EDDINGTON (2025) | Filmkritik

eddington - filmkritik und analyse
BEWERTUNGEN:
Redaktion: 5.5

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1/10 (1)

Darsteller: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Pedro Pascal
Regie: Ari Aster
Drehbuch: Ari Aster
Länge: 143 min
Land:
Genre: ,
Veröffentlichung: 06. März 2026 (Heimkino)
FSK: ab 16

EDDINGTON ist Ari Asters vierter Film. Eine der zentralen Fragen war, wie sich einer, der mit HEREDITARY und MIDSOMMAR den Elevated Horror des letzten Jahrzehnts mitprägte, aber schon mit BEAU IS AFRAID einen anderen Weg einschlug, sich nun positionieren würde.
Auch, weil „Beau“ bei Publikum und Kritikern nicht mehr auf die Gegenliebe der ersten beiden stieß.

Würde Aster zu seinen Wurzeln zurückkehren; gar seinen Stil ändern oder unangepasstes Kino produzieren, wie es ihm gefällt?
Wenn man nach dem Abspann das Ortsausgangsschild der Kleinstadt Eddington passiert, lässt sich festhalten, dass er sich treu blieb, aber ist das immer gut?

Wovon handelt EDDINGTON?

2020. Covid hat die Welt im Griff. Auch das Städtchen Eddington, wo Sheriff Joe Cross mit seiner Frau Louise und seiner Schwiegermutter Dawn lebt.
Cross ist Asthmatiker, der keine Masken tragen will und damit kommt es immer wieder zu Konflikten mit Bürgermeister Ted Garcia, der die Corona-Regeln umsetzt.
Schließlich beschließt Joe selbst als Bürgermeister zu kandidieren, das ist aber erst der Anfang einer Geschichte, in der die Black Lives Matter – Bewegung, ein Tech-Konzern, ein Pädophilen-Ring, Wokeness und Schwurbler, sowie schwer bewaffnete Terroristen Eddington aufmischen.

Zu einer Zeit, in der Lockdown-bedingt eigentlich gar nicht viel los war, ereignet sich hier also viel und scheinbar alles auf einmal.
Das reicht von Persönlichem (so ist Louise psychisch angeschlagen und ihre Mutter hängt Verschwörungstheorien nach), geht über kleinstädtische Fragen wie besagte Bürgermeisterwahl, hin zu einem Doppel-Mord, bis zu landesweiten und globalen Erscheinungen wie den Tod von George Floyd und seinen Auswirkungen.

Trauma-Aufarbeitung: Die Pandemie als gesellschaftliche Erkrankung

EDDINGTON - joaquin Phoenix als Sheriff Joe Cross und Pedro Pascal als Bürgermeister Garcia im Konflikt

Offen gestanden – und da spreche ich aus einer ganz persönlichen Sicht – ist mir Corona noch nicht lange genug her und während eine Aufarbeitung in Politik und Wissenschaft schon in Hinblick auf die nächste Pandemie absolut Sinn macht, gibt es gute Gründe, warum das Thema bis auf wenige Ausnahmen in der Filmwelt ignoriert wird:
Leere Geschäfte, Schlangen mit 2 Metern Abstand und Menschen mit FFP2-Masken sind schlicht nicht unterhaltsam. Sie lassen sich nicht in prächtigen Filmbildern einfangen und egal, ob man jemanden an die Krankheit verlor, heute unter Long Covid / Impfschäden leidet oder nur frustriert von der Hilflosigkeit der Behörden oder der Borniertheit der Mitmenschen war, am Ende wollte man, dass es vorbei war und so schnell nicht mehr darüber nachdenken.

Aber Aster ist jemand, der sich Traumata zur Brust nimmt und während die früheren Filme persönliche psychische Probleme anfassten, ist es nun primär eine Erkrankung der gesellschaftlichen Psyche.
Das in das Genre einer schwarzen Komödie und eines zeitgenössischen Westerns zu verpacken ergibt Sinn.

