Interview mit Jack Ketchum

Es gibt Interviews und es gibt wahre Herzensangelegenheiten.
Da EVIL mich (und viele andere) mehr schockiert hat als viele anderen Bücher oder Filme, gehört Jack Ketchum in die zweite Kategorie. Umso mehr freuen wir uns, dass uns Ketchum einen kleinen Einblick in seine Welt gab.
Wer ist der Mann, der in seinen Büchern so direkt ist, wie kaum ein Zweiter und sogar von Stephen King als „furcheinflößendster Kerl Amerikas“ bezeichnet wird?

Mick: Dein erster Roman wurde 1980 in den USA veröffentlicht (OFF SEASON), aber dein erstes übersetztes Buch kam erst 2006 nach Deutschland (EVIL). Warum erst so spät?
Jack Ketchum: Es war nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Mein Agent für Europa hat seit Jahren versucht diese Märkte zu knacken, ohne Erfolg. Denk daran, dass ich damals in den 80ern hier konstant Bücher verkauft habe, aber die Auflagen waren sehr klein. Nur 40.000 Kopien oder so und das verteilt über 50 Staten. Also war ich auch hier nicht allzu bekannt.
Und dann kommt Stephen King, der danach fragt das Vorwort für EVIL schreiben zu dürfen, mich zu den National Book Awards einlädt und mich in zwei Ausgaben von Entertainment Weekly erwähnt. Auf einmal fragen sich die Leute weltweit, wer der Typ ist, den King so sehr mag; den er den „furchteinflößendsten Kerl in Amerika“ nennt.

Mick: EVIL war schwer zu ertragen und sehr verstörend. Viele Autoren, sogar im Horrorgenre, scheinen Angst davor zu haben ihre Helden zu töten.
War es hart für dich, ein nettes Mädchen wie Meg auf die Art zu verletzen, wie es passiert ist?
JK: Ich hatte keine Wahl. Die Ereignisse von EVIL basieren auf einem echten Fall, dem Mord an der 16jährigen Sylvia Likens im Jahre 1965. Hätte ich meinem Charakter erlaubt zu überleben, hätte das das echte Mädchen entehrt. Das wollte ich nicht tun. Aber ja, es war so schwer zu schreiben, wie es zu lesen war.

Mick: EVIL erschien in Deutschland mit dem besagten Vorwort von Stephen King, also erwarteten viele Leute eine vergleichbare Geschichte zu dem, was er normalerweise schreibt, was aber natürlich nicht der Fall war. Während seine Bücher für gewöhnlich Vampire, Werwölfe und Geister enthalten, verlässt  du dich auf die menschlichen „Monster“, hast aber einige übernatürliche Elemente in Kurzgeschichten verwendet. Wird es jemals ein Buch von Jack Ketchum voller Zombies und Dämonen geben?

JK: Sag niemals nie, aber ich bezweifle es. Mein einziger übernatürlicher Roman ist SHE WAKES (noch nicht in Deutschland erschienen – Anm. d. Verf.), ein böser Liebesbrief an Griechenland. Menschen ängstigen mich mehr als Ghouls und Geister.
Mick: Eine Sache, die du in Büchern wie BLUTROT, THE LOST oder EVIL besonders gut machst, ist, die die Entwicklung von Gewalt zu zeigen. Ist das etwas was dir in heutigen Torture Porns fehlt, wo jede Menge Gore und Splatter untergebracht ist, aber ein realistischer Hintergrund fehlt.

JK: Danke. Ich versuche meine Geschichten realistisch zu halten und nutze Gewalt und damit etwas auszusagen. Aber ich denke, dass einige – wenn auch sicher nicht alle – Torture Porn – Filme recht gut sind. Wenn ihr echten Torture Porn sehen wollt, geht ins Internet, obwohl auch hier das meiste einvernehmlich geschieht. Ich hasse einfache Zuordnungen. Das sind nur Horrorfilme, Leute. Nicht viel anders wie FREITAG, DER 13., wenn man unter die zugegebenermaßen schmutzige Oberfläche blickt.

