Vielleicht kennt ihr unser Special über die besten deutschen Horrorfilme und vielleicht habt ihr es kritisch beäugt.
Vielleicht seid ihr Fan des deutschen und deutschsprachigen Films, vielleicht lässt euch die Herkunft aber auch zögern.
Wir mögen jeden dieser Filme, aber wie wir es im Beitrag schon andeuteten, die Beziehung Deutschlands zu seinen Horrorfilmen und -filmern ist oft schwierig und die international geschätzten Werke sind rar.
Da wir eine Aufstellung guter Filme nicht mit kritischen Worten versalzen wollten, gehen wir hier darauf separat ein.
Schaut man sich unsere Liste dieser Filme an, dürfte sich jeder bestätigt fühlen.
Ja, es gibt sie, die deutschen und deutschsprachigen Genre- und Horrorfilme und manche sind wirklich gelungen und einzigartig.
Mehr noch, darüber hinaus ließen sich weitere nennen. Moderne, wie DER SAMURAI oder Klassiker, wie DER GOLEM.
Dass wir für eine einzige Liste aber drei Länder zusammenziehen mussten, dass Murnaus über 100 Jahre alter NOSFERATU im Ausland meist der prominenteste deutsche Film ist und uns teilweise weit von der Grundzutat Horror entfernten, spricht aber ebenfalls für sich.
Die Probleme des deutschen Horrorfilms
Fehlende Schubladen
Denn purer Horror und direkter Schrecken ohne Drama-, Western-, Coming-Of-Age- und Mindfuck-Anteile bleibt in Deutschland die Ausnahme.
Dass der deutsch(sprachig)e Genrefilm sich aber eben nicht nur über ein Genre, sondern einen Genremix definiert, wäre nicht schlimm und echten Filmfans kommt das oft genug sogar entgegen. Für die breite Masse ist das aber nur schwer zu vermarkten, wenn ein wilder Streifen wie etwa SCHNEEFLÖCKCHEN trotz einer Vielzahl von guten Ideen in keine einzelne Schublade passen will.
Ideenlosigkeit von unten
Klarer geht es meist im Untergrund zu (siehe hierzu auch unsere Rubrik „Undergrounder„). Dieser hat natürlich ebenfalls seine Daseinsberechtigung, tut sich mit frischen Ideen und guten Geschichten (die keinen Cent extra kosten würden) aber oft schwer und nein, Kastrationsszenen (GELOSIA, HIGH 8, STURMGEWEHR,…) sind wirklich schon lange nicht mehr originell.
Die deutsche Darstellerin Annika Strauss antwortete auf die Frage, warum sie denn von der Schauspielerin kleiner Horrorproduktionen zur Roman-Autorin wurde, sinngemäß, dass die Geschichten, die sie vor der Kamera umsetzen sollte, meist schlecht waren und sie es daher lieber selbst macht.
Sie muss es wissen, sie war in SEED 2 und NO REASON.
Dazu kommt eine Selbstüberschätzung einzelner „Stars“, die garantiert nicht für die Szene stehen, aber – wie das immer so ist – stellvertretend für alle wahrgenommen werden. So wie der deutsche Tourist, der im Ausland weiße Socken in Sandalen trägt, sich beim Buffet vordrängelt, auf landestypische (also deutsche) Kost beharrt und Abends in den Hotelpool kotzt. Er mag einer von 100 sein, färbt dann aber leider auf alle Touristen des Landes ab.
Laien-Darstellerinnen, die in den USA nur mit Sonnenbrille auf die Straße gehen, weil sie denken, man würde sie sonst erkennen oder Möchtegern-Promis, die sich bei einem kleinen Dreh so sehr danebenbenehmen, dass sie hinterher nicht mehr zur Filmpremiere gehen können, mögen die Ausnahme sein, fallen in einer kleinen Szene aber unangenehm auf.
Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass Laienfilme von Amateuren gedreht werden, was zu einer positiven Naivität, aber auch schon deswegen fehlender Kompetenz führt, weil viele Drehs nur unter Aufwendung von viel Freizeit, eigenen Mitteln und fehlender Ausbildung stattfinden.
Das Vertrauen fehlt
Beschließt dennoch ein junger Filmemacher den professionellen Weg zu gehen und das Handwerk zu erlernen, besteht die nächste Hürde nicht nur in der Ausbildung selbst.
Denn dass der deutsche Horrorfilm bzw. der Horrorfilm insgesamt in der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung ein Schmuddel-Image trägt, wurde in der Vergangenheit auch von verschiedenen Filmhochschul-Studenten bestätigt.
Dafür belächelt zu werden, seine solide Ausbildung zu nutzen, um anderen Angst zu machen, klingt zugegebenermaßen absurd. Aber immerhin existieren auch Betreiber von Achter- oder Geisterbahnen und die Absicht jemanden zu gruseln, der gerne gegruselt werden will ist nicht unehrenhafter als noch ein Drama der NS-Zeit oder eine Komödie über Mantas vom Band zu lassen.
Vermutlich fehlen den Vorurteil-belasteten Frevlern aber auch die positiven Beispiele aus dem eigenen Land, was zu einem Teufelskreis führt. Dass auch aktuelle Horrorfilme näher in die Ecke von Bahnhofskino und Pornos geschoben werden, als es in Summe gerechtfertigt ist, mag unfair sein, es ist aber auch erklärbar.
Denn wenn Zweifler beim Wort Horrorfilm nicht nur an die separierten Abschnitte in Videotheken zurückdenken, wo DIE SPERMA-SPRITZ-PARADE, GESICHTER DES TODES und FREITAG, DER 13. in unmittelbarer Nachbarschaft standen, sondern den ein oder anderen Horrorfilm mit dünnen Dialogen und dicken Brüsten konsumiert haben, steigt nicht gerade das Vertrauen, dass der Schüler der nächste Hitchcock werden könnte.

