Exorzistenfilme haben es bekanntlich schwer durch Neuartigkeit zu glänzen. Trotzdem konnten Werke wie THE SONG OF SOLOMON oder INCARNATE auf ganz unterschiedliche Weise ein paar frische Akzente setzen und auch THE POSSESSION OF HANNAH GRACE müht sich um Andersartigkeit…schon dadurch, dass die Geschichte eigentlich nach dem Exorzismus beginnt.
OK, so ganz stimmt das nicht, denn die ersten Minuten von THE POSSESSION OF HANNAH GRACEzeigen tatsächlich eine 0815-Teufelsaustreibung, wie wir sie oft gesehen haben.
Danach wird uns aber Ex-Polizistin Megan vorgestellt, die nach einem traumatischen Erlebnis den Dienst quittierte und nun ihre Arbeit in einem Leichenschauhaus antritt.
Dass dort in ihrer Nachtschicht eine Leiche eingeliefert wird, ist zunächst natürlich nicht ungewöhnlich. Auch nicht, wie entstellt die Tote ist. Aber als sich eigenartige, nicht erklärbare Dinge in dieser Nacht ereignen und ein bedrohlicher Mann eindringt, der darauf pocht, die tote Frau zu verbrennen, ahnt Megan, dass diese Leiche noch keinen Frieden gefunden hat.
Da es bereits vielerorts zu lesen war, ist eine Spoilerwarnung wohl nicht nötig, aber die Erklärung besteht darin, dass die Tote die Frau aus dem Exorzismus ist und während diesem starb, sodass der Dämon noch immer in ihrem Körper haust.
Der Dämon lebt weiter
Hübsche Idee, die aber natürlich trotzdem an ein paar bestehende Filme erinnert.
Da wäre zum einen NIGHTWATCH – NACHTWACHE zu nennen, in dem die langen kargen Flure einer Pathologie für entsprechenden Schrecken sorgten, der sich aber Übernatürliches sparte.
Mehr Parallelen zeigen sich gegenüber THE AUTOPSY OF JANE DOE.
Beide Filme sind die US-Debüts europäischer Regisseure, beide beschäftigen sich mit einer Leiche, die unangenehm viel Leben aufweist und spielen in einer einzelnen Nacht in der Pathologie.
Allerdings lud JANE DOE zum Miträsteln und einem Grusel ein, der leise beginnt und sich allmählich steigert, wohingegen Diederik Van Rooijens THE POSSESSION OF HANNAH GRACE weniger subtil vorgeht.
So altbacken wie die vorweggestellte Teufelsaustreibung wirken auch die späteren Effekte.
Beispiel: Ein Kollege versucht Megan (und somit die Zuschauer) zu erschrecken und taucht plötzlich an einer Stelle auf, an die er sich nie und nimmer hätte schleichen können, ohne von ihr gesehen werden zu müssen.
Nur ein Detail, aber diese Szene ist symptomatisch für THE POSSESSION OF HANNAH GRACE, dem es nicht darum geht, echten und dauerhaften Schrecken zu erzeugen, sondern sich durch Standard-Moves kämpft, die zwar ansprechend fotografiert sind, letztlich aber so steril wirken, wie der Beton-Keller, in dem der Großteil des Films spielt.
THE POSSESSION OF HANNAH GRACE hat eine gute Idee und eine altbackene Umsetzung
Da hilft auch nicht der Subplot um Megan und ihren Ex-Freund (wen es interessiert: ein hübsches Pärchen), dass jener wissende Eindringling gleich mehrfach auftaucht oder das Ende reichlich überhastet daherkommt.
Auch JANE DOE bediente sich einiger Jumpscares, wirkte aber weit reifer. THE POSSESSION OF HANNAH GRACE scheint viel mehr auf ein junges unerfahrenes Publikum ausgerichtet, das womöglich DER EXORZIST als „langweilig“ ansieht, sich aber von der Zurschaustellung der gleichen Effekte beeindrucken lässt.
So lässt sich zumindest auch erklären, dass bei THE AUTOPSY OF JANE DOE die tote Frau tatsächlich nackt gezeigt wurde, man in THE POSSESSION OF HANNAH GRACE aber umständlich darum bemüht ist, nur nicht zu viel tote Haut zu zeigen.
Mal ehrlich Leute, Horrorfilme sind für Erwachsene. Keiner stirbt an einem Nippel!
Sieht man THE POSSESSION OF HANNAH GRACE einfach nur als weiteren oberflächlichen Geister-/Exorzistenfilm findet man auch ein paar unheimliche, unterhaltsame Szenen, aber wie das eben mit Fast Food so ist: es macht nicht lange satt und hier wurde die Chance auf einen besseren Film trotz guter Ausgangslage mal wieder leichtfertig vertan.
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FAQ
Was macht THE POSSESSION OF HANNAH GRACE anders als andere Exorzismus-Filme?
Der Film setzt dort an, wo das Genre üblicherweise endet: Der Exorzismus findet gleich zu Beginn statt und schlägt fehl, die Besessene stirbt. Die eigentliche Geschichte spielt danach in der Pathologie, in die ihre entstellte Leiche eingeliefert wird – der Dämon haust nämlich weiterhin in ihrem Körper. Der ursprüngliche Arbeitstitel CADAVER traf den Inhalt daher deutlich besser.
Wer spielt in THE POSSESSION OF HANNAH GRACE mit?
Die Hauptrolle der ehemaligen Polizistin Megan Reed übernimmt Shay Mitchell, bekannt aus der Serie PRETTY LITTLE LIARS. Die titelgebende Hannah Grace verkörpert Kirby Johnson, deren extrem körperliche Darstellung der verrenkten Leiche zu den Stärken des Films zählt. In weiteren Rollen sind Stana Katic und Louis Herthum zu sehen. Regie führte der Niederländer Diederik Van Rooijen, für den es das US-Debüt war.
Wie gruselig ist THE POSSESSION OF HANNAH GRACE?
Der Film lebt von der klaustrophobischen Kellerkulisse, gutem Sounddesign und dem Spiel mit Licht und Schatten, verlässt sich aber stark auf konventionelle Jumpscares. Explizite Gewalt oder Nacktheit meidet er auffällig – wer subtilen, sich steigernden Grusel wie in THE AUTOPSY OF JANE DOE erwartet, wird hier eher Standardkost finden.










