anderen.
Dass Paris Zielort der Geschichte wird, bietet sich für einen französischen Film an und ist nicht besser oder schlechter als Wismar in NOSFERATU oder eben London. Hier fragt man sich eher, warum er nicht konsequent den britischen Jonathan Harker auch zum Franzosen machte, das ist aber tatsächlich nebensächlich.
Kurioser ist da schon die französisch-rumänische Grenze, die explizit in einer Szene gezeigt wird und Fragen aufwirft, da ein Blick auf den Globus verrät, dass es diese nicht gibt und auch nie gab.
Will uns Besson damit bewusst zeigen, dass sein Film gänzlich der Fantasiewelt zuzuordnen ist, hatte er keine Landkarte zur Hand oder wird hier ein Meta-Ebene aufgemacht, die uns keiner erklärt hat?
Dracula in Paris: Geografie des Grauens
Schaut man genauer hin, fallen etliche weitere Unstimmigkeiten auf.
Ist der Graf eben noch mitten in der Schlacht auf einer grünen Wiese, reitet er sofort (und seltsamerweise alleine) los, um Elisabeta vor ihren Verfolgern zu retten, die wiederum durch eine Schneelandschaft flieht. Künstlerische Freiheit? Plötzlicher Wetterumschwung? Wir wissen es nicht. Aber auch hier passen Zeit, Raum und Wetter nicht zusammen.
Eine Vampirin, die in Paris gefangen gehalten wird, lange bevor Dracula dort ankommt und offenbar eine Mischung aus Renfield und Lucy ersetzen soll, scheint im einen Moment extrem lichtempfindlich, wandelt später aber problemlos durchs Tageslicht.
Als Soldaten das Schloss des Fürsten stürmen um Mina zu retten, beschießen gleichzeitig Kanonen das Gebäude. Der Begriff des „friendly fire“ mag damals noch nicht geboren gewesen sein, dumm ist dieses Vorgehen dennoch.
Abgesehen von objektiven Kopfschüttlern enthält DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG einige Eigenheiten, die zumindest diskutabel sind.
Da wäre etwa ein Parfum zu nennen, das der Vampir im Laufe der Jahrhunderte kreiert und das dafür sorgt, dass ihm alle Frauen zu Füßen liegen. Abgesehen von der inhaltlichen Nähe zu DAS PARFUM hätte es dieses Gimmick nicht gebraucht, dient hier allenfalls als Aufhänger um den Werdegang des Grafen zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert etwas zu beleuchten. Dadurch entsteht wiederum eine gewisse Nähe zu Filmen wie INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR, die das „Leben“ des Untoten nachverfolgen.
Christoph Waltz und die Gargoyles
Leichte Cringe-Momente verursachen aber spätestens die Gargoyles in DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG, also jene Steinfiguren, die in diesem Fall zu Leben erwachte treue Diener Draculas sind. Nichts gegen Gargoyles, im Kontext der Geschichte wirken sie aber deplatziert und erinnern an DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME… und zwar in der Disney-Zeichentrick-Variante.
DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG musste mit einem Budget auskommen, welches zwar nahezu identisch mit BRAM STOKERS DRACULA ist, inflationsbereinigt aber deutlich niedriger liegt.
Immerhin, das hat gereicht, um Oscarpreisträger Christoph Waltz als Geistlichen zu besetzen, der offenbar der Ersatz für Dr. van Helsing ist und das Offensichtliche sicherheitshalber noch einmal erklärt. Waltz spielt seinen Part in Waltz-Manier freundlich, ruhig, kompetent und allen anderen einen Schritt voraus, aber stets auch nur einen Halbsatz von der Komik entfernt. Für ihn gilt wie für die Gargoyles, dass er zweifelsohne was kann, aber in diesem Film nicht optimal wirkt.
Besser besetzt sind Dracula Caleb Landry Jones (auch wenn der permanent zu schwitzen scheint) und Mina Zoë Bleu.
Apropos Komik, da Luc Besson Horroranteile, Action, Fantasy, Drama und Liebesgeschichte nicht ausreichte, werden auch ein paar Lacher eingebaut. Wie bei vielen anderen Elementen drängt sich auch hier der Stempel „deplatziert“ auf.
Allerdings enthält der Film prunkvolle Aufnahmen, der Ausflug und der Score von Komponist Danny Elfman ist zwar weniger prägnant als im Film von 1992, hier aber ein Highlight.
Dafür sieht die Frisur Draculas – erneut eine merkliche Verbeugung vor Coppolas Film – wie eine Temu-Perücke aus und ist eher unfreiwilliger Humor.
Fazit zu DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG
Zweifelsohne wird DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG seine Fans finden. Die erkennt man aber wohl eher daran, dass sie vor 15 Jahren TWILIGHT-Shirts trugen oder vor 30 Jahren Brad Pitt in INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR anhimmelten, als dass sie Stokers Roman gelesen hätten.
Natürlich kann und darf ein Vampirfilm gerne auch mal romantisch sein, schöne Bilder und hübsche Klänge alleine können dieses Werk im Vergleich zur Konkurrenz, die sich seit einem Jahrhundert aufgebaut hat, nicht retten.
Hier kannst du dir DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG anschauen