EDDINGTON - Filmszene aus EDDINGTON – Die einsame Wüstenstadt als Schauplatz für Ari Asters Pandemie-Drama

Joaquin Phoenix und der Oscar-Cast in der Wüste

Joaquin Phoenix spielt den Sheriff, Emma Stone (POOR THINGS) seine Frau und Pedro Pascal (THE LAST OF US) den Bürgermeister. Renommiertes Personal also, das mit einigen Oscars im Gepäck nach Eddington reiste, allerdings wirkt Stone unterfordert und hat, wie auch Pascal, relativ wenig Screentime. Klare Hauptfigur ist hingegen Joaquin Phoenix. Der ist ein klasse Schauspieler, hatte mit seinen letzten Rollen aber nicht immer Glück.
JOKER: FOLIE À DEUX und NAPOLEON, aber eben auch BEAU IS AFRAID, wo er die Titelrolle spielte, werden am Ende seiner Karriere nicht als Meilensteine betrachtet werden.

Das kann nichts daran ändern, dass der Mann spielen kann und das auch mit EDDINGTON beweist, man hätte ihm für den Auftritt nur eine stabilere Bühne gewünscht.

Denn leider scheitert EDDINGTON an seinen Ansprüchen, da nicht nur verschiedene Genres angekratzt werden, es werden auch ganz viele Themen angerissen und obwohl diese Fülle eine Lauflänge von zweieinhalb Stunden rechtzufertigen scheint, zeigt der Film einmal mehr auf, was spätestens seit MIDSOMMAR bekannt ist: Aster hat gute Ansätze, ist aber kein versierter Geschichtenerzähler.

Während er in MIDSOMMAR quälend oft und ebenfalls in Überlänge vorkaute, dass Christian ein Mistkerl ist, wirkt EDDINGTON zunächst wie überspitzte, aber eigentlich geradeaus erzählte Story über die Covid-Zeit, verliert sich dann aber zunehmend in Metaphern, ändert den Ton, lässt Handlungsteile ins Leere laufen und Fragen offen.
Dass ein Erzähler die Antworten kennt, macht ihn erst dann zu einem guten Erzähler, wenn er sie auch dem Zuschauer vermitteln kann.

Damit geht es ihm gewissermaßen wie einigen Jugendlichen, die in einer Szene darüber sprechen, dass sie gerne antirassistisch wären, aber für sich erkennen müssen, dass sie ihre Ansprüche nicht erreichen können. Allerdings finden sich weitere Parallelen zwischen dem Film an sich und seiner Geschichte, denn sowohl EDDINGTON als auch die Pandemie-Zeit wirkten leer und lange.

EDDINGTON - Eskalation der Gewalt und politische Unruhen in Ari Asters viertem Spielfilm

Was die (selbsternannten) Genrezuordnungen betrifft, sollte niemand beim Stichwort Komödie an schwere Lacher denken und eine Wüstenstadt alleine macht auch noch keinen Western. Obwohl Fragmente dieser Genres zu erkennen sind, haben wir es hier vor allem mit einem Drama zu tun, das nach rund anderthalb Stunden auch Thrill und Krimi-Anteile einbaut und gegen Ende sogar Gore-Effekte und ein brachiales Shootout mit großkalibrigen Waffen ausspuckt, mit dem nicht mehr zu rechnen war.

Während also bei BEAU IS AFRAID die erste Hälfte unterhaltsamer war, ist es in EDDINGTON die zweite. Ballereien und Leichenteile wecken den Zuschauer vielleicht aus dem Dämmerschlaf, tragen am Ende aber auch nur zur Verwirrung bei.

EDDINGTON – Die Analyse: Digitale Bubbles und das Ende der Kommunikation

Versucht man EDDINGTON als Ganzes dennoch zu deuten, gibt es einige Anhaltspunkte, worauf Aster abzielt.
Die Corona-Zeit war nicht nur aber auch in den USA ein Umbruch, die alle möglichen gesellschaftlichen Risse, die es vorher gegeben haben mag, verstärkte. Fast wie in THE STAND konnte man sich auf die Seite der Wissenschaft oder des Glaubens stellen, wurde aber in jedem Fall durch Halbwahrheiten aus dem Internet gefüttert. In einer Zeit, in der persönlicher Kontakt teils unmöglich war, wurde das Netz nicht nur wichtiges Kommunikationsmittel (viele hatten 2020 ihren ersten Zoom/Teams-Call) und Nachrichtenquelle sondern erschuf auch „Bubbles“ in neuem Ausmaß.

