Under The Knife: Der Fall Lianne Spiderbaby

Was haben diese Personen gemeinsam? Guttenberg, Schavan, Spiderbaby?
Ihnen wird vorgeworfen geistiges Eigentum anderer gestohlen und als ihr eigenes ausgegeben zu haben.

Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan kennt man aus der Tagesschau. Lianne Spiderbaby nur wenn man etwas tiefer in der Materie steckt und sich für Horrorfilme, Exploitation und Grindhouse interessiert.
Lianne betrieb eine eigene Webseite (liannespiderbaby.com), hatte eine Kolumne auf fearnet.com, schrieb für Fangoria, war kurz davor ihr Buch „Grindhouse Girls: Cinema’s Hardest Working Women“ fertigzustellen, spielte in COFFIN BABY (der bei uns in Kürze erscheint)…und ist die Freundin von Quentin Tarantino.

Wir hatten Lianne selbst im Interview und haben sie eigentlich als jemanden kennengelernt, der sich nicht auf dem prominenten Partner ausruht. Daher waren wir einigermaßen überrascht, als letzte Woche die Vorwürfe laut wurden, sie habe Reviews veröffentlicht, die sie mindestens teilweise aus den Texten anderer kopiert haben soll.

Nun ist die Horrorbranche ja eigentlich fast skandalfrei, was daran liegen könnte, dass man von unserem Genre ohnehin erwartet, dass jeder kleine Kinder frisst, trotzdem verbreitete sich die Nachricht um Lianne Spiderbaby, die als Lianne McDougall geboren wurde, rasch… was wohl zu einem Großteil an ihrer Beziehung mit Tarantino liegen könnte. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass selbst die LA Times über die Plagiatsvorwürfe berichtete (von unzähligen Klatsch-Blogs die sonst nur über die Unterwäsche von Paris Hilton schreiben ganz zu schweigen).

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Eins muss an dieser Stelle klar gesagt werden: Wer abschreibt sollte in der Autoren-Hölle schmoren! Egal, ob man mit Schreiben sein Geld verdient oder es nur als Hobby betreibt, es ist Arbeit und da kann es nicht sein, dass sich jemand einfach daran BEdient und VERdient.
Ob Lianne jemals juristische Schritte befürchten muss, ist trotz Beweislage und Quasi-Twitter-Geständnis zwar unklar, dass es in der Branche einen Ehrencodex gibt, der Plagiatoren zumindest ins moralische Abseits befördert, grundsätzlich aber wunderbar.

Und dennoch wundert man sich…
Gilt dieser Codex denn nur für Leute, die ÜBER Horrorfilme schreiben und nicht solche, die selbst Drehbücher verfassen?
Wie viele lustlose Slasher-Filme mussten wir in den letzten Jahrzehnten ertragen, die nicht mehr waren als HALLOWEEN an einem anderen Feiertag? Wie oft fuhren 5 (nicht mehr und nicht weniger) Jugendliche in den Wald und wurden von Mutanten gemeuchelt? Wie viele Zombies wanken dort draußen herum, die sich durch nichts von dem unterscheiden, was uns George Romero schon in den 60ern erzählte?

Klar hat jeder Einflüsse, was man ja auch am Werk von Tarantino selbst immer wieder erkennt, aber es ist doch ein feiner Unterschied ob man gewissen Vorlieben nachgibt oder schon im Vorfeld sagt: „Mein Film soll so werden wie [hier bekannten Titel einsetzen]“
Vielleicht wird man das Rad nicht neu erfinden, aber muss es denn immer wieder der alte Reifen sein, von dem man weiß, dass er seit 1980 Luft verliert?

Man stelle sich vor, jeder diebische Skriptautor würde an den Pranger gestellt wie Lianne Spiderbaby; jeder „Nummer Sicher“-Produzent würde mediale Peitschenhiebe für aufgewärmte, risikofreie Handlungsstränge erhalten; jeder talentfreie Regisseur, der nichts anderes tut, als die Lieblingsszenen seiner Lieblingsfilme möglichst originalgetreu nachzubauen würde auf der Straße bespuckt…die Welt wäre ein besserer Ort.

 

(in der Rubrik „Under the knive“ findet ihr die unzensierten Gedanken unserer Autoren)

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