Guillermo del Toro, sicher ein Meister seines Fachs, hat sich an der Geschichte von Mary Shelleys FRANKENSTEIN versucht. Sein Motiv dazu war die Nähe zu dem Monster, die er schon in Kindheitstagen verspürte. Was daraus entstand ist nicht das was Horrorfans als Horror betrachten werden aber es ist, was Mary Shelley 1818 im Kopf hatte, als sie FRANKENSTEIN veröffentlichte.
Story von FRANKENSTEIN:
Die Geschichte folgt dem brillanten, aber egoistischen Wissenschaftler Victor Frankenstein. Sein Vorhaben: den Tod überwinden und das Erschaffen neuen Lebens. Als aber seine Schöpfung zum Leben erwacht, erkennt er das Ausmaß seines Tuns. Getrieben von Angst und Schuld wendet er sich gegen das Monster, das nun nach Anerkennung und Vergeltung sucht.
FRANKENSTEIN wird in zwei Teilen erzählt, zum einen aus der Sicht von Victor Frankenstein und später aus der Sicht des Monsters.
Victor Frankenstein:
Als Seeleute in der Arktis festsitzen und dabei sind, ihr Schiff aus dem Eis zu befreien, werden sie auf einen verletzten Mann aufmerksam. Der Kapitän bringt den Mann an Bord und möchte ihm helfen, er ahnt nicht, welche Geschichte ihm nachfolgend erzählt wird, als der Mann, Victor Frankenstein, von seiner Vergangenheit berichtet.
Die Erzählung beginnt in Victors Kindheit. Der Junge verbrachte viel Zeit mit seiner Mutter, die ihn über alles liebte, sein Vater hingegen, ein vielbeschäftigter und angesehener Chirurg, hat wenig für Frau und Kind übrig. Der Wille des Vaters ist, dass Victor später in seine Fußstapfen tritt, was auch der Name surgeriert – Victor- der siegreiche. Leider nimmt der Verlauf von Victors Leben kaum gute Wendungen, meist weil er sich selbst im Weg steht, dies wird auch nicht besser als er seine Erfindung, totes Gewebe wieder herzustellen, vor dem hohen Rat vorstellt und dafür nur Worte über Gottestlästerung erntet. Erst als der reiche Herr Harlander in sein Leben tritt, gibt es Hoffnung auf die Erschaffung neuen Lebens von Victor Frankenstein.

Das Monster:
FRANKENSTEINs Monster erzählt ebenfalls seine Sichtweise auf Vergangenes und wir bekommen Einblicke in die Tiefe der Geschichte und des Monsters, schließlich ist es der Star in FRANKENSTEIN… zumindest wird es klar über alle anderen Figuren gestellt und das hat seinen Grund: Wie auch schon Mary Shelley, die weitaus romantischer, wenn auch düster, über das Monster schrieb, als man heute weitestgehend denkt, wollte Guillermo del Toro das Monster nicht als die grässliche Kreatur darstellen, die sie augenscheinlich ist. Hier treffen sich zwei Linien, die über die Jahre verschwommen sind, dank Hollywood und dem unbedingten darstellen von Gewalt und angsterzeugender Montser.
Ihr wollt Schrauben im Hals und grüne Haut? Putstekuchen! Das Monster kommt der Beschreibung im Roman nahe, blasse bläulich gelbliche Haut, lange schwarze Haare, Adern die durch die Haut scheinen, lange groteske Gliedmaßen und weitere Merkmale, die sich Mary Shelley erdachte. Auch das Wesen der Kreatur bleibt wie einst erschaffen: naiv, wissbegierig und voller Güte, einzig und allein verdorben durch Isolation Hass und der Verfolgung durch Menschen.
„Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. Ich bin bösartig, weil ich unglücklich bin.“
Film vs. Buch?
Wenn das Monster so nahe am Original ist, sehen wir dann eine in Szene gesetzte Kopie des Buches? Ganz klar nein! Viele Figuren finden im Buch sowie diesem Film ihren Platz, ihr Geschichten unterscheiden sich dafür teilweise stark vom Roman. Diesen Umstand kann man durchaus doof finden, denn kennt man die Charaktere, wundert man sich doch etwas, wie sie nun aggieren und wohin sie die Reise in FRANKENSTEIN führt. Guillermo del Toro erzählt die Story frei, nimmt sich Passagen, die mit dem Original übereinstimmen, während andere Teile einen neuen Anstrich bekommen. Auch ein paar kleine und nette Details fanden ihren Weg in FRANKENSTEIN, so gibt es zum Beispiel eine Szene in der aus einem Buch gelesen wird. Dies ist erstmal nicht sonderlich spannend, aber es lohnt sich genau hinzuhören, denn zitiert wird ein Gedicht aus der Feder von Mary Shelleys Ehemann Percy Bysshe Shelley: Ozymandias.