Was sich im persönlichen Gespräch oft schnell klären lässt und was man dem Gegenüber meist nicht an den Kopf wirft (weil man sonst ohne Zähne nach Hause geht), ist in der Anonymität des WWW möglich. Das geschriebene Wort wird rasch missverstanden, man versteht nur, was man verstehen will, die Bösen sind die anderen und ein Algorithmus bestimmt, was du in deiner Bubble siehst.
Die Menschen in Eddington leben in diesen Blasen, sie blicken auf die gleichen Probleme, wollen im Ergebnis manchmal das Gleiche (z.B. früher oder später keine Masken mehr tragen), nähern sich aber nicht nur aus unterschiedlichen Richtungen, sondern können oder wollen andere Perspektiven nicht erkennen.

Im Kontext des Films steht Bürgermeister Garcia für den Fortschritt und damit nicht nur in Hinblick auf Corona auf der anderen Seite des Spektrums, das der Sheriff abdeckt, sondern auch als Befürworter des geplanten und umstrittenen Daten-Zentrums im Stadtgebiet.
Auch sieht man im Film auffallend oft Menschen auf ihr Handy blicken, sei es um aktuelle News, krude Theorien oder auch nur mal persönliche Nachrichten abzurufen, die sich jeweils – gewollt oder ungewollt – missverstehen lassen.
SPOILER: Passenderweise ereignet sich auch der Mord an Garcia auf denkbar unpersönliche Weise als Scharfschützenanschlag auf lange Distanz und die Terroristen, die am Ende des Films einfallen, schießen aus der Dunkelheit heraus und bleiben damit bis zuletzt so anonym wie viele Online-Hater. Spoilerende.

Die Message mag also auf einen Zeitgeist verweisen, der eng mit einem technologischen Fortschritt verknüpft ist.

Fazit zu EDDINGTON

Man muss Ari Aster ein paar Dinge zugutehalten. Er ergreift keine Partei, sondern zeigt die Dummheiten von Links und Rechts gleichermaßen auf (was vermutlich dazu führt, dass jeder „die andere Seite“ auslacht), weil natürlich auch auf beiden Seiten Manipulation stattfindet. Auch darüber hinaus zieht er sein Ding durch und es juckt ihn nicht, ob du unterhalten wirst oder alles deuten willst.
Einen Film nur auf einer Meta-Ebene sehen zu können, weil er sonst weder Entertainment bietet, noch Sinn ergibt, noch sonstwie beeindruckt, ist aber enorm sperrig.

Somit setzt Aster seinen Abwärtstrend fort und EDDINGTON ist sein bisher schwächstes Werk, in dem sich zweieinhalb Jahre anfühlen wie zweieinhalb Jahre Pandemie.

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FAQ

Warum wird EDDINGTON als gesellschaftliche Erkrankung bezeichnet?

Weil der Film weniger die medizinischen Folgen von Covid-19 fokussiert, sondern das psychische Trauma einer Gesellschaft, die in ideologische Lager zerfällt. Er zeigt, wie der Lockdown die psychischen Probleme der Einzelnen zu einem kollektiven Wahnsinn aufstaut.

Was hat der Mord im Film mit dem Internet zu tun?

In der Analyse wird deutlich, dass Gewalt in EDDINGTON oft anonym und aus der Distanz erfolgt. Das spiegelt die Dynamik von Online-Hatern in ihren digitalen Bubbles wider, die ohne persönlichen Kontakt und Konsequenz agieren.

Ist EDDINGTON ein Rückschritt für Ari Aster?

Ja. Nachdem BEAU IS AFRAID bereits polarisierte, zeigt EDDINGTON, dass Aster sich zunehmend in Metaphern verliert. Trotz Gore-Einlagen und Starbesetzung fehlt es dem Film an erzählerischer Eleganz, was ihn zu seinem bislang schwächsten Werk macht.

Wie wird der Zeitgeist der Pandemie im Film dargestellt?

Durch das permanente Starren auf Handys, die Isolation in Meinungs-Blasen und die Unfähigkeit, andere Perspektiven zu erkennen. Aster zeigt die totale Kommunikationsunfähigkeit, während um die Protagonisten herum die Welt eskaliert.

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