Special: Der ganz normale Horror – Ein Tag bei Infernal Films

Es ist Samstagmorgen, noch viel zu früh, und ich bin auf dem Weg zu einem Fotoshooting bei Infernal Films in der Nähe von Mainz. Nach einem Interview mit Lars Rohnstock wurden wir eingeladen dem Infernal Team über die Schulter zu schauen und wollten uns die Chance nicht entgehen lassen.
Da ich kurzfristig den Termin übernahm, muss ich gestehen, dass ich denkbar unvorbereitet im Auto sitze und mir überlege, was mich wohl erwartet. Ich kenne weder die Leute noch die Filme von Infernal und kann aufgrund des besagten Interviews nur grob erahnen wie das Shooting abläuft.

Die erste Überraschung erwartet mich, als mich das Navi in eine nette Wohngegend lotst und ich vor einem sympathischen Einfamilienhaus mit Garten zum Halten komme.
Kein versiffter Hinterhof, keine kalte Industriehalle, aber das Klingelschild bestätigt, dass ich hier richtig bin.
Noch bevor ich läuten kann, wird mir geöffnet und ich werde nett begrüßt. Auf der sonnigen Terrasse sitzen bereits das heutige Modell Tanja, deren Freund und ein Kollege von Splatgore und machen sich übers Frühstück her.
Wie ich lernen werde, werden Darsteller und Modells von Infernal in der Regel nicht bezahlt, dafür wird das Wort Catering groß geschrieben, denn man möchte nicht, dass die Leute unzufrieden nach Hause gehen. So ist es nicht verwunderlich, dass ich den ganzen Tag über immer wieder gefragt werde, ob ich gut versorgt bin.

Wohnt hier das Grauen?

Nachdem auch das vierköpfige Infernal-Team komplett anwesend ist und sich jeder mit jedem bekannt gemacht hat, wird beim lässigen Plausch klar, dass man es hier mit Liebhabern zu tun hat. Egal welche Rolle heute übernommen wird: alle Anwesenden lieben Horror, verfügen über riesige Sammlungen und kennen so ziemlich alles was je veröffentlicht wurde. Über frühe Jack Arnold – Filme wird ebenso gesprochen wie über die neuen kontroversen Filme a la MARTYRS und A SERBIAN FILM und natürlich den deutschen Untergrund.

Als Lars Rohnstock gegen 11 Uhr die Kamera aus dem Koffer holt und zum Angriff bläst, ist die Stimmung locker, das Thermometer hingegen steigt bereits ebenso locker über die 30°-Marke. Glück für Tanja, die sich nun aufziehen darf und sich für die nächste Stunde auf den Esszimmertisch legt, wo sie von den Infernal-Jungs geschminkt wird. Neben diversen Utensilien, die kistenweise aufgefahren werden, drängen sich sieben Herren in den kleinen Raum. Fast könnte man denken, dass man einer OP beiwohnt, doch wird die auf dem Tisch liegende nicht gerettet, sondern erhält neben vielen kleineren Verletzungen am ganzen Körper einen tiefen Schnitt in der Kehle…natürlich nur per Makeup.

Phase 1

Phase 2

Phase 3…das Endprodukt

Schaut man sich im Raum um, wirkt das sich bietende Szenario ebenso absurd wie komisch. Da liegen abgetrennte Gummikörperteile vor wenig grusligen Aquarellen und Charlotte Rohnstock, die Mutter von Lars und Marc wuselt immer wieder durch die Räumlichkeiten und fragt ob noch jemand Kaffee möchte, während sich Kunstblut auf dem Esszimmertisch verteilt.

Ein normales Wohnzimmer…

Lars aka „Das Gesetz“ (2.v.l.)

Obwohl Marc in einigen der INFERNAL FILMS – Produktionen als Regisseur auftrat, ist es Lars, der heute die Fäden (und den Fotoapparat) in der Hand hält. Auf zwei dicht beschriebenen DIN A4 – Seiten hat er die 5 geplanten Foto-Szenarien akribisch beschrieben und gibt immer wieder Anweisungen wie er sich gewisse Dinge vorstellt. Es ist festzuhalten, dass die scherzhafte Aussage „Lars ist das Gesetz“ einer anonymen Person durchaus auch einen wahren Kern enthält.

Das Script

Sicher ist es nicht für jede Frau ganz einfach, sich fast völlig nackt von insgesamt 7 Männern schminken und fotografieren zu lassen, aber Tanja lässt die Tortur ohne Murren über sich ergehen, während die Herren professionell zu Werke gehen.
Es bleibt aber auch genügend Zeit für mich einiges über das Entstehen von Makeup-Effects zu erfahren und festzustellen, dass vieles von dem, was in natura noch recht banal oder künstlich wirkt auf dem Foto erstaunlich echt rüberkommt.
Über einer Stunde Schminkerei stehen keine 10 Minuten Shooting gegenüber. Dennoch ist mit dem Ergebnis jeder zufrieden und nach einer schnellen Dusche darf das Modell abermals auf dem Tisch Platz nehmen um sich auf die zweite Einstellung vorzubereiten in der ihr ein Totenkopf aus dem Bauch wachsen wird.

Das braucht wieder einige Zeit und ich nutze die Gelegenheit um ein paar der Drehorte von GRAVEYARD OF THE LIVING DEAD kennenzulernen oder zu erfahren, dass das Budget von NECRONOS bei etwa 10.000 € lag. Natürlich steht Steven Spielberg für diesen Betrag morgens nicht mal aus dem Bett, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir es hier mit Indie-Filmern zu tun haben, die normalen Jobs nachgehen. Überhaupt stellen wir an diesem Tag fest, dass die Anwesenden zwar vielleicht schon mal Probleme mit der Zensur, dem Jugendschutz und der FSK hatten, aber ansonsten keineswegs hauptberufliche Kindermörder oder Frauenschänder sind, sondern in der Personalverwaltung arbeiten oder als Buchhalter und Bauingenieur tätig sind.

Ihre Kenntnisse über Effekte, Maskenbildnerei und Filmedrehen haben sich die Infernal-Guys in weiten Teilen autodidaktisch angeeignet, zeigen aber bei allem Spaß an der Sache eine große Detailverliebtheit.
Nachdem auch die nächsten Aufnahmen im Kasten sind muss ich mich leider schon verabschieden.
Tanja beneide ich wirklich nicht, denn sie muss (nach der zweiten Dusche und bereits mehreren Stunden Arbeit) sich noch drei weitere Male „verwandeln“ lassen.
Ich hätte gerne noch die Entstehung verfolgt, verpasse dies aber ebenso wie das abschließende gemeinsame Grillen.

Dafür verlasse ich das Set mit vielen neuen Eindrücken. Obwohl sich mit Infernal Films sicher keine Millionen scheffeln lassen, wird mit viel Enthusiasmus gearbeitet und mangelndes Budget mit Liebe, (Herz-)Blut und Kreativität ausgeglichen.
Mit der Erkenntnis, dass der deutsche Untergrund auf Seiten der Filmemacher und Fans, aber auch im Pressebereich quicklebendig ist, fahre ich beruhigt nach Hause.

 

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