Special: Trauer in Horrorfilmen

Trauer in horrorfilmen

Horrorfilme sollen uns Schrecken vermitteln. Sie sind gemacht, um für eine gewisse Zeit negative Emotionen zu wecken.
Oft geht es dabei um Angst, manchmal auch um Ekel, aber in den Werken, über die wir heute sprechen, auch um Trauer.
Das Besondere bei Trauer in Horrorfilmen ist, dass die Trauer dem Menschen schwerer zu entlocken ist, denn während fast alle Menschen eine (zumindest kindliche) Furcht vor Dunkelheit, Enge, Wäldern oder bewaffneten Männern kennen und viele Menschen einen Ekel vor eitrigen Wunden und ähnlichem Teilen, seelischer Schmerz persönlich.

Es wundert also nicht, dass eine Reihe der hier vorgestellten Filme, ruhige Vertreter mit tiefer Charakterzeichnung sind, denn nur so können wir verstehen, was die Protagonisten fühlen.
Bezeichnenderweise werden diese Filme von oberflächlichen Betrachtern eher negativ wahrgenommen, was auch Sinn ergibt, denn einen Jumpscare kann man weglachen, das Gefühl von hilflosen Verlustgefühlen nicht.

FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE

Leider wird keine der beiden Verfilmungen der Tiefe Stephen Kings Roman gerecht, der darin zahlreiche Varianten von Tod, Verlust, Zerfall und Trauer thematisiert. Aber auch unter den Gruseleffekten wird der Konflikt deutlich, den die Figuren austragen.
Man kann erahnen, wie groß die Verzweiflung nach dem Tod des eigenen Kindes sein muss und kann daher Louis nicht verübeln, dass er -trotz besseren Wissens- seinen Sohn auf dem alten Indianerfriedhof begräbt.friedhof der kuscheltiere pet-sematary

WAKE WOOD

In eine ähnliche Kerbe wie FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE schlägt WAKE WOOD, bei dem ein Paar seine Tochter durch einen Hundeangriff verliert.
Doch sie erhalten die Chance das tote Mädchen noch einmal für drei Tage zum Leben zu erwecken.
Würde man diese Chance nutzen wollen? Und wenn ja, was tut man nach Ablauf der drei Tage?Wake-Wood trauer

THE DESCENT

Das Schöne an THE DESCENT ist, dass man ihn auf mehreren Ebenen betrachten kann. Er funktioniert, wenn man unter Klaustrophobie leidet, er funktioniert wenn man nur den Kampf der Freundinnen gegen die Monster sehen möchte und die Trauer, die Sarah nach dem Tod ihrer Familie empfindet, lässt sich fast gänzlich ausblenden. Man kann aber auch jeden Aspekt aus Neil Marshalls Meisterwerk gänzlich umgekehrt sehen. Der Abstieg in den Untergrund lässt sich als Reise in Sarah Psyche verstehen, wo Dunkelheit herrscht und etwas lauert, das einen für immer dort behalten will.
Dass Marshall einen doppelten Boden in seinen Film eingebaut hat, lässt sich übrigens an verschiedenen Zwischeneinblendungen (wie z.B. den Kerzen auf dem Kuchen) erkennen.descent

THE SIXTH SENSE

M. Night Shyamalans Debüt ist vor allem für den damals originellen Twist bekannt. Man sollte jedoch nicht übersehen, dass der Film nicht nur eine bedrückende Atmosphäre vor sich her schiebt und natürlich generell in verschiedener Weise auf das Thema Tod eingeht, sondern gerade beim zweiten Durchlauf viel über die Trauer verrät, die die Frau des Psychologen verarbeiten muss.

THE HOUSE AT NIGHT

Als sich ihr Mann gänzlich unerwartet das Leben nimmt, muss Beth nicht nur mit dem Verlust klarkommen, der ungewöhnliche Alpträume mit sich bringt, sondern entdeckt in seinem Handy und seinen Unterlagen auch verstörende Dokumente, die die Frage aufwerfen, ob er der war, den sie zu kennen glaubte.
Auch wenn THE HOUSE AT NIGHT unaufgesetzte Horrorelemente enthält, funktioniert er doch vor allem mysteriöses Trauerspiel, das Interpretationsmöglichkeiten einräumt und die Figur der trauernden, aber auch zunehmend zweifelnden Witwe in den Vordergrund stellt.
the house at night

 

HEREDITARY / MIDSOMMAR

Wenn das Schaffen eines Regisseurs etwa über seine Familie und sein Seelenleben erzählt, ist Ari Aster nicht zu beneiden.
In HEREDITARY geht es nicht nur um eine Reihe psychischer Krankheiten, sondern auch den Verlust von Eltern und Kindern.
In MIDSOMMAR verliert die Hauptfigur ihre Familie durch einen erweiterten Suizid und leidet in der Folge verständlicherweise selbst an Panikattacken.
Beide Filme nutzen ähnliche stilistische und inhaltliche Elemente und sind doch gänzlich unterschiedlich. Die größte Gemeinsamkeit ist jedoch das bedrückend, beklemmende Gefühl, das Ari in beiden Werken aufbaut.