Guillermo del Toro aus allen Poren:
Die Filme aus Guillermo del Toros Hand sind zum großen Teil dem Fantasygenre zuzuorden, meist geht dies Hand in Hand mit düsteren Legenden oder Fabeln, die am Gothic-Horror kratzen oder direkt dort angesiedelt sind. Ein Mix aus dem besten was die Genre hergeben, könnte man sagen. FRANKENSTEIN besitzt ebenfalls die opulente Inszenierung, die Guillermo del Toro auszeichnet. Auch seine Liebe zu missverstandenen Monstern wirkt einmal mehr, denn das ist, was del Torro immer wieder in Szene setzt, er sieht in ihnen die Möglichkeit, dem Grotesken poetische Schönheit zu verleihen. Durch die Identifikation mit Außenseitern, wie er sie als Kind erlebt hat und die Faszination für das Bizarre, gibt er ihnen eine Stimme und eine Bühne, die oft mit dem Menschlichen und dem Emotionellen verbunden ist, doch aber deutlich zeigen, dass Güte und Schönheit keine Sache von Ästhetik sind.
Technik und Schauspiel
Der Cast ist beinahe perfekt besetzt und das macht dieses Spiel federleicht, keine verkrampften Gesichter, keine Versuche, eine Besetzung die glänzt. FRANKENSTEINs Monster spielt Jacob Elordi (EUPHORIA), der junge Schauspieler musste somit eine große Rolle füllen und schaffte das tadellos. Als Harlander ist unüberhörbar (durch seine eigene Synchro) Christoph Waltz (INGLOURIOUS BASTERDS) zu sehen, ein begnadeter Mime seit jeher. Nicht zu vergessen ist Mia Goths Rolle als Elisabeth, leider geht diese fast ein wenig unter, neben ihren Kollegen.

Was die Technik anbelangt, sehen wir neben CGI und wundervollen Setbauten eine Art der Kamerafahrt, die intrakorporale Kamerafahrt genannt wird, hier wird ein Inner-Body-Shot gezeigt der seltsam modern aber doch stimmig wirkt.
Fazit zu FRANKENSTEIN:
Guillermo del Toro hat mit seiner Erzählung eine teilweise neue aber auch bekannte Geschichte zu Netflix gebracht. Hier werden sich klar wieder die Geister scheiden, denn plumper Horror ist hier nicht zu holen, dafür aber eine Menge düstere großartiger Bilder und Schauspiel. Wenn ihr damit zurecht kommt, dass nicht alles nach dem Buch geschieht und auch kein Problem damit habt, dass keine tausend Liter Blut fließen (es gibt genug Körperteile zu bestaunen!) dann könnt ihr 2, 5 Stunden Gothik-Horror erleben und das Monster von Frankenstein auf eine Weise kennenlernen, die sowohl die Wissenschaft als auch die Ambivalenz von Gut und Böse zur Vorsicht mahnt… ganz im Sinne von Mary Shelly.
Hier könnt ihr euch FRANKENSTEIN ansehen.