Planlose Filmförderung
Dass eine staatliche Filmförderung gelinde gesagt zurückhaltend ist, wenn es um die Freigabe von Geldern geht, ist teils bitter, manchmal aber auch nachvollziehbar.
Bemerkenswerterweise sind es vor allem der Typus alter weißer Mann mit Camp David Shirt aber ohne Talent, die vor einer Handvoll Anhänger auf Facebook anprangern, dass alleine Til Schweiger das Geld abgreift, das ihnen vermeintlich zusteht.
Dass Schweiger selbst zu diesem Typus gehört, mit seinen seichten Komödchen aber kommerziell erfolgreich ist, ist nicht nur bedauerlich, sondern belegt natürlich auch, dass die Förderung das pusht, was sich verkaufen lässt.
Die Frage, ob man als staatliches Organ nicht eher Qualität statt kommerziellem Erfolg fördern sollte, muss schon erlaubt sein.
Ebenfalls nicht uninteressant: 2023 gab Deutschland aus den Töpfen von Bund und Ländern stattliche 330 Mio € für Filmförderung aus, Österreich „nur“ 87 Mio.
Pro Kopf der Bevölkerung liegt Österreich damit aber um den Faktor 2,5 vorne.
Was man aber auch sagen muss, nach unseren Recherchen haben 16 der 25 Filme unserer Liste öffentliche Zuschüsse erhalten und die Filme aus der Zeit der Weimarer Republik muss man dabei zusätzlich abziehen, da es das System einer Filmförderung in den 1920er und 1930er Jahren schlicht noch nicht gab.
Länderübergreifend sind das somit über 70 %.
Verpasste Chancen und Anbiederung an den US-Markt
Und manchmal wundert man sich auch, wer ein paar Euro zugesteckt bekam, wie zum Beispiel der uninteressante DIE PRÄSENZ, der auf den Found Footage – Zug aufspringen wollte, als dieser schon wieder bremste.
Übrigens wäre gerade der Found Footage Film mit seinen meist niedrigen Budgets eine gute Chance für kleine Filmemacher gewesen…wenn man sie denn im richtigen Moment ergriffen hätte.
Ähnliches ließ sich in der Slasherwelle der 90er beobachten.
Die war bekanntlich durch SCREAM ausgelöst worden, aber quasi schon wieder vorbei als vier Jahre später ANATOMIE erschien. Immerhin, dieser wurde ebenfalls öffentlich gefördert und war kommerziell trotz Verspätung erfolgreich. Und er hob seinen Schauplatz Heidelberg hervor, wohingegen sich viele Filme dem US-Markt anbiedern. Sei es im gesamten Stil oder auch nur dadurch, dass offensichtlich in Deutschland gedreht wurde, aber alle Figuren englische Namen tragen.
Man kann von der Band halten, was man möchte, aber Rammstein wurden im Ausland keine große Nummer, weil sie gutes Englisch sprechen, sondern weil alles an ihnen deutsch wirkt. Und gleichzeitig wollen uns deutsche Filmemacher Figuren namens Steve, Jack, Ashley und Brittany verkaufen, die durch den Odenwald wandern und ihre hessischen Spezialitäten mit Dollar bezahlen.
Die Auswanderer
Aber natürlich endet das Schielen über den großen Teich nicht bei ein paar Vornamen und wer will es Regisseuren wie Christian Alvart, Robert Schwentke, Marcel Walz oder Uwe Boll verdenken, dass sie ihre Filme gerne in Hollywood drehen. Einige kehrten nach Auslandserfahrungen zurück, bei anderen ist der cineastische Verlust zu verkraften.
Das Problem Abwanderung begann jedoch deutlich früher und während NOSFERATU-Regisseur F.W. Murnau bereits 1926 aus freien Stücken nach Kalifornien ging, verließen zwischen 1500 und 2000 Filmschaffende nach Hitlers Machtübernahme ab 1933 Deutschland. Teils, weil sie mit einem Berufsverbot belegt wurden; teils, weil sie um ihr Leben fürchten mussten. Darunter befanden sich prominente Namen wie Fritz Lang (M, METROPOLIS) und Billy Wilder (SUNSET BOULEVARD), die den deutschen Film bis dahin geprägt hatten oder wie Wilder später große Erfolge feiern sollten.
Ein strukturelles Problem aus vielen Gründen
Alles in Allem hat der deutsche Horrorfilm also keine Krise, sondern eher ein strukturelles Dauerproblem für das es nicht den einen Schuldigen gibt.
Gleichzeitig wundert man sich, wie bei all der deutschen Kaufkraft und Liebe zum Geldverdienen (Deutschland ist fünftgrößter Film- und TV-Markt weltweit) übersehen wird, wie günstig sich Horrorfilme produzieren und gewinnbringend vermarkten lassen, was uns nicht nur auf verpasste Chancen zur Found Footage-Welle zurückbringt, sondern auch die Frage aufwirft, wieso es hierzulande niemanden wie Jason Blum gibt, den man für allzu einfache Inhalte kritisieren kann, der das Geschäft aber eindeutig verstanden hat.
Trotzdem, bzw. gerade deswegen freuen wir uns immer wieder, wenn wir deutsche (Horror-)Filme antreffen, die bei sich bleiben, vielleicht einen Tick kleiner ausfallen, aber etwas zu erzählen haben, mit Hingabe und nicht nur bloßem Kalkül gedreht wurden…und im besten Fall auch noch ein paar Filmleichen hinterlassen.
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