Mick: Lass uns über THE WOMAN sprechen.
Das erste was ich über den Film hörte, war dass auf dem Sundance Film Festival Leute ausgetickt sind. Bist du so etwas gewohnt und nimmst es als kostenlose Werbung oder hast du je überlegt, ob du damit zu weit gegangen bist.

JK: HA! Dass der Typ sich 5 Minuten lang ausgelassen hat, brachte uns die Art von Publicity, die man für Geld nicht kaufen kann. Und nein, ich denke überhaupt nicht, dass wir zu weit gingen. Ich denke dieser Film, sagt vieles über Beziehungen aus: Mann zu Frau, Frau zu Frau, die Familie. Es will offensiv sein, damit man sich einige unbequeme Zusammenhänge ansieht. Wenn es das nicht wäre, hätten Lucky McKee und ich unsere Arbeit nicht erledigt.
Dass der Film für manche Leute verstörend ist, ist das, was er sein soll.

Mick: THE WOMAN scheint ein typsches Jack Ketchum – Buch zu sein, aber anders als BEUTEZEIT / BEUTEGIER. Wieso hast du den Kurs geändert, den du in den früheren Romanen eingeschlagen hast?
JK: Zwei Wörter: Pollyanna McIntosh. Andrew [van den Houten] – der Produzent und Regisseur von BEUTEGIER, Lucky und ich haben uns ihre Performance in dem Film angesehen und sagten uns, dass diese Dame einen eigenen Film verdient. Sie ist großartig. Also haben wir uns hingesetzt und einen für sie geschrieben, einen der ihr einen größeren Spielraum als in BEUTEGIER gibt. Die Idee des Jägers, der zum Gefangenen wird, schien einfach natürlich und als wir damit fortfuhren das Buch und den Film zu plannen, wuchs die Familie mit der sie zusammenstößt immer weiter, bis die so dreidimensional wurde, wie sie jetzt ist.

Mick: Einige deiner Geschichten basieren auf wahren Ereignissen, andere könnten zumindest leicht wahr sein. Wie viel Wahrheit ist in BEUTEZEIT/BEUTEGIER/THE WOMAN?
JK: Sehr wenig. BEUTEZEIT war eine Update der alten Sawney Beane – Story, über drei Generationen von Kannibalen an der Küste Schottlands im 16. Jahrhundert. Einige Charaktere beruhen lose auf Menschen, die ich kenne, hineingedrückt in diese obskuren Situationen. Das ist aber auch alles.

Mick: Du und Lucky McKee habt das Drehbuch und den Roman Roman zu THE WOMAN zusammen geschrieben. Wie beeinflusst es dich mit einem Partner zu schreiben.
JK: Es machte viel Spaß. Lucky und ich sind ziemlich dicht beieinander, sowohl was die Art des Horrors angeht, den wir mögen, als auch was unsere thematischen Anliegen betrifft.

Mick: Kannst du uns etwas über dein nächstes Projekt erzählen? Ich hoffe du hast nicht vor in absehbarer Zeit in Rente zu gehen!?
JK: Ich kann derzeit noch nicht viel sagen, aber Lucky und ich haben ein neues Projekt begonnen. Ein ganz anderes Projekt als THE WOMAN.

Mick: Letzte Frage: Was ist dein Lieblingshorrorfilm und/oder -buch?
JK: Das ist schwer. Vermutlich, der Film, der mich am meisten beeinflusst hat, vor allem am Anfang, war TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Ich hab mir dabei in die Hosen gemacht. Aber ich kann nicht einmal damit anfangen ein Buch zu nennen. Es gibt zu viele und ich liebe dieses Buch für einen Grund und ein anderes für einen anderen. Ich habe mir Ideen und Stil von dutzenden Büchern geliehen.

Mick: Danke, dass du dir die Zeit für das Interview mit uns genommen hast. Mach weiter so!
JK: Danke euch.

If you prefer reading this interview in English, just follow this link.

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