Review: THE NIGHTINGALE – SCHREI NACH RACHE (2019)

nightingale kritik
BEWERTUNGEN:
Redaktion: 7.5

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Darsteller: Aisling Franciosi, Michael Sheasby, Addison Christie
Regie: Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Land:
Genre: , ,
Veröffentlichung: 25. Juni 2020 (Heimkino)
Verleih/ Vertrieb: Koch Media
FSK: ab 18

 

Es ist wohl nicht übertrieben, Jennifer Kents DER BABADOOK als einen der am meisten und kontroversesten diskutierten Filme der letzten 10 Jahre zu bezeichnen.
Die einen sahen darin nur ein nerviges Kind, die anderen ein dunkles Drama über Trauer und Verlust und zusammen mit THE WITCH, HEREDITARY und ein paar anderen löste er eine wohltuende Welle des kunstvollen Horrors aus.
THE NIGHTINGALE ist der zweite Langfilm der Australierin und während dieses Werk komplett anders gelagert ist, verbietet es sich trotz grausiger Elemente erneut von einem klassischen Horrorfilm zu sprechen.
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Story:
Tasmanien, 1825.
Irische Strafgefangene leiden unter den englischen Besatzern. Die junge Mutter Clare verrichtet ihren Dienst auf der australischen Insel und hofft zusammen mit Ehemann Aiden und ihrem Baby auf baldige Freiheit. Doch der verantwortliche englische Offizier hält sie immer wieder hin und als die Lage eskaliert, sinnt sie auf Rache.
Zusammen mit dem jungen Aborigine Billy nimmt sie die Verfolgung der Männer auf, die ihrer Familie Schreckliches antaten.

Ein Geschichtskurs hilft

Bevor man sich THE NIGHTINGALE zu Gemüte führt, kann es helfen, einen geschichtlichen Exkurs zu unternehmen:
Tasmanien wurde erst 1803 von den Engländern und mit vielen Strafgefangenen aus der alten Welt besiedelt. Da zu diesem Zeitpunkt auch Irland noch nicht unabhängig und Großbritannien zugehörig war, wurden zahlreiche Iren gegen ihren Willen nach „Down Under“ verschifft.
1825 lebten gerade einmal 13.000 Menschen auf Tasmanien, das ungefähr die Größe Bayerns hat.
Schwerer als die Gefangenen hatten es wohl nur die Aborigines, die von den Kolonialherren „vergewaltigt und auf andere Weise gefoltert, kastriert, versklavt, verstümmelt, bei lebendigem Leibe verbrannt, vergiftet oder anderweitig getötet“ wurden (Zitat: wikipedia) nightingale rezension

Tasmanien ist wahrlich kein Ort, an dem viele Filme spielen und am ehesten vergleichbar ist VAN DIEMEN’S LAND, der im Jahr 1822 spielt und ebenfalls Gefangene in die raue Natur schickte.
Jennifer Kents Film geht allerdings einen ganzen Schritt weiter und zeigt viele unschöne Details des Zusammenlebens von Engländern, Sträflingen und Eingeborenen.

Das ist in punkto grafischer Gewalt deutlich drastischer als DER BABADOOK, der natürlich andere Schwerpunkte hatte. So ist THE NIGHTINGALE irgendwo zwischen historischem Rape & Revenge – Film und brutalem Abenteuerdrama einzuordnen.
Auch wenn es Kent offenbar nicht darum geht, Gewalt ihrer selbst Willen zu zelebrieren, verdeutlicht der Film mit zahlreichen Beispielen die brutale Willkür und Arroganz der Machthabenden.
Das funktioniert so gut, dass man die Anführer der Widersacher in ähnlichem Maße verachtenswert findet, wie z.B. Guy Pearce in BRIMSTONE.

Bösewichte, die man wirklich hasst

Jennifer Kent ist nicht nur Australierin, die sich augenscheinlich mit der eigenen Geschichte beschäftigt hat, der Film wirkt auch größtenteils authentisch.
Problematisch ist hingegen, wie oft Clare und Billy in den dschungelartigen Wäldern anderen Menschen begegnen, denn da ist im dünn besiedelten Tasmanien deutlich mehr los im Gebüsch, als in manchem deutschen Stadtwald.
Man merkt dem Film aber an, dass er vieles komprimiert und trotz einer stattlichen Laufzeit von ca. 135 Minuten noch mehr zu zeigen gehabt hätte und (vermutlich) einige Szenen einfach gekürzt wurden, um unter der Dreistundenmarke zu bleiben.
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Achtung: kleine Spoiler
So versinkt in einem Augenblick Clares Pferd halb im Sumpf, im nächsten Moment führt sie es munter durch den Wald und niemand weiß, was dazwischen geschah. In einer anderen Sequenz werden einige Aborigines eingeführt, die selbst einen guten Grund zur Rache hätten, darauf aber offenbar verzichten und Ruck Zuck wieder von der Bildfläche verschwinden.
Spoilerende

Vielleicht hätte man diese losen Enden besser zu Ende gesponnen. In einigen Sequenzen wirkt der Film, als hätte die Regisseurin den ursprünglichen Fokus etwas verloren.
Die zahlreichen Gesangseinlagen in englisch, gälisch und der Sprache der Aborigines sorgen auch mehr für Längen, als für Sinn.

Insgesamt ist THE NIGHTINGALE aber dennoch ein gut erzählter Film, der Einblicke in eine in Europa eher unbekannte Historie gibt, ohne mit der Moralkeule zu schwingen, das immer aktuelle Thema Rassismus aufgreift, auch Freunde derberer Momente bedient und dabei straighter und weniger intellektuell erscheint, als DER BABADOOK.

 

The Nightingale (2018) on IMDb

 

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