DER BABADOOK

Ari Asters Filme teilen mit Jennifer Kents BABADOOK, dass einfach gestrickte Gemüter, den emotionalen Horror nicht begreifen.
Zwar ist die Figur des „Babadooks“ zunächst eine simple (und effektive) Gruselgestalt, der Film berichtet aber nicht nur von der schweren Mutter-Sohn-Beziehung, sondern auch der Tragödie, die diese auslöste.The Babadook Bild 1

DIE FRAU IN SCHWARZ

Da ist DIE FRAU IN SCHWARZ doch einfacher. Der Film kann einfach als klassischer Geisterhaus-/Gespensterfilm betrachtet werden, doch auch hier spielt die Trauer eine Rolle. Nicht nur hat der junge Anwalt Kipps seine Frau bei der Geburt des gemeinsamen Kindes verloren, auch die Frau in Schwarz, die er als Gespenst kennenlernt, erfuhr zu Lebzeiten einen schrecklichen Verlust.
Obwohl der Geist auf Rache sinnt und Kipps keineswegs freundlich gesonnen ist, haben die beiden somit eine Gemeinsamkeit und es entsteht so ein Finale, das gleichermaßen tragisch und erlösend ist.

ANTICHRIST

Es ist wohl eine Sache, seine Großeltern zu Grabe zu tragen, die ihr Leben leben konnten, eine andere, wenn es sich um das eigene Kind handelt, das auch noch durch die eigene Nachlässigkeit in den Tod stürzte.
Während der Verlust im Film selbsterklärend ist, ist es alles weitere nicht und man muss ANTICHRIST schon mit weit offenen Augen sehen, um die Metaphern zu deuten.
Doch selbst wenn das auf einer kognitiven Ebene nicht geschieht, vermittelt das kammerspielartige Stück mit den wie immer an ihre Grenzen gehenden Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe eine tiefe Niedergeschlagenheit.antichrist

WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN

Und wieder muss ein Kind sterben, um dem Zuschauer Trauer nahezubringen. WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN gibt sich zwar etwas zugänglicher als ANTICHRIST, der Film steckt trotzdem voller Allegorien und bietet einiges zum Enddecken.
Rote Regenmäntel, fiese Gnome, blinde Hellseherinnen und das im Meer versinkende Venedig bieten auf jeden Fall stimmungsvolle Bilder, die an der Psyche nagen.wenn die gondeln trauer tragen

LAKE MUNGO

Dies ist ein kleiner und vergleichsweise unbekannter Found Footage – Film, der ansetzt, nachdem die 16jährige bei einem Badeunfall ertrinkt. In der Folge ereignen sich in Alice‘ Elternhaus unheimliche Dinge.
Zugegeben, der Film beschreitet andere Wege, als man erwarten würde und fokussiert sich weniger als manch anderer dieser Liste auf den Trauerprozess, baut diesen aber trotzdem in die Handlung ein und ist aber gleichzeitig intimer als andere Filme.
LAKE MUNGO wird ruhig erzählt, fängt Interviews der Menschen in Alice Umfeld im Doku-Stil ein und lässt aufdringlichen Thrill vermissen, baut aber gleich zweimal eine creepy Atmosphäre auf.lake mungo

DAS WAISENHAUS – THE ORPHANAGE

Waisenhäuser sind an sich selten Grund zur Freude und auch wenn das in diesem Film längst stillgelegt wurde, scheinen die Geister der Vergangenheit noch dort zu sein.
Für Mutter Laura ist aber schlimmer, dass ihr Sohn Simón plötzlich verschwindet.
DAS WAISENHAUS schildert die Zeit vor und nach des Verschwindens und vermischt dabei elegant irdische und übernatürliche Elemente und schafft es ebenso gekonnt die Niedergeschlagenheit und Betrübtheit, die durch ein verschollenes Kind entsteht, mit den traurigen alten Mauern zu vermischen.das_waisenhaus_02

MUSE

Wie DAS WAISENHAUS ist auch MUSE ein Film, der lange offen lässt, ob man eine rationale Erklärung oder Übersinnliches erwarten sollte.
Hierin bittet die Geliebte des Literaturprofessors Samuel Solomon, dass er sie für immer lieben möge…nur um sich dann das Leben zu nehmen.
Ein Jahr später ist Solomon gebrochen. Seine Tätigkeit an der Universität hat er aufgegeben. Doch seit einiger Zeit leidet er nicht nur an der anhaltenden Trauer, sondern auch an Alpträumen, in denen eine Frau brutal ermordet wird. Und genau das geschieht kurz darauf wirklich.
MUSE ist vielleicht nicht Jaume Balaguerós (REC) bester Film, aber wie viele Filme dieser Liste für diejenigen sehenswert, die keinen puren Horrorfilm erwarten.muse review

Bonus: DER RABE

Obwohl mehrfach versucht wurde, Edgar Allan Poes DER RABE zu verfilmen, sollte man beim klassischen Gedicht bleiben.
Hierin erhält der Erzähler zu später Stunde Besuch von einem Raben. Der Mann trauert um seine verstorbene Liebe, er sucht Antworten, was die Zukunft bringen möge, doch der Rabe, der genau ein Wort sprechen kann (Nevermore / Nimmermehr), liefert auf jede Frage nur Antworten, die den Mann noch tiefer in den Niedergang treiben und hoffnungsloser nicht sein könnten.
Edgar Allan Poe gilt als einer der Vorreiter des modernen Horrors und das zu Recht. Es sind aber gerade Werke wie DER RABE, die beweisen, dass in Poes morbiden Erzählungen auch eine schwere Melancholie steckt.The_Raven Der_Rabe

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