Als die ehemaligen You Tuber Danny und Michael Philippou 2022 TALK TO ME veröffentlichten, wusste im Vorfeld kaum jemand, was zu erwarten war. Das sieht bei BRING HER BACK schon anders aus, denn das Debüt erfreute sich großer Beliebtheit und die Erwartungen sind dementsprechend hoch.
Wovon handelt BRING HER BACK?
Als ihr Vater plötzlich stirbt, sind die Stiefgeschwister Andy und Piper plötzlich ohne Eltern. Andy ist zwar fast volljährig und gerne würde er sich um seine jüngere sehbehinderte Stiefschwester kümmern, doch bevor er diese Verantwortung übernehmen kann, müssen die beiden für eine Weile zu einer Pflegemutter.
Die erfahrene Laura scheint da genau die richtige. Sie empfängt Andy und Piper mit einer freundlichen Wärme. Bei ihr wohnt außerdem der kleine Olli, der stumm ist.
Doch nach und nach merkt Andy, dass hier etwas Seltsames vor sich geht und etwas noch Schrecklicheres droht.
Wer partout nicht zu viel erfahren möchte, dem sei an dieser Stelle nur gesagt, dass die Ähnlichkeit zwischen TALK TO ME und BRING HER BACK in einem gesunden Maße gegeben sind. Da beginnt bei den Titeln mit Drei-Wort-Imperativen, zieht sich über die jungen Hauptfiguren, über schwierige Familienkonstellationen, bis hin zu übernatürlichen Elementen.
Wie bei TALK TO ME, wo die ominöse Hand eigentlich nur das klischeebeladene Ouija-Brett ersetzte, hat man auch bei BRING HER BACK den Eindruck, dass man Teile des Films schon mal wo anders so ähnlich gesehen hat.
BRING HER BACK ist stark erzählt…und hat starke Horror-Sequenzen
Aber das ist auch hier egal, weil trotz oder wegen der Tatsache, dass nur eine Handvoll Menschen relevant sind und ein Großteil auf Lauras Grundstück spielt, viel erzählt wird. Manches dient den Figuren, manches der Geschichte.
Zum einen liefern uns die Philippou eine glaubwürdige Ausgangslage und Charaktere, die sich im Verhalten und Optik wie echte Menschen anfühlen. Sora Wong, die die Piper spielt, hat beispielsweise auch im echten Leben eine Sehbehinderung. Aber auch das Miteinander der Figuren wirkt real. Ohne dass es zu breitgetreten wird, lässt sich die liebevolle Beziehung zwischen Piper und Andy erkennen. Vielleicht wird das Wort „Grapefruit“, das sich die beiden im Stil einer Geheimsprache meist dann an den Kopf werfen, wenn einer Unfug redet, etwas über Gebühr strapaziert, aber wenn das das größte Problem eines Films ist, lässt es sich aushalten.
Pflegemutter Laura wirkt wie eine Sozialpädagogin auf Speed, hier schräg, da kümmernd, dort undurchschaubar, aber doch immer stimmig. Sally Hawkins, die Laura spielt, war zwei Mal für den Oscar nominiert, hier zeigt sie warum.
Aber auch die Kinder/Jugendlichen, die zwangsläufig über weniger Schauspielerfahrung verfügen, lässt sich absolut nichts vorwerfen.
Grapefruit
Glaubwürdige Charaktere sind allerdings nicht eindimensional und tatsächlich erfahren wir im Laufe der Geschichte, dass das Verhältnis der Stiefgeschwister nicht immer so positiv war und auch die Beziehung zum Vater nicht dem stereotyp entsprach.
Hier hat jeder sein Päckchen zu tragen, sei es körperlich, emotional, aufgrund von schrecklichen Ereignissen oder sogar… (Mehr im Spoilerteil)
Apropos vielseitig, der Film hat schon durch den überraschenden Tod eine Tragik, ist manchmal aber auch rührend, vereinzelt gar lustig und hat sogar einen gelungenen Soundtrack.
Aber natürlich ist BRING HER BACK vor allem ein Horrorfilm. Und der Schrecken beginnt in kleinen verstörenden Augenblicken, wie den nackten toten Vater, der unter der Dusche aufgefunden wird, setzt sich über Ollis Verhaltensauffälligkeiten fort, hin zu einem grotesken Video, bei dem ein absurdes Ritual gezeigt wird.
Wie bei der Hand in TALK TO ME wissen wir nicht woher das Video genau stammt, wie es seinen Weg hierher fand und auch damit macht der Film vieles richtig. Es ist nicht wichtig, es ist da.
Wichtiger ist, dass das Regie-Team immer mehr Mystery aufbaut, aber seinem Publikum auch immer wieder die Chance lässt ein paar Sachen zu verstehen, ohne dass der Film dafür den Erklärbär spielen muss.
BRING HER BACK mag nicht der typische Body Horror sein, aber immer wenn es physisch wird, weiß man nicht, ob man hin- oder wegsehen soll. Spätestens wenn ein Messer auf ungewöhnliche Weise genutzt wird, ist klar, dass mit dem Film nicht zu spaßen ist.
Auch hier ist im Verlauf ein Anziehen in der Darstellung zu erkennen und das Effekteteam leistet ganze Arbeit.
Spoilerbereich
Achtung Spoiler: wer doch etwas mehr wissen will, dem können wir sagen, dass BRING HER BACK eine gewisse thematische Nähe zu DER VERBOTENE SCHLÜSSEL, LA ABUELA oder DER FLUCH DES KUCKUCKS mit sich bringt, allerdings schon durch das notwendige Ritual, das Lauras verstorbene Tochter zurückbringen soll, einige Alleinstellungsmerkmale besitzt. Und hierfür soll Olli, der nicht er selbst ist, eine tragende Rolle spielen.
Die 18er-Freigabe hat er sich ebenfalls redlich verdient, wozu die besagte Messerszene, aber auch die anschaulichste Auto-Kannibalismus-Szene seit TANZ DER TEUFEL beigetragen haben dürfte.
Spoilerende
Fazit zu BRING HER BACK
Es ist sicher Geschmackssache, ob man BRING HER BACK oder TALK TO ME bevorzugt. Beide sind großartig.
BRING HER BACK hat Tiefe ohne verkopft zu sein und er hat Härte ohne dass die aufgesetzt wirkt.
Der Film des Jahres? Jedenfalls ist er einer der Top-Anwärter.
Bitte mehr davon.
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