Review: ARBORETUM (2020)

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BEWERTUNGEN:
Redaktion: 8.5

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8/10 (1)

Darsteller: Oskar Bökelmann, Niklas Doddo, Anna Jung
Regie: Julian Richberg
Drehbuch: Julian Richberg
Länge: 79 min
Land:
Genre: , ,

Einen Film wie ARBORETUM zu umschreiben, ist gar nicht einfach. Nicht mal eine grobe Kategorisierung lässt sich vornehmen, ohne falsche Versprechen abzugeben.

Fragt man sich aber, ob wir hier einen Horrorfilm sehen, muss die Antwort Nein sein.
Fragt man sich, ob wir einen brutalen Film sehen, ist sie hingegen Ja.

Story:
Erik und Sebastian sind seit der Kindheit Freunde und beide sind Außenseiter, die in einer Kleinstadt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze leben. Langeweile bestimmt ihr Leben und sie fühlen sich weder den Neonazis zugehörig, von denen sie immer wieder drangsaliert werden, noch den jungen Punks, die es dort ebenfalls gibt.
Was aber beide eint, ist eine ordentliche Portion Wut. Anfangs sprechen die beiden nur davon sich zu wehren, sich zu rächen, doch dann beginnt Erik Stimmen zu hören und eine Katastrophe bahnt sich an.arboretum thrillandkill

ARBORETUM versucht viel unter einen Hut zu bringen und hätte damit leicht krachend scheitern können, aber das ist nicht der Fall. Im Gegenteil.
Man sollte natürlich eine grundsätzliche Offenheit für verschiedene Genres mitbringen, doch der Spagat zwischen Drama, Mystery, Psychothriller, Coming Of Age, einer jungen Lovestory und dann doch einzelnen angedeuteten Horrorelementen gelingt erstaunlich mühelos.
Auch wenn Regisseur und Autor Julian Richberg um die Jahrtausendwende, in der ARBORETUM spielt, jünger war als die Protagonisten, fühlt sich der Film so an, als enthielte er autobiografische Anteile und wirkt dadurch erstaunlich organisch.

Nichts für Schubladendenker

Aber ARBORETUM ist auch Richbergs Langfilmdebüt und große Namen finden sich hier nicht. Doch wer weiß, vielleicht hätten prominente Auftritte in einem Film, der nur Antihelden oder sogar Antipathen kennt, nur den geerdeten Stil zerstört, der den Eindruck hat, dass man es mit normalen Jugendlichen zu tun hat.

Wenn deutsche Filme deutsche Geschichte aufarbeiten, sind 2. Weltkrieg und die innerdeutsche Spaltung beliebte Themen.
ARBORETUM ist zwar alles andere als ein trockener Geschichtsunterricht, greift aber in gewisser Weise beide Themen auf. Das rechte Gedankengut ist selbsterklärend und Eriks Vater war Soldat der NVA, der zu DDR-Zeiten auf Flüchtlinge schießen musste.arboretum rezension

Jeder im Film hat sein Päckchen zu tragen, aber Hauptfigur ist eindeutig Erik, dessen Beziehung zu seinem besten Freund sich ändert, als er Elli kennenlernt und gleichzeitig in den Strudel aus Gewalt gerät.
In gewisser Weise erinnert seine Rolle an Oskar aus SO FINSTER DIE NACHT. Der war ebenfalls ein gemobbter Außenseiter mit Rachegedanken, der eine Elli kennenlernte, die sein Leben veränderte. ARBORETUM ist zwar kein Vampirfilm, er enthält aber eine Szene, die (kleiner Spoiler) an einen Werwolf-Film erinnert. Erik wirkt aber auch stellenweise wie ein Donnie Darko, ein Jugendlicher an der Schwelle zum Erwachsenwerden, mit psychischen Problemen und familiärem Zwist, der ebenfalls ein Mädchen kennenlernte (nein, Zeitreisen spielen in ARBORETUM keine Rolle).

arboretum kritik

ARBORETUM bietet Interpretationsmöglichkeiten

ARBORETUM ist eine persönliche Geschichte, die man unterschiedlich deuten kann. Man kann Eriks Zorn für normale Teenager-Wut halten, man kann ihm aufgrund der Stimmen eine psychische Krankheit unterstellen, man kann sich sogar fragen, ob tatsächlich (nochmal Spoiler) ein Werwolf in ihm schlummert.
Doch neben dem persönlichen Anteil ist ARBORETUM auch ein Film über Gruppenzugehörigkeit, Gruppenzwang, das Gefühl nirgendwo hinzugehören und einiges mehr.
Nach Aussage des Pressehefts ist ARBORETUM „ein Film darüber, wie Menschen die im Stich gelassen werden oft keinen anderen Ausweg als die Gewalt finden“.

ARBORETUM wird trotz alledem ein Film bleiben, den manche alleine aufgrund seiner deutschen Herkunft ablehnen, andere werden ein Problem damit haben, dass Denken erlaubt ist und Fragen ganz gezielt offen bleiben. Und natürlich sind bei einem niedrigen sechsstelligen Budget auch keine Hollywoodeffekte zu erwarten. Vielleicht hätte das Bild manchmal kontrastreicher sein können, aber dafür findet man kein unnötiges Kameragewackel, wie man das von kleineren Produktionen oft kennt.
Vor allem: Wer auf Charaktere steht und offen für Neues ist, könnte eine positive Überraschung erleben.

Von unserer Seite eine klare Empfehlung.

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