Review: THE WOMAN (2011)

BEWERTUNGEN:
Redaktion: 9.0

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8.9/10 (27)

Darsteller: Pollyanna McIntosh, Brandon Gerald Fuller, Lauren Ashley Carter, Angela Bettis
Regie: Lucky McKee
Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee
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Wenn ein Film tumultartige Szenen auf dem Sundance Film Festival auslöst und dieser Film dann auch noch von Jack Ketchum (EVIL, RED) und Lucky McKee (MAY, THE WOODS) stammt, tut man gut daran neugierig zu werden.
Uns hat die Neugier aufs Fantasy Film Fest getrieben, wo – das sei verraten – niemand ausgerastet ist.

Allerdings wird vor Ort bereits im Vorfeld die schauspielerische Leistung Pollyanna McIntoshs gelobt, die schon im Vorgänger BEUTEZEIT ein Mitglied eines wilden Kannibalenclans spielte und in diesem noch recht gewöhnlichen Film positiv hervorstach.
Dieselbe Person spielt sie auch in THE WOMAN, wird dort allerdings von Kleinstadtanwalt Chris Cleek eingefangen und in dessen Keller festgehalten. Der Familienvater möchte sie erziehen, sie zivilisieren.
Dass dies nicht einfach ist, erfährt er schnell als ihm die Frau einen Finger abbeißt, doch Chris greift zu drastischen Methoden, um sie gefügig zu machen. Eine Körperwäsche mit dem Hochdruckreiniger gehört dabei noch zu den harmlosen Ideen.
Wer zivilisiert ist und wer nicht, ist kaum zu unterscheiden.the woman horrorfilme

Ja, THE WOMAN enthält Gewalt und Folter, aber wir bekommen es hier nicht mit einem tumben Torture-Filmchen zu tun, denn mindestens ebenso interessant ist das Familienleben der scheinbar biederen Cleeks. Vieles in dieser Familie liegt im Argen, wirkt unausgesprochen und manches wird auch dem Zuschauer gegenüber nur angedeutet.
Chris ist ein Patriarch, wie er im Buche steht und ein Mensch mit dem man nicht gerne in einem Raum ist. Schauspieler Sean Bridgers schafft es in wenigen Minuten seine Rolle unsympathisch wirken zu lassen, ohne dies durch besondere Taten belegen zu müssen und füllt die Figur ebenso mit Leben, wie Angela Bettis die Chris‘ eingeschüchterte Frau Belle spielt. Ihr gefällt nicht, was ihr Mann mit der Frau anstellt, aber sie ist zu schwach sich zu wehren.

Teenagertochter Peggy empfindet ähnlich, doch wie wir im Laufe des Films erfahren, hat sie noch andere Probleme. Die jüngere Tochter ist zu klein um zu begreifen und begegnet der fremden angeketteten Frau freundlich und unvoreingenommen und ist damit das Gegenteil ihres Bruders Brian, ein hinterhältiger Typ, der eigene Pläne mit der Gefangenen hat.
Wirklich jeder der Darsteller spielt überdurchschnittlich und Pollyanna McIntosh schafft es die Wilde, die nur einer eigenen Sprache mächtig ist, glaubwürdig zu verkörpern.The Woman

Mit „THE WOMAN“ ist wohl die angekettete Frau im Keller gemeint, aber im Grunde trifft der Titel auf jede weibliche Person im Film zu. Es geht um die Rollen dieser Frauen in ihrem jeweiligen Leben bzw. das Verhältnis zwischen Mann und Frau und es wird ein Ungleichgewicht thematisiert, wie man es von (zudem männlichen) Horrorfreaks wie Ketchum und McKee vielleicht nicht erwarten würde.
Dass Chris ausgerechnet seinen Ringfinger, samt Ehering, verliert, ist jedenfalls kaum als Zufall zu sehen.
Kritiker ließen verlauten, dass es sich mit THE WOMAN um ein frauenverachtendes Werk handeln würde. Ein lächerlicher Vorwurf, denn verachtenswert sind hier höchstens die Männer gezeichnet.

Nach viel psychologischer Gewalt und dem Aufbau einer Atmosphäre, die Unwohlsein entfacht, werden Freunde deutlicher Bilder gegen Ende des Films bedient. Dann opfern die Macher auch bereitwillig eine Portion Logik zugunsten eines ordentlichen Blutbades.
Dass dies kommen würde, war eigentlich von Anfang an klar und wird auch letztlich herbeigesehnt, trotzdem erwartet uns eine kleine Überraschung.

Während das Setup natürlich an EVIL erinnert, funkeln in THE WOMAN unerwarteterweise immer wieder Spuren von schwarzem Humor durch, der auf den ersten Blick nicht so recht zum harten Stoff passen will, sich aber ebenso in den Film einfügt wie der aus Alternative und College-Rock bestehende Soundtrack.
Wenn z.B. Chris anfangs die im Fluss watende, schmutzige Kannibalin beobachtet und dabei ein Rock-Song läuft, wie man ihn sonst nur in Teenie-Streifen sieht, wenn die High School – Schönheit den Flur entlang stolziert, mag dies verwirren. Beim genaueren Hinhören sind die Tracks aber musikalisch und textlich wohlplatziert.

Allzu oberflächlich sollte man an THE WOMAN nicht herangehen, sonst mag sich Langeweile einstellen; allzu streng sollte man es mit Realitätsnähe aber auch nicht nehmen. Dafür deckt der Film das breite Spektrum dazwischen ab.

Gelungener Horror der ungewöhnlichen Art.

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