DER GOLDENE HANDSCHUH (2018) | Filmkritik

der goldene handschuh - Offizielles Filmplakat
BEWERTUNGEN:
Redaktion: 9.0

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7.2/10 (18)

Darsteller: Jonas Dassler, Margarete Tiesel, Katja Studt
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Länge: 105 min
Land:
Genre: , , ,
Veröffentlichung: 22. August 2019 (Heimkino)
Verleih/ Vertrieb: Warner
FSK: ab 18

Vermutlich hatte jeder schon einmal einen hässlichen Morgen danach.
Der Kopf dröhnt als hätte darin jemand ein Schlagzeug aufgebaut, im Mund der Geschmack von Wurstwasser aus dem Vorjahr, jede Bewegung erzeugt Schwindel und die Erinnerung an das was du da letzte Nacht gesoffen hast, führt zum sofortigen Erbrechen.

Addiere dazu den süß-warmen Geruch eines frischen Hundehaufens, der unter deinem Schuh klebt und du bist in der Welt von DER GOLDENE HANDSCHUH angelangt, einem Film, der so versoffen schmutzig ist, dass man sich danach in Wasserstoffperoxid baden möchte.

der goldene handschuh - Fritz Honka empfängt seine Opfer mit Korn und Würstchen

Die Handlung von DER GOLDENE HANDSCHUH

Dies ist die Welt von Fritz Honka, einem Säufer und Mörder, der in den 70er Jahren mehrere Frauen in seiner heruntergekommenen Wohnung in Hamburg tötete.
Der goldene Handschuh“ ist seine Stammkneipe, wobei der Name deutlich edler klingt, als die schäbige, verrauchte Kaschemme ist.
Dort betrinkt sich Honka mit billigem Fusel und versucht Frauen für unverbindlichen Sex aufzureißen. Die wenigen jungen und hübschen, die sich hierher verirren, lassen ihn abblitzen und die, die er kriegen kann, sind Wracks wie er selbst.

Alkohol, Wut und Impotenz (fraglich ist, was davon was bedingt), führen immer wieder zu brutalen Ausbrüchen. Diese werden von Regisseur Fatih Akin (GEGEN DIE WAND) schonungslos eingefangen, ohne aber daraus eine übertriebene Gore-Platte zu machen.
Manchmal sind es „nur“ Fausthiebe, die Honka austeilt, andere Male muss er aber auch Leichenteile entsorgen und das Apartment mit Duftbäumen aufwerten.

DER GOLDENE HANDSCHUH ist ein Film, den man riechen kann

der goldene handschuh - Jonas Dassler als Honka vor der Kneipe "Zum goldenen Handschuhe"
Es ist dennoch weniger die Gewalt als solches, die DER GOLDENE HANDSCHUH so eindringlich macht, als vielmehr der Gesamteindruck eines Milieus. Hier gibt es keine Gewinner, die im Film portraitierten Menschen sind Säufer, Obdachlose, Gelegenheitsprostituierte und jeder der Darsteller bringt eine Menge Mut zur Hässlichkeit mit.

Das gilt natürlich vor allem für Honka-Darsteller Jonas Dassler, ein in natura gutaussehender Kerl, der zum Drehzeitpunkt gerade 22 war, aber wie ein unattraktiver Enddreißiger aussieht. Dassler steht damit Charlize Therons Wandlung in MONSTER wenig nach und auch seine Figur ist bei allem Abscheu, den der Zuschauer empfindet, tragisch.

Das zeigt sich vor allem als Fritz Honka mit dem Trinken aufhören will, sogar eine Arbeit findet und plötzlich wie ein normaler Typ wirkt, aber langfristig in alte Gewohnheiten zurückfällt.
Er ist dabei keiner der superklugen Serienkiller, sondern in seiner Vorgehensweise so naiv und stumpf, dass es überrascht, dass er nicht früher gefasst wurde.

der goldene handschuh - Fritz Honka schlägt mit einer Schnapsflasche zu

Widerliche Tristesse trifft bissigen Humor

Dass sich unter all diese Tristesse, die in DER GOLDENE HANDSCHUH den Ton angibt, auch jede Menge Humor mischt, der jedoch nie lächerlich wirkt, ist alles andere als selbstverständlich.
Wenn zum Beispiel der auf Sex hoffende Mörder drei ältere und sturzbetrunkene Frauen mit zu sich nehmen will, eine von ihnen aber einfach auf der Straße kollabiert und die anderen die ohnmächtige einfach liegen lassen, ist das so skurril und absurd in Szene gesetzt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Abgesehen von diesen humoristischen Einschüben, erinnert DER GOLDENE HANDSCHUH an den nicht minder schmutzigen und ebenfalls auf Tatsachen beruhenden DIE MORDE VON SNOWTOWN, wo aber immerhin eine Bezugsperson vorhanden war. Hier gibt es diesen Anker nur in Form zweier Teenager, die Honkas Weg gelegentlich kreuzen, aber letztlich nur eine Randnotiz sind.
Einerseits bleibt man damit als Beobachter auf wohltuendem Abstand, andererseits vermittelt Fritz Honka, seine Kneipe, seine Saufkumpanen, seine Wohnung, selbst seine Opfer, ein Gefühl von tiefer Hoffnungslosigkeit.

Fazit zu DER GOLDENE HANDSCHUH

DER GOLDENE HANDSCHUH ist nun wirklich kein schöner Film, aber ein sehr guter und einer der besten deutschen Genrefilme.

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FAQ

Beruht DER GOLDENE HANDSCHUH auf einer wahren Begebenheit?

Ja. Der Film erzählt die Taten des realen Hamburger Serienmörders Fritz Honka, der zwischen 1970 und 1975 vier Frauen aus dem Umfeld der Reeperbahn tötete, zerstückelte und die Überreste in seiner Dachwohnung versteckte. Grundlage ist der gleichnamige, mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnete Roman von Heinz Strunk aus dem Jahr 2016.

Wie brutal ist DER GOLDENE HANDSCHUH?

Der Film ist verstörend, aber weniger durch reinen Splatter als durch seine schmutzige, hoffnungslose Milieuschilderung. Regisseur Fatih Akin fängt Honkas Gewaltausbrüche schonungslos ein, ohne daraus eine reine Gore-Show zu machen. Der bedrückende Gesamteindruck aus Suff, Verwahrlosung und Gewalt macht ihn zu einem Film, der nichts für schwache Nerven ist – FSK 18.

Wer spielt Fritz Honka in DER GOLDENE HANDSCHUH?

Honka wird von Jonas Dassler gespielt, der zum Drehzeitpunkt erst 22 Jahre alt war und sich per Maske in einen verlebten Enddreißiger verwandelte. Regie führte Fatih Akin (GEGEN DIE WAND), für den es der erste Ausflug ins Horror- und Genrekino